Von Julian Korb
Ratschläge, wie sich die Kosten der Energiewende dämpfen lassen, gibt es derzeit zuhauf. Erst kürzlich preschten die Chefs der Energiekonzerne Eon und RWE vor, der Stadtwerkeverband VKU zog mit eigenen Ideen nach. 50Hertz-Chef Stefan Kapferer forderte die Politik gar auf, mit den "Lebenslügen" der Energiewende aufzuräumen.
Nun hat dazu auch der Energiekonzern EnBW eine Studie vorgelegt, durchgeführt von der renommierten Energieberatung Aurora Energy Research. Das Ergebnis: Die Energiewende könnte um dreihundert Milliarden Euro günstiger ausfallen. Nimmt man eine niedrigere Stromnachfrage im Jahr 2045 an, ließen sich sogar siebenhundert Milliarden einsparen. Dafür wäre aber ein radikaler Kurswechsel nötig, der vielen Erneuerbaren-Befürwortern nicht schmecken dürfte.
Überbau verhindern
"In den letzten Jahren hat man sich zu sehr auf das Thema Klimaschutz fokussiert", sagte Georg Stamatelopoulos, Vorstandsvorsitzender der EnBW, bei der Vorstellung der Studie. "Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit sind als gegeben betrachtet worden." Bezahlbarkeit sei allerdings kritisch für die Akzeptanz der Energiewende.
"Der Löwenanteil der Investitionen in die Energiewende wird in den nächsten 5-10 Jahren fällig", sagte Frederik Beelitz, Chef der Beratung in Zentraleuropa von Aurora Energy Research. "Deshalb müssen jetzt die Weichen gestellt werden, um einen Überbau zu verhindern." Systemkosten könnten demnach auch schon kurzfristig gesenkt werden, um Stromkunden zu entlasten.
PV- und Elektrolyseur-Ausbau drosseln
Um die Systemkosten der Energiewende herunterzuschrauben, schlagen die Studienautoren von Aurora mehrere Maßnahmen vor. So sieht der derzeit gültige Netzentwicklungsplan für das Jahr 2045 eine installierte Photovoltaik(PV)-Leistung von 400 Gigawatt (GW) vor. Auch, weil überschüssiger Solarstrom für die heimische Herstellung von grünem Wasserstoff genutzt werden soll.
Die heimische Erzeugung von Wasserstoff ist laut der Studie allerdings wenig wirtschaftlich. Besser wäre es, das grüne Gas günstig aus dem Ausland zu importieren. In der Folge müssten nicht nur weniger PV-Anlagen, sondern auch weniger Elektrolyseure zugebaut werden. Statt 50 Gigawatt Elektrolyseuren sieht die Studie das Kostenoptimum bei 10 GW im Jahr 2045.
Allein diese beiden Maßnahmen würden demnach rund 100 Milliarden Euro an Systemkosten einsparen.
Weniger Windkraft auf See
Auch bei Windkraftanlagen auf See (Offshore) wäre es günstiger, die Ausbauziele herunterzuschrauben. Statt 70 GW im Jahr 2045 schlagen die Studienautoren maximal 55 GW vor. Der Grund sind die hohen Anbindungskosten von Offshore-Windanlagen an das Stromnetz.
So ließen sich weitere 80 Milliarden Euro sparen. Windkraftanlagen an Land sollen hingegen weiterhin stark ausgebaut werden, um den steigenden Strombedarf zu decken. "Wind an Land spielt in unseren Szenarien eine Schlüsselrolle", erläuterte Aurora-Beratungschef Beelitz. "Sobald wir hier den Zubau reduzieren, steigen die Importkosten enorm an."
Speicherausbau verringern
Die Rekorde überschlugen sich in den vergangenen Wochen: Inzwischen sollen Speicherprojekte mit mehr als 300 GW bei den Übertragungs- und Verteilnetzbetreibern angemeldet sein. Viel zu viel zeigen die Modelle von Aurora. Zwar braucht es einen deutlichen Speicherausbau, um den überschüssigen Solarstrom aus den Mittagsstunden über den Tag zu verteilen. Allerdings dürften dafür 70 GW ausreichen, so die Studienautoren.
