Künftig sollen neben PV und Wind auch technologieoffene Innovationen ausgeschrieben werden.

Künftig sollen neben PV und Wind auch technologieoffene Innovationen ausgeschrieben werden.

Bild: © Aris Suwanmalee/AdobeStock

Von Julian Korb

Wie soll es mit dem Ausbau erneuerbarer Energien weitergehen? Mit dieser Frage haben sich zahlreiche Studien vor der Bundestagswahl beschäftigt. Der Tenor: Wenn die neue Bundesregierung den Ausbau – vor allem der Solarenergie – drosselt, könnte dies massiv Kosten senken. Eine von der Denkfabrik Agora Energiewende beauftragte Studie kommt nun zu einem gänzlich anderen Ergebnis.

So soll im Hauptszenario der durchschnittliche Preis an der Strombörse bis zum Jahr 2030 um rund 23 Prozent fallen, wenn der Erneuerbaren-Ausbau unabhängig von der Entwicklung des Stromverbrauches beibehalten wird. Konkret wären dies rund 20 Euro pro Megawattstunde (MWh). Zum Vergleich: Der durchschnittliche Börsenstrompreis liegt im bisherigen Jahresverlauf bei rund 90 Euro je MWh.

Nützliche EEG-Förderung

Der kontinuierliche Ausbau soll sich laut den Studienautoren von der Beratung Aurora Energy Research sogar trotz höherer Förderkosten für die Erneuerbaren lohnen. So sollen sich die Entlastungen bei Strompreisen auf bis zu 14 Milliarden Euro summieren. Dem stünden lediglich Einsparungen von knapp 8 Milliarden Euro gegenüber, sollte beim Ausbau gekürzt werden.

Die Förderung etwa von Wind- und Solaranlagen nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) hätte somit eine positive Kosten-Nutzen-Rechnung. Jeder Euro Förderung erzielt laut den Studienautoren eine durchschnittliche Strompreissenkung von rund 1,90 Euro pro Megawattstunde (MWh).

Interessant: Aurora Energy Research kam im April in einer Studie für den Energiekonzern EnBW noch zu dem Ergebnis, dass ein verzögerter Erneuerbaren-Ausbau Milliarden Euro an Kosten einsparen würde. Knackpunkt ist bei vielen Studien, welche Entwicklung bei der Stromnachfrage angenommen wird. Denn dies hat auf den erforderlichen Erneuerbaren- und auch Netzausbau erhebliche Auswirkungen.

Unabhängig vom Verbrauch

Die von Agora beauftragte Studie hat zwei Szenarien untersucht, bei denen der Hochlauf von Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen unterschiedlich schnell ausfällt. Überraschendes Ergebnis: In beiden Szenarien senkte der schnelle Erneuerbaren-Ausbau die Strompreise signifikant.

Sollte die Nachfrage nur leicht steigen, gehen die Studienautoren von einem Börsenstrompreis im Jahr 2030 von rund 85 Euro pro MWh aus, sollte der Zubau von Wind- und PV gleichzeitig entsprechend nach unten korrigiert werden. Wird der Ausbau hingegen planmäßig fortgesetzt, fiele der Strompreis bei gleicher Nachfrage sogar auf 65 Euro die MWh.

Bei einer höheren Stromnachfrage bis 2030 – bei wie derzeit geplantem Erneuerbaren-Ausbau – würde der Börsenstrompreis demnach auf 81 Euro pro MWh sinken. Dies wären die bereits genannten 23 Prozent. Laut den Studienautoren haben die Stromnetzkosten dabei übrigens keine Auswirkungen auf die Strompreise – unabhängig vom Ausbautempo der Erneuerbaren bis 2030.

Denn der Netzausbau sei aufgrund der langen Planungs- und Realisierungsfristen bereits weitgehend festgelegt. Da Deutschland mit seinem geplanten Netzausbau jedoch heute schon stark im Verzug ist, würden zusätzliche Verzögerungen die notwendigen Investitionen nur weiter in die Zukunft verlagern, heißt es.

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"Der Ausbau der erneuerbaren Energien schafft die Grundlage für dauerhaft attraktive Strompreise, von denen alle profitieren: Unternehmen und private Haushalte", wird Markus Steigenberger, Geschäftsführer von Agora in einer Mitteilung zitiert. Die Bundesregierung solle daher "unbedingt am eingeschlagenen Ausbaupfad festhalten."

Staatliche Zuschüsse, wie die Absenkung der Stromsteuer und Netzentgelte, seien angesichts gestiegener Kosten infolge der fossilen Energiepreiskrise zwar "durchaus sinnvoll". Mittel- und langfristig seien Investitionen in erneuerbare Energien jedoch besser geeignet, um die Strompreise dauerhaft zu senken.

Boom bei E-Fahrzeugen und Rechenzentren

Auch der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) äußert sich ähnlich. "Studien, die aktuell von einem geringeren Strombedarf bis 2030 ausgehen und daraus eine Reduktion des Ausbauziels ableiten, verkennen die Realität", wird BEE-Präsidentin Simone Peter in einer Mitteilung zitiert. So sei im ersten Quartal 2025 die Nachfrage nach Wärmepumpen deutlich angestiegen und auch bei Elektrofahrzeugen sei ein "Boom" zu erwarten.

"Zudem möchte die Bundesregierung Deutschland zu einem der führenden Länder beim Aufbau von Rechenzentren und KI-Anwendungen machen und die Industrie mit grüner Energie dekarbonisieren", so die Verbandsvertreterin.

Erneuerbare verdrängen Gas und Kohle

Die Preisvorteile des Erneuerbaren-Ausbaus sind laut den Studienautoren auf den sogenannten Merit-Order-Effekt an der Strombörse zurückzuführen. Bei diesem Marktprinzip setzt das letzte notwendige und teuerste Kraftwerk den Preis für alle Marktteilnehmer. Erneuerbare Energien haben niedrigere Produktionskosten und verdrängen mit ihrer vermehrten Einspeisung die fossilen Gas- und Kohlekraftwerke aus dem Markt. Dies senkt laut den Studienautoren trotz Phasen niedriger Erneuerbaren-Einspeisung – auch Dunkelflaute genannt – die Strompreise im Schnitt.

"Die Diskussion über eine Reduktion der Erneuerbaren-Ausbauziele verkennt das eigentliche Problem", so Agora-Chef Steigenberger weiter. Die aktuell stagnierende Stromnachfrage sei in erster Linie auf eine schwache Konjunktur und "Versäumnisse beim Umstieg auf klimafreundliche Technologien" in den Bereichen Gebäude und Verkehr zurückzuführen. "Doch gerade in diesen Sektoren seien günstige Strompreise die Voraussetzung dafür, dass sich für Verbraucher der Umstieg auf Elektroautos und Wärmepumpen lohnt."

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