Von Andreas Baumer
Die Debatte um milliardenschwere Einsparungen in der Energiewende hat neue Nahrung bekommen. Am Donnerstag veröffentlichte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) eine Studie der Boston Consulting Group (BCG), wonach sich bis 2035 mehr als 300 Milliarden Euro einsparen ließen. Aber wo genau soll das geschehen? Und warum ist es dann möglicherweise doch nicht so einfach? Ein paar Schlaglichter:
1. Anpassung der prognostizierten Stromnachfrage
Die BCG-Autoren reihen sich ein in die Stimmen derer, die meinen, dass in den Langfristszenarien des Bundeswirtschaftsministeriums die zukünftige Stromnachfrage deutlich überschätzt wird. Statt 713 Terawattstunden (TWh) werden aus ihrer Sicht im Jahr 2030 lediglich rund 600 TWh nachgefragt sein. Ähnlich groß fällt demzufolge die Lücke fünf Jahre später aus.
Würde Deutschland seine Stromnachfrageerwartungen nach unten schrauben, könnte man laut BCG bis 2035 auf ein Viertel des Zubaus erneuerbarer Energien verzichten. Auch die Netze könnte man bedarfsgerecht anpassen. Damit ließen sich zudem Lieferengpässe vermeiden. Rund 215 Milliarden Euro an Kosten und Risiken würden sich dadurch laut BCG einsparen lassen.
Ähnlich sieht es der Übertragungsnetzbetreiber Amprion. Die Ausbauziele müssten Schritt für Schritt an den tatsächlichen Bedarf angepasst werden, teilt Unternehmenschef Christoph Müller mit. "Wir brauchen eine Netzplanung, die diese Dynamik berücksichtigt und damit unnötige volkswirtschaftliche Kosten vermeidet."
Was dabei zu berücksichtigen ist: Eine geringere Stromnachfrage samt bedarfsgerechtem Ausbau von Netzen und erneuerbaren Energien bedeutet, dass Deutschland beispielsweise im Verkehrs- und Wärmebereich wohl stärker und länger auf fossile Energien angewiesen bleibt. Auch das zieht Kosten nach sich. Vor diesem Abwägungsprozess steht die Politik. Klar ist aber auch: Die selbst gesetzten Ziele zum Hochlauf der Wasserstoffproduktion (10 Gigawatt Elektrolysekapazität bis 2030), zur E-Mobilität (15 Millionen Elektrofahrzeuge bis 2030) und zu Wärmepumpen (sechs Millionen bis 2030) sind wohl nicht mehr erreichbar.
2. Mehr Wind an Land statt auf See, mehr Freiflächen-Photovoltaik statt Aufdach-Photovoltaik
Beide Maßnahmen könnten aus Sicht der BCG-Autoren bei gleicher Stromausbeute bis 2035 etwa 20 Milliarden Euro an Kosten einsparen. Nicht erwähnt wird dabei, dass sich bei Windkraftanlagen auf See höhere Skaleneffekte erzielen lassen. Zudem produzieren Windkraftanlagen auf See in der Regel mehr und konstanter Strom als Windkraftanlagen an Land. Dazu haben Windkraftanlagen an Land vielerorts mit Widerstand in der lokalen Bevölkerung zu kämpfen.
Auch Windkraftanlagen auf hoher See sind bei Umweltschützern alles andere als unumstritten. Der Ärger von Anwohnern, die die Geräusche der Windräder nicht ertragen können, fällt dagegen weg.
Wer den Zubau der Aufdach-Photovoltaik eindämmen will, rüttelt an den Grundfesten einer bürgernahen Energiewende. Auch deshalb wagen bislang nur wenige Spitzenpolitiker, ein Ende der EEG-Förderung für Aufdach-Photovoltaik zu fordern. Klar positionierte sich dagegen der Verband kommunaler Unternehmen (VKU). Aus seiner Sicht sind Photovoltaikanlagen auf Dächern schon jetzt ohne garantierte Einspeisevergütung und in Kombination mit Batteriespeichern allein durch den Eigenverbrauch wirtschaftlich. Überproduktionen dürften nicht mehr gefördert werden.
3. Anpassung des Wasserstoffhochlaufs
Aktuelle politische Überlegungen würden den Einsatz von grünem Wasserstoff im Stromsektor bereits im kommenden Jahrzehnt vorsehen, schreiben die BCG-Autoren. Dies würde allerdings zu unverhältnismäßig hohen Vermeidungskosten von 1000 Euro pro Tonne CO2 führen. "Eine Verzögerung könnte bis 2035 rund sieben Milliarden Euro einsparen."
