Seit der Energiekrise hat der Ausbau von Photovoltaik(PV)-Anlagen deutlich an Fahrt aufgenommen. Auch dank günstiger Solarmodule aus China. Mittlerweile ist in Deutschland eine PV-Leistung von über 100 Gigawatt (GW) installiert. Im ersten Quartal 2025 liegt der Zubau nun erstmals wieder unter den Zielen der Bundesregierung, wie die Bundesnetzagentur kürzlich bekanntgab. Die ZfK sprach mit dem deutschen Physiker und Solarforscher Andreas Bett über den PV-Zubau und den Zustand der deutschen Solarproduktion.
Herr Professor Bett, in den vergangenen drei Jahren haben wir in Deutschland einen Solarboom erlebt. Geht die Entwicklung so weiter?
Die letzten drei Jahre waren ein großer Erfolg. Die Ampel-Regierung hat die Bremsen gelöst und ein klares Bekenntnis für erneuerbare Energien abgegeben. Dass wir jetzt so viele Erneuerbare am Netz haben, ist ein wirtschaftlicher Erfolg. Im Moment ist im Markt eine starke Verunsicherung zu spüren, was unter anderem auch daran liegt, dass negative Börsenstrompreise so stark in die Presse gelangt sind.
Liegt es nur an der Berichterstattung in der Presse?
Wenn man sich anschaut, wie sich Negativpreise tatsächlich finanziell auswirken, stellt man fest, dass sie schon noch gut zu verkraften sind. Die alte Bundesregierung hat zudem mit dem Stromspitzenpaket auf die Situation reagiert. Dennoch bleibt in den Köpfen eine Verunsicherung zurück, ob Projekte künftig wirtschaftlich sind.
Wie ist Ihre Prognose für den Solarausbau in diesem Jahr?
Meine Einschätzung ist, dass wir einen kleinen Einbruch erleben werden. Auch, weil sich die neue Regierung erst sondieren und Stellung beziehen muss. Auf der anderen Seite hat sich über die Jahre gezeigt, dass Photovoltaik den kostengünstigsten Strom zur Verfügung stellen kann. Dieser Vorsprung ist technologisch nicht zu nehmen. Außerdem glaube ich, dass ein wichtiges Element öffentlich noch kaum wahrgenommen wird.
Nämlich?
Die Speichermöglichkeiten über Batterien. Die Hälfte des PV-Zubaus in den vergangenen Jahren fand auf Dächern statt. Hier wird heute schon bei 80 Prozent der Fälle eine Batterie mit installiert. Wenn diese Speicher erst intelligent bewirtschaftet werden, lassen sich die Negativpreise gut kompensieren. Auch bei den Freiflächen-Anlagen werden zunehmend mehr Großspeicher installiert. Langfristig wird sich das Thema Negativpreise regeln und dann wird auch wieder ein starker Zubau von Photovoltaik stattfinden.
Befeuert wurde der Solarboom in den letzten Jahren auch durch sinkende Modulpreise. Können Solarmodule so preiswert bleiben?
Wir führen am Fraunhofer ISE detaillierte Kostenstudien durch und schauen uns an, wie hoch Produktionskosten in China sind. Die börsengelisteten, chinesischen Modulhersteller haben in den vergangenen Jahren kein Geld verdient, weil sie unter Herstellungskosten verkauft haben. Zeitweise haben wir Preise für Standardmodule unter 10 Cent pro Watt gesehen. Das wird nicht so bleiben.
Welches Preisniveau halten Sie für realistisch?
Ich kann mir vorstellen, dass wir mittelfristig sogar auf 14 Cent als obere Grenze zugehen. Die Preise, die wir zuletzt erlebt haben, hatten nichts mit der Realität zu tun und das ist auch allen Akteuren in der Branche bewusst. Wenn sich die Marktmechanismen wieder eingespielt haben und technische Innovationen hinzukommen, können die Preise sicherlich auch wieder sinken. Aber dieses Preisniveau unter 10 Cent erwarte ich auf absehbare Zeit nicht mehr.
Welche technischen Innovationen kommen Ihnen da in den Sinn?
