Die Bundesregierung will auf den Boom bei Rechenzentren reagieren. (Symbolbild)

Die Bundesregierung will auf den Boom bei Rechenzentren reagieren. (Symbolbild)

Bild: © Coromatic

Die Bundesregierung will den rasanten Ausbau von Rechenzentren mit einer neuen Strategie in geordnete Bahnen lenken – und macht kommunale Stadtwerke zu zentralen Partnern beim Ausbau von Stromnetz, Wärmenetzen und erneuerbaren Energien.

Ein Entwurf dieser Nationalen Rechenzentrumsstrategie, welcher der ZFK vorliegt, zeigt: Stadtwerke werden sowohl als Netzbetreiber als auch als Energie- und Wärmelieferanten massiv gefordert – und können zugleich neue Geschäftsmodelle erschließen.

Rechenzentren-Boom als Systemaufgabe

Die Strategie, für die das Bundesministerium für Digitalisierung und Staatsmodernisierung federführend ist, kommt dabei keineswegs zu früh. Denn Rechenzentren sind heute schon ein Energie-Faktor in Deutschland. Sie verfügen bereits heute über rund 3000 Megawatt (MW) IT-Anschlussleistung und verbrauchen etwa 21 Terawattstunden (TWh) Strom pro Jahr – rund 4 Prozent des Bruttostromverbrauchs.

Bis 2030 sollen die Rechenkapazitäten mindestens verdoppelt und die KI-Kapazitäten vervierfacht werden – damit wächst der Druck auf Stromnetz, Energieverbrauch und Netzanschlüsse in vielen Stadtwerke-Gebieten.​

Hotspots wie Frankfurt/Rhein-Main stoßen bei Stromnetzanschlusskapazitäten an Grenzen, sodass neue Cluster und Standorte – etwa in Berlin-Brandenburg oder in strukturstarken Regionen mit guter Netzanbindung – in den Fokus rücken, in denen häufig kommunale Stadtwerke die Verteilnetze betreiben. Für sie wird der Rechenzentren-Ausbau zur strategischen Infrastrukturaufgabe.

Vergabe von Netzanschlüssen wird umgestellt

Kern der geplanten Strategie der Bundesregierung ist daher ein neues Vergaberegime für Netzanschlusskapazitäten, das sich explizit auch auf Verteilnetze erstreckt. Das bisherige Windhundprinzip, das unter anderem durch massenhafte Batteriespeicher-Anfragen die verfügbaren Kapazitäten blockiert, steht deshalb auf dem Prüfstand.

Künftig sollen Reservierungsmechanismen, höhere Transparenz und digitalisierte Prozesse den Anschluss großer Verbraucher wie Rechenzentren strukturieren.​ Für kommunale Netzbetreiber bedeutet das, sie müssen künftig Prozesse für leistungsstarke Netzanschlüsse professionalisieren, digitalisieren und stärker projektfortschrittsabhängig gestalten.​

Außerdem sollen sie nach dem Willen des Digitalministeriums frühzeitig in die Abstimmung mit Rechenzentrumsbetreibern eingebunden werden, um Netzanschlüsse und Netzausbau vorausschauend planen zu können.​

Zudem sieht die Strategie flexible Netzanschlussvereinbarungen (Englisch: Flexible Connection Agreements, FCA) vor, mit denen Rechenzentren bereits bei begrenzten Netzanschlusskapazitäten an das Stromnetz gehen und mitwachsen können. Stadtwerke als Verteilnetzbetreiber müssen diese FCAs dann vertraglich, technisch und regulatorisch umsetzen und erhalten dafür einen Standardrahmen, den der Bund mit der Branche erarbeiten will.

Energieverbrauch und PPAs

Auch die Stromversorgung wird zur Herausforderung: Rechenzentren müssen ihren Strombedarf nach Energieeffizienzgesetz ab 2027 bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien decken – ein Feld, auf dem Stadtwerke als PPA-Partner, Direktvermarkter und Betreiber von Wind-, PV- oder anderen EE-Anlagen gefragt sind.

Die Strategie kündigt einen Dialogprozess zwischen Rechenzentrums- und Energiebranche an, um PPAs, gemeinsame Erneuerbaren-Projekte und On-Site-Lösungen systematisch voranzubringen.​

Für Stadtwerke ergeben sich damit Chancen, langfristige Lieferverträge für grünen Strom mit großen, planbaren Abnehmern einzugehen.​ Die Kehrseite: Es entstehen auch Risiken, wenn Versorger Netze und Erzeugung nicht schnell genug an den steigenden Energieverbrauch der Rechenzentren anpassen.​

Parallel sollen laut der Strategie übrigens die bisherigen Staatszuschüsse zu EEG- und Übertragungsnetzkosten fortgeführt und Rechenzentren in die Strompreiskompensation einbezogen werden, was indirekt über Netzentgelte und Beschaffungskosten auch die Kalkulation kommunaler Energieversorger beeinflusst.

Abwärmenutzung gewinnt an Bedeutung

Für Stadtwerke birgt die Entwicklung aber auch Chancen. So sieht das Ministerium in der Abwärme von Rechenzentren einen Hebel für Klimaschutz und Dekarbonisierung der Wärmeversorgung. Weil an vielen Rechenzentrumsstandorten bisher kein geeignetes Wärmenetz existiert, sollen Anforderungen praxisnäher werden und die tatsächliche technische und wirtschaftliche Nutzbarkeit vor Ort berücksichtigen.​

Beitreiber von Fernwärmenetzen können besonders profitieren. So will die Bundesregierung auf EU-Ebene klären, ob die steuerfreie Abgabe unentgeltlich bereitgestellter Abwärme möglich ist. Das würde Projekte wirtschaftlicher machen.​ Auch soll die Ansiedlung von Rechenzentren stärker mit der kommunalen Wärmeplanung verknüpft werden, damit mehr Wärmequellen in der Nähe von Netzen erschlossen werden können.

Für Stadtwerke wachsen damit aber auch die Anforderungen an integrierte Wärme- und Stromnetzplanung, inklusive Anpassungen der Temperaturregime und Investitionen in Netzerweiterungen.

Flächen, Planung und kommunale Erlöse

Für Kommunen zudem relevant: Die Bundesregierung will "Vorzugsflächen" für Rechenzentren definieren – insbesondere Brownfields wie ehemalige Kraftwerks- oder Industrieareale –, die bereit für Ansiedlungen (Englisch: "ready-to-use") sind. Die Kommunen sollen dabei frühzeitig mit Netzbetreibern und Wirtschaftsakteuren Konzepte entwickeln, in die Stadtwerke als lokale Infrastrukturpartner regelmäßig eingebunden sein werden.​

Um die Akzeptanz zu erhöhen, prüft der Bund zudem einen besonderen Zerlegungsmaßstab bei der Gewerbesteuer für reine Rechenzentrumsstandorte, damit Standortkommunen stärker vom Steueraufkommen profitieren. Dies würde auch die Position kommunaler Versorger bei der politischen Diskussion um Netzanschlüsse, Flächenbereitstellung und Investitionen in Strom- und Wärmenetze stärken.

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