Das wäre rund die Hälfte weniger, als es der Netzentwicklungsplan derzeit für das Jahr 2045 vorsieht ‒ und nochmal deutlich weniger als die derzeit angemeldeten Projekte. Die Studie kommt hier auf ein Einsparpotenzial von rund 80 Milliarden Euro.
In Gas- und Wasserstoffkraftwerke investieren
Systemkosten sparen, könnten laut den Studienautoren hingegen neue Gas- und Wasserstoffkraftwerke ‒ sofern sie an den richtigen Standorten entstehen, und zwar im netztechnischen Süden. Außerdem sollten die neuen thermischen Kraftwerke auch blauen Wasserstoff statt grünem Wasserstoff verbrennen dürfen. Blauer Wasserstoff wird, anders als grüner Wasserstoff, aus Erdgas oder Kohle gewonnen. Dabei wird klimaschädliches CO₂ abgeschieden und unterirdisch eingespeichert.
"Wir gehen davon aus, dass dieser blaue Wasserstoff importiert wird, größtenteils aus Norwegen", betonte Beelitz von Aurora. Auf 400 bis 500 Terawattstunden (TWh) jährlich bezifferte er die Wasserstoffnachfrage in Deutschland im Jahr 2045.
"Die Projekte für grünen Wasserstoff werden immer teurer, sodass wir nicht zu Abschlüssen kommen", unterstrich EnBW-Chef Stamatelopoulos. "Ich kenne außer Deutschland kein Land, das ein Wasserstoffkernnetz hat." Sowohl bei der Angebots- als auch der Nachfrageseite brauche es hingegen "Nachhilfe". "Blauer Wasserstoff wird kostengünstiger sein und die Umrüstung der Industrie ebnen", so der Energiemanager.
Auch ein optimales Verhältnis zwischen Gasturbinen und Gas- und Dampfkraftwerken dürfte demnach Systemkosten sparen. Diese regulatorische Lockerung würde weitere 40 Milliarden Euro an Kostenersparnis bringen, sind die Studienautoren überzeugt. Beim optimalen Zubau von Kraftwerken kommt die Studie auf 55 GW im Jahr 2045. Bei derzeit installierten 31 GW wäre das ein Zubau von 24 GW ‒ und damit sogar etwas mehr als die in den Koalitionsgesprächen genannte Hausnummer von 20 GW an neuen Gaskraftwerken.
Auf niedrigeren Strombedarf reagieren
Nochmal um vierhundert Milliarden Euro günstiger könnte die Energiewende demnach ausfallen, wenn das Energiesystem auf den tatsächlichen Strombedarf ausgerichtet wird. Aurora und auch EnBW gehen von einer deutlich geringeren Nachfrage im Jahr 2045 aus, als bisher angenommen. Statt 920 Terawattstunden (TWh) könnten Endkunden nur 715 TWh verbrauchen. Auf eine ähnliche Zahl war kürzlich auch eine Studie der Boston Consulting Group gekommen.
Auch der Stromverbrauch durch Elektrolyseure würde durch die neuen Ausbauziele schrumpfen – von 230 TWh auf 45 TWh. Die Folge: Das bislang geplante Energiesystem wäre überdimensioniert, könnte also kleiner geplant werden. Die Studie veranschlagt hier Ersparnisse von weiteren 400 Milliarden Euro.
Umbau mit geringeren Kosten
Würden alle Vorschläge so umgesetzt, fielen demnach fast 50 Prozent weniger Investitionen bis 2045 in das Stromsystem an. Der Netzentwicklungsplan rechnet derzeit noch mit Gesamtausgaben von fast 1300 Milliarden Euro. Die größten Einsparungen sind durch den verringerten PV-Ausbau bei den Verteilnetzen zu finden. Allein hier ließen sich 125 Milliarden Euro sparen.
Dabei soll das Ziel der Klimaneutralität bis 2045 erhalten bleiben. Die erneuerbare Kapazität müssten dennoch mehr als verdoppelt werden. "Auch mit diesen reduzierten Ausbauzielen sprechen wir noch von einem massiven Ausbau der Erneuerbaren und Netze", sagte EnBW-Chef Stamatelopoulos. "An der Umsetzung dieser Maßnahmen sollten wir sofort arbeiten."
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