Bei Standardsolarzellen mit Silizium sehen wir die Möglichkeit, einen Wirkungsgrad von 25 oder sogar 26 Prozent zu erreichen. Diese Entwicklung wird recht schnell kommen. Derzeit sehen wir schon erste Module mit einem Wirkungsgrad von 24 Prozent im Markt. Dann ist aber irgendwann eine natürliche Grenze erreicht. Insbesondere bei der Modulfertigung, etwa für verschattungstolerantere Module, sehen wir aber noch ein großes Potenzial für technologische Verbesserungen. Dann stellen Tandemsolarzellen mit dem Potenzial für höhere Wirkungsgrade die nächste Entwicklungsstufe dar. In Deutschland sind wir bei dieser Technologie in der Forschung gut aufgestellt. Mit Oxford PV gibt es auch eine erste Firma, welche diese Technologie industriell umsetzt. Das wäre auch eine gute Möglichkeit, hier in die Produktion einzusteigen.
Die Solarproduktion in Deutschland hat im vergangenen Jahr ordentlich Federn gelassen. Mehrere Modulhersteller haben Werke geschlossen und die Produktion verlagert.
Die Entwicklung war in den vergangenen Jahren dramatisch. Mit Modulpreisen unter Herstellungskosten aus China konnten deutsche Hersteller nicht mithalten. Ich bin überzeugt, dass wir bei Spezialmodulen eine Chance hätten. Das ist verglichen mit Standardmodulen, die Massenware sind, ein kleiner Markt, hat aber immer noch eine Größe im mehrstelligen Gigawatt-Bereich. Das wäre eine Riesenchance, um Modultechnologie weiterzuentwickeln, speziell in Deutschland und Europa. Bei der integrierten Photovoltaik bin ich hoffnungsfroh. Man darf auch nicht vergessen, wie wichtig eine eigene Produktion aus Gründen der Resilienz wäre.
Können Sie das ausführen?
Unsere Abhängigkeit ist riesig. Bei Siliziumwafern, der teuersten Komponente, stammen 99 Prozent aus China. Wir brauchen in Europa die gesamte Wertschöpfungskette, vom Silizium über das Modul bis zum Wechselrichter. Ohne politische Unterstützung wird das aber nicht gehen, das muss man klar so sagen. Das wird eine große Herausforderung für die neue Regierung. Die EU hat mit dem Net Zero Industry Act einen Rahmen gesetzt, der nun in nationales Recht umgesetzt werden muss. In Ländern wie Frankreich oder Italien etwa gibt es bereits Fördermöglichkeiten für eine Photovoltaikproduktion.
Nehmen wir einmal an, die politische Unterstützung wäre da: Wie schnell ließe sich die PV-Produktion hierzulande wieder aufbauen?
Das kommt auf die Ebene an. Die Modulproduktion dürfte schnell gehen. Bei Wafern brauchen wir Zeit, weil uns da teilweise auch die industrielle Kompetenz fehlt. Da reden wir sicher eher von drei bis fünf Jahren, bis wir ein wettbewerbsfähiges Niveau erreichen.
Ab welchem Preisniveau könnte eine europäische PV-Produktion im internationalen Wettbewerb mithalten?
Das hängt von vielen Faktoren ab, etwa Arbeitsrecht oder auch Energiepreisen. Über die gesamte Wertschöpfungskette sind wir hierzulande 70 bis 80 Prozent teurer als chinesische Hersteller. Hier sprechen wir von Investitionskosten von PV-Anlagen. Auf die Kilowattstunde heruntergerechnet verringert sich der Unterschied über die Lebensdauer von Modulen über 20 bis 30 Jahre natürlich. Wichtig wäre, das höhere Stromkostenniveau in Deutschland verdaulich zu machen.
Die künftige Bundesregierung steht auch vor der Frage, wie es mit der Erneuerbaren-Förderung insgesamt weitergehen soll. Die Union hat im Wahlkampf mit dem Rotstift gedroht. Womit rechnen Sie?
Die EEG-Förderung war für Investoren sehr vorteilhaft, weil sie Risiken minimiert hat. Ich kann nachvollziehen, dass wir über ein Marktdesign diskutieren, das stärker auf Marktpreise reagiert – vor allem im Kontext von negativen Börsenpreisen. Uns sollte aber auch klar sein, dass wir in Deutschland Energieversorgungssicherheit brauchen und dass Photovoltaik-Anlagen unsere Assets sind. Die Anforderungen für die Netzsteuerung sind sicherlich gestiegen. Deshalb braucht es mehr Digitalisierung und einen schnelleren Smart-Meter-Rollout. Hier gibt es eine Menge an Möglichkeiten, ohne dass wir unnötig Verunsicherung im Markt erzeugen.
Das Interview führte Julian Korb



