Von Julian Korb
Der globale KI-Boom hat Folgen, die weit über die IT-Branche hinausreichen. Während weltweit neue Rechenzentren in Rekordtempo entstehen, steigen auch der Strombedarf und die Nachfrage nach Gasturbinen. Hersteller wie Siemens Energy und GE Vernova berichten von randvollen Auftragsbüchern – und das könnte zum Problem für den geplanten Ausbau von Gaskraftwerken in Deutschland werden.
"Die Nachfrage nach Gasturbinen war in den letzten Jahren aufgrund der Umstellung von Kohle auf Gas und des steigenden Strombedarfs in vielen Regionen bereits gut", sagte Siemens-Energy-Chef Christian Bruch Anfang Oktober in einem Pressegespräch. "Darüber hinaus kam über die letzten zwei Jahre der hohe Strombedarf für Rechenzentren, insbesondere in den USA dazu." Dies habe zu einer extrem hohen Nachfrage nach Gasturbinen geführt, insbesondere, wenn diese kurzfristig verfügbar seien.
Drittel der Reservierungen entfallen auf Rechenzentren
Auch der US-amerikanische Hersteller GE Vernova bestätigt den Trend. "Wir verzeichnen weiterhin eine robuste Nachfrage nach Gasstrom, wobei die Aufträge im Segment Power um 50 Prozent gestiegen sind", teilte eine Sprecherin auf Anfrage der ZfK mit. Der Auftragsbestand für Gasstromanlagen sei seit dem letzten Quartal von 55 auf 62 Gigawatt gewachsen. Das Unternehmen investiere derzeit mehr als 300 Millionen US-Dollar in den Ausbau seiner Produktionskapazitäten.
Laut GE Vernova ist das eigene Fertigungsprogramm bereits fast ausgebucht: "Wir haben öffentlich erklärt, dass wir für 2028 fast vollständig ausgebucht sind und Slots für 2029 verkaufen, während wir für 2030 und 2031 in kommerziellen Verhandlungen stehen." Der Konzern will seine Kapazitäten bis 2026 auf 70 bis 80 Schwerlast-Gasturbinen pro Jahr steigern – das entspricht rund 20 Gigawatt Turbinenleistung.
Einen wesentlichen Anteil an dieser Nachfrage hat die Digitalisierung. "Etwa ein Drittel unserer Slot-Reservierungsvereinbarungen steht im Zusammenhang mit dem Ausbau von Rechenzentren", so die Sprecherin. Dabei bleibe auch im Bereich Elektrifizierung die Nachfrage nach Rechenzentren weiterhin stark. "In diesem Jahr haben wir bisher Aufträge im Wert von rund 900 Millionen US-Dollar von Hyperscalern im Bereich Elektrifizierung verbucht, verglichen mit 600 Millionen US-Dollar im Jahr 2024."
Besonders stark zeigt sich der Gasturbinenmarkt derweil in den USA, aber auch im Nahen Osten und zunehmend in Europa. Verträge über große HA-Gasturbinen, die effizientesten Grundlastanlagen des Herstellers, wurden zuletzt unter anderem in Mexiko, Saudi-Arabien, Kuwait, Polen und Malaysia unterzeichnet.
In Deutschland steht der Boom noch aus
Die hohe Nachfrage führt dazu, dass kurzfristig kaum noch Produktionskapazitäten frei sind. Zwar betonen die Hersteller, dass sie Aufträge in der Reihenfolge ihres Eingangs abwickeln und keine Bevorzugung bestimmter Kunden vornehmen. Doch klar ist: Wer spät bestellt, muss warten.
Das sehen auch Branchenverbände mit Sorge. "Die Kapazitäten sind global sehr gut ausgelastet. Deutschland ist hier mit der Schaffung von investitionsfreundlichen Rahmenbedingungen spät dran", sagt eine Sprecherin des Herstellerverbandes VDMA. In Deutschland stehe der Boom beim Bau neuer Gaskraftwerke bislang noch aus, weil das angekündigte Förderprogramm seit Jahren auf sich warten lasse. Aktuell stammen die wenigen laufenden Projekte vor allem aus den Kraft-Wärme-Kopplungs-Ausschreibungen, etwa von EnBW in Stuttgart-Münster und Heilbronn.
Zum Jahresende 2025 findet die vorerst letzte Ausschreibungsrunde für KWK- und innovative KWK-Anlagen statt. Eine Novelle des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes sei überfällig, so der Verband.
Engpässe nicht nur bei Turbinen
Zugleich betont der VDMA, dass die Produktions- und Lieferketten im Kraftwerksbau heute hochkomplex sind. "Nachdem die Hersteller ihre Kapazitäten noch vor wenigen Jahren reduziert haben, brauchen erneute Kapazitätsanpassungen Zeit – aber auch langfristige Perspektiven zur Marktentwicklung", heißt es. Engpässe beträfen nicht nur die Turbinen selbst, sondern auch Transformatoren, Komponentenlieferanten und die Montagekapazitäten.
Hinzu kommen technische Herausforderungen: Wasserstofffähigkeit, hohe Effizienzanforderungen und aufwendige Zertifizierungen verlängern die Fertigungszeiten zusätzlich. Steigende Rohstoffpreise, volatile Lieferketten und geopolitische Risiken verschärfen die Situation.
Für Deutschland bedeutet das: Der von der Bundesregierung geplante Aufbau neuer wasserstofffähiger Gaskraftwerke könnte ins Stocken geraten, wenn der Markt leergefegt bleibt. "Wenn die richtigen Signale gesetzt werden und Kapazitäten aufgebaut werden, können die Hersteller liefern", betont der VDMA. "Aber ohne frühzeitige Bestellung, verbindliche Rahmenbedingungen und Flexibilität beim Technologiemix sind Engpässe möglich."
Damit steht die deutsche Energiepolitik unter Zugzwang. Während der globale KI-Boom den Gasturbinenmarkt heißlaufen lässt, ist die nationale Kraftwerksstrategie noch im Aufbau. Ob sich das in den kommenden Jahren zu einem Standortnachteil auswächst, dürfte auch davon abhängen, wie schnell Politik und Industrie auf die neue Dynamik reagieren.


