Mieterstrom gilt vielen Stadtwerken immer noch als komplexes Nischenthema. Im Interview erklärt Frederik Pfisterer, Gründer und Geschäftsführer von Solarize, warum technische Hürden oft nur vorgeschoben sind, wieso das Modell wirtschaftlicher ist als der reine Stromhandel und warum Stadtwerke das Thema Mieterstrom außerhalb der Marktrolle “Lieferant” denken müssen.
Herr Pfisterer, viele Stadtwerke zögern beim Thema Mieterstrom. Liegt das wirklich an der komplexen Technik, oder schauen die Versorger schlicht durch die falsche Brille?
Es ist eine Mischung, aber das Kernproblem ist oft die Brille. Viele Stadtwerke betrachten Mieterstrom traditionell aus der Rolle des klassischen "Stromlieferanten" heraus. Sie versuchen, dieses Geschäft mit denselben Teams und denselben etablierten IT-Systemen abzuwickeln, die für die Abrechnung von tausenden Haushaltskunden ausgelegt sind. Das funktioniert nicht. Diese Systeme sind nicht für dezentrale Versorgungskonzepte gebaut worden. Mieterstrom ist in erster Linie ein Contracting-Geschäft. Wer versucht, das in die Prozesse des konventionellen Vertriebs zu pressen, hat wenig Freude damit.
Aber die Hürden sind doch real: Messkonzepte, Bürokratie, Abrechnung. Ist der Vorwurf der "Unumsetzbarkeit" wirklich unberechtigt?
Der Vorwurf ist veraltet. Das Bild von 2018 wird oft unkritisch in die Gegenwart übertragen. Heute haben wir mit dem Liegenschaftsmodell im Messstellenbetriebsgesetz und den virtuellen Summenzählern im Energiewirtschaftsgesetz zwei entscheidende Hebel, die vieles vereinfachen. Seit diesem Jahr gibt es sogar standardisierte Wechselprozesse in und aus dem Mieterstrom, die der Reststromlieferant am Summenzähler anstoßen kann. Das heißt: Die Zeitreihen der Teilnehmer, des Summenzählers sowie von PV-Erzeugung und Reststrom aus der klassischen Lieferantenrolle lassen sich automatisiert zusammenführen und abrechnen. Das ist ein massiver Unterschied zu früher und macht Mieterstrom skalierbar.
Wie sieht es technisch insbesondere bei Messkonzepten und Abrechnung aus? Viele Versorger sagen: "Das ist alles viel zu kleinteilig."
Auch die Technik ist da: Intelligente Messkonzepte, standardisierte Messkonzepte und spezialisierte Software, die genau für die Anforderungen der dezentralen Energieversorgung gebaut ist, machen den Prozess digitalisierbar. Mieterstrom ist heute kein technisches Hexenwerk mehr, sondern mit effizienten Prozessen abbildbar – vorausgesetzt, man nutzt die richtigen Werkzeuge.
Lohnt sich der Aufwand denn wirtschaftlich? Ein hartnäckiges Gerücht besagt, die Margen seien zu gering.
Auch hier hilft es, die Contracting-Brille aufzusetzen. Natürlich sollte man nicht jedes Projekt um jeden Preis verfolgen – eine gewisse "Schwungmasse" braucht es natürlich schon. Alles ab 10 Wohneinheiten und 30-kWp-PV-Anlage mit guter Mieterstruktur funktioniert aber in der Regel – im Gewerbe ist es teilweise noch einfacher. Erst einmal umgesetzt ist die Spanne zwischen den Gestehungskosten einer PV-Anlage auf dem Dach und dem Verkaufspreis an die Teilnehmer attraktiver als die Handelsmarge im klassischen Stromvertrieb. Professionelle Mieterstrom-Anbieter würden nicht deutschlandweit skalieren, wenn dieses Modell nicht profitabel wäre.
Apropos Wettbewerb: Warum verlieren Stadtwerke Projekte an die professionellen Mieterstrom-Contracting-Anbieter, obwohl sie vor Ort sind?
Weil die neuen Player am Markt sich als Partner der Wohnungswirtschaft mit einer klaren Dekarbonisierungs-Mission sehen. Sie liefern ein "Rundum-Sorglos-Paket": Infrastruktur, Wertsicherung und CO2-Senkung. Die Wohnungswirtschaft oder die Kommune sucht keine Stromlieferverträge, sondern Lösungen, die auf ihre Klimaziele einzahlen. Da hätte das Stadtwerk einen Standortvorteil und wäre für die kommunalen Wohnbaugesellschaften und Gewerbetreibenden sicherlich der bevorzugte Partner.
Stichwort Alternativen: Wird das klassische Mieterstrom-Modell nicht bald durch Energy Sharing oder die gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV) abgelöst?
Nein, diese Modelle sind Ergänzungen, kein Ersatz. Energy Sharing ist spannend, hat aber einen entscheidenden Nachteil: Bisher gibt es keine Anreize durch reduzierte Netzentgelte. Die Rentabilität ist also nur bei sehr speziellen Projekten gegeben - man sollte das eher als Optimierung gegenüber der Direktvermarktung sehen, in der die sommerlichen Marktwerte zukünftig immer weiter gegen null gehen. Und die GGV ist eher für Szenarien gedacht, in denen der Vermieter keine Vollversorgung leisten will. Für die Wohnungswirtschaft und Stadtwerke bleibt Mieterstrom aus unserer Sicht das attraktivste Modell.
Was raten Sie Geschäftsführern von Stadtwerken, die das Thema bisher stiefmütterlich behandelt haben?
Betrachten Sie es neu. Lösen Sie den Mieterstrom organisatorisch aus dem klassischen Vertrieb heraus. Wer es für den Wärmebereich – etwa bei KWK-Anlagen – noch nicht getan hat, sollte über eine eigene Contracting-Abteilung nachdenken. Nutzen Sie Ihren massiven Standortvorteil und den Draht zur Kommune, aber gehen Sie mit spezialisierten Strukturen und IT-Lösungen an den Start. Die Technik ist reif, der Markt ist da – die eigentliche Hausaufgabe liegt jetzt in der Organisation.



