"Wenn Ziele nicht nur am Anfang des Jahres definiert, sondern regelmäßig überprüft werden, wird Führung verbindlicher – hier entsteht der eigentliche Zauber", sagt Berater Kai Goldhorn.

"Wenn Ziele nicht nur am Anfang des Jahres definiert, sondern regelmäßig überprüft werden, wird Führung verbindlicher – hier entsteht der eigentliche Zauber", sagt Berater Kai Goldhorn.

Bild: © Pavlo Syvak/AdobeStock

Die Anforderungen an Netzbetreiber steigen: Digitalisierung, Regulierung, Fachkräftemangel und der Ausbau erneuerbarer Energien belasten Prozesse und Personal. Trotz dieser Dynamik bleiben Jahreszielprozesse in vielen Unternehmen erstaunlich stabil – oft zu stabil. Zielgespräche werden dokumentiert, Boni berechnet, Tabellen gefüllt. Doch als Steuerungsinstrument entfalten sie nur selten Wirkung. Das zeigen Beobachtungen mehrerer Netzbetreiber, die ihre Führungs- und Zielsysteme zuletzt überprüft haben.

"Viele Zielsysteme sind zu administrativ, zu wenig strategisch und zu starr", sagt Kai Goldhorn, Mitgeschäftsführer der Karlsruher Unternehmensberatung Future Business Partners. "Sie entstehen aus Vergütungslogiken heraus, aber nicht aus der Frage, was das Unternehmen wirklich voranbringt." Dass dieses Problem nicht nur betriebswirtschaftlich, sondern zunehmend auch netzstrategisch relevant ist, zeigt sich an der wachsenden Komplexität: neue gesetzliche Anforderungen, der steigende Steuerungsbedarf im Verteilnetz, § 14a EnWG, detailliertere KPI-Systeme, höhere Anforderungen an IT-Schnittstellen und eine operative Belastung, die vielerorts über Jahre kaum nachgelassen hat.

Warum klassische Zielvereinbarungen ihre Wirkung verlieren

Bei vielen kommunalen Versorgern und Netzbetreibern werden ihm zufolge Ziele jährlich nach dem gleichen Muster festgelegt: drei bis fünf Ziele pro Führungskraft, ein bis zwei Entwicklungsthemen, Kopplung an variable Vergütung, zwei formale Gespräche pro Jahr. Goldhorn beobachtet, dass dieses Modell den aktuellen Anforderungen nicht mehr genügt.

"Die Energiewende bringt eine enorme operative Taktung mit sich. Wenn Zielgespräche nur einmal im Jahr stattfinden, gehen strategische Themen unter", sagt er. Hinzu kommt eine strukturelle Schieflage: Netzbereich, Kundenservice, IT und marktorientierte Einheiten haben sehr unterschiedliche Zeitlogiken und Prioritäten. Ein einheitliches Zielsystem erzeugt Formalität – aber nicht zwingend Fokus und Verzahnung.

Viele Ziele seien zu vage, nicht überprüfbar oder zu stark auf individuelle Bereiche ausgerichtet. Die Folge: "Im Zweifel erreichen alle ihren Bonus, obwohl niemand sagen kann, ob die Ziele wirklich geholfen haben", so Goldhorn. Für Netzbetreiber, die gleichzeitig Effizienzprogramme aufsetzen, Engpassmanagement aufbauen oder Steuerungstechnik modernisieren müssen, wird das zum Problem – weil Prioritäten verschwimmen und Umsetzungskraft verloren geht.

Was funktionierende Jahresziele auszeichnet

Damit Ziele tatsächlich wirksam werden, braucht es nach Goldhorn vor allem drei Dinge:

1. Sie sind Teil einer gemeinsamen Ausrichtung
Ziele sollten auf zentrale Unternehmensprioritäten einzahlen – etwa Digitalisierungsschritte, Prozessqualität, Kundenservice oder Engpassreduktion. "Es reicht nicht, dass jede Führungskraft für sich Ziele formuliert. Es braucht einen abgestimmten Rahmen", so Goldhorn.

2. Sie konzentrieren sich auf wenige, überprüfbare Kernelemente
Drei klare Ziele wirken stärker als eine Liste von Vorhaben, deren Ergebnisse kaum messbar sind.

3. Sie legen den Fokus auf beeinflussbare Stellhebel
Kennzahlen zu Verfügbarkeit und Kosten sind wichtig – aber nicht immer direkt steuerbar. Prozessqualität, Entscheidungswege oder Schnittstellenverbindlichkeit hingegen schon. Entscheidend sei die Verknüpfung mit regelmäßigen Führungsroutinen: "Ziele brauchen einen Dialog. Führungskräfte müssen Fortschritte und Hindernisse in kurzen Zyklen besprechen. Sonst verschwinden Ziele im Tagesgeschäft."

Was Netzbetreiber aktuell umstellen – Einordnung ohne fiktive Beispiele

Mehrere kommunale Unternehmen haben Goldhorn zufolge ihre Systeme in den vergangenen zwei Jahren angepasst. Zwar unterscheiden sich die Ansätze, doch die Muster sind ähnlich:

  • Klarheit über die Ergebnisse, die man durch die Zielerreichung anstrebt
  • Weniger, aber klarere Ziele
  • Fokus auf bereichsübergreifende Prioritäten
  • Stärkere Verknüpfung mit KPIs aus Netzbetrieb, Digitalisierung und Kundenservice
  • Monatliche oder Dialogformate und Review-Routinen statt jährlicher Einzelgespräche
  • Entkopplung – temporär oder dauerhaft – von individuellen Boni

Gerade im Netzbetrieb führe das zu spürbaren Veränderungen. Entscheidungen würden schneller getroffen, Konflikte zwischen Bereichen früher erkannt und operative Probleme würden sich systematisch adressieren lassen. "Wenn Ziele nicht nur am Anfang des Jahres definiert, sondern regelmäßig überprüft werden, wird Führung verbindlicher – hier entsteht der eigentliche Zauber", sagt Goldhorn.

Warum der Bonusmechanismus zur Diskussion steht

Viele Stadtwerke hinterfragen aktuell ihre variablen Vergütungssysteme. Der Grund: Sie fördern individuelle Zielerreichung, obwohl die operative Realität längst teambasiert ist. Goldhorn sieht diesen Wandel klar: "Netzbetreiber arbeiten heute an neuen, bereichsübergreifenden Herausforderungen. Da passt ein rein individueller Bonus oft nicht mehr." Einige Unternehmen setzen den Bonus temporär aus, andere prüfen Modelle der kollektiven Ergebnisbeteiligung.

Weniger Bürokratie, mehr Steuerung – wie der Einstieg gelingt

Aus Sicht von Goldhorn braucht es für wirksame Zielsysteme keine neue Software und keinen großen Umbau – sondern vor allem Klarheit, Priorisierung und ergebnisorientierte Routinen. Sein Fazit: "Ziele spiegeln die Führungslogik eines Unternehmens. Wenn sie klar definiert, aus dem Unternehmensfokus abgeleitet und im Team verankert sind, helfen sie Netzbetreibern, die wachsende Komplexität der Energiewirtschaft zu bewältigen."

Für Unternehmen, die ihre Systeme überarbeiten wollen, empfiehlt er einen pragmatischen Einstieg: Standortbestimmung, gemeinsamer Prioritätenrahmen, wenige Fokusziele und kurze, feste Routinen zur Überprüfung. "Schon kleine Anpassungen können eine große Wirkung haben, wenn Führungskräfte sie konsequent anwenden."

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