Noch konkreter wurde jüngst der Energiekonzern Eon in seinem Energy-Playbook-Szenario. Demnach liegt die Wasserstoffnachfrage 2030 bei weniger als 10 Prozent der 20 Millionen Tonnen, die im Repower-EU-Plan europaweit vorgesehen sind. Ein signifikantes Wachstum der Wasserstoffnachfrage wird erst ab den 2030er-Jahren erwartet.
Laut BCG könnte beispielsweise das Wasserstoffkernnetz einem langsameren und geringeren Wasserstoffhochlauf angepasst werden. Auch mithilfe von Erdgas erzeugter Wasserstoff beziehungsweise Technologien zur Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoffdioxid sollten eine größere Rolle spielen.
Das Heikle dabei: Schleift die Bundesregierung ihre Wasserstoffambitionen, könnte das dem Wasserstoffhochlauf insgesamt einen empfindlichen Rückschlag versetzen. Unternehmen, die schon jetzt in Wasserstoffprojekte investiert haben, könnten auf gestrandeten Vermögenswerten sitzen bleiben. Dabei gilt Wasserstoff als wichtiger Energieträger, um die Energiewende zu meistern. "Ich kann nur empfehlen, dass wir jetzt, wo wir schon so viele Schritte gegangen sind, den Hürdenlauf nicht mittendrin abbrechen, sondern weitergehen", empfahl BDEW-Chefin Kerstin Andreae jüngst im ZfK-Interview.
4. Vermeidung von Redispatch
Unter Redispatch versteht man beispielsweise an wind- und sonnenreichen Tagen das Abschalten von Windkraftanlagen auf See oder anderen Kraftwerken, um das Stromnetz nicht zu überlasten. Obwohl der Strom nicht ins Netz fließt, werden die Betreiber trotzdem bezahlt.
Dass diese Kosten sinken sollten, dürften wahrscheinlich so gut wie alle Beteiligten begrüßen. Auch die BCG-Autoren schreiben, dass Engpässe im Stromnetz im Zuge des beschleunigten Netzausbaus zügig behoben werden sollten. So ließen sich bis zu 50 Milliarden Euro einsparen.
Die Frage ist, wie dies am besten zu bewerkstelligen wäre. Wissenschaftler wie Lion Hirth oder Linken-Politiker Ralph Lenkert machen sich für eine Trennung der bundeseinheitlichen Stromgebotszone stark. Dies wird im BCG-Papier nicht vorgeschlagen. Die Industrie, aber auch Union und SPD sowie führende Energieverbände sind gegen eine Aufspaltung der bundeseinheitlichen Stromgebotszone.
5. Mehr Gaskraftwerkszubau
Die BCG-Autoren werben für einen schnellen Bau neuer Gaskraftwerke und anderer gesicherter Leistung, zum Beispiel durch die schnelle Umsetzung des Kraftwerkssicherheitsgesetzes und die Einführung eines Kapazitätsmarkts. So soll das Risiko extremer Preisspitzen auf dem Strommarkt durch den schrittweisen Kohleausstieg und die zunehmende Elektrifizierung minimiert werden. Laut BCG ließen sich so bis zu 50 Milliarden Euro einsparen.
Dabei steckt hier der Teufel im Detail. Große Kraftwerksbetreiber sind wohl nur dann bereit, in neue Gaskraftwerke zu investieren, wenn sie beispielsweise über staatliche Förderung oder einen Kapazitätsmarkt klare Vergütungsaussichten sehen. Die dadurch entstehenden Kosten würden sich überwiegend auf die Strompreise niederschlagen.
Im Rahmen der Konsultation zum sogenannten Kraftwerkssicherheitsgesetz warnte der BDI hier bereits: "Die Finanzierung eines Kapazitätsmechanismus – egal ob über eine gesonderte Umlage oder steigende Beschaffungskosten – darf nicht zu weiteren Kostenanstiegen führen", schrieb er. "Die Industrie könnte diese nicht schultern. Alternative Finanzierungsinstrumente müssten gefunden werden, damit die deutsche Industrie wettbewerbsfähig bleibt."
Strittig ist zudem, ob es überhaupt einen vom BDI favorisierten Kapazitätsmarkt braucht. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer oder der Bundesverband Neue Energiewirtschaft halten einen zentralen Kapazitätsmarkt für zu teuer und werben für eine Ausweitung der Absicherungspflicht für Stromversorger.
6. Erdkabel möglichst vermeiden
Das ist kein Fokus der BCG-Studie, weil sich große Effekte auf Übertragungsnetzebene erst nach dem Betrachtungszeitraum 2035 einstellen würden. Allerdings bringen drei der vier Übertragungsnetzbetreiber ein Abschaffen des Erdkabelvorrangs für neue Übertragungsnetze schon seit Längerem in die Debatte ein. Für eine verstärkte Nutzung von Freileitungen warb im Wahlprogramm auch die Union.
Die SPD ist in der Frage dagegen gespalten. Der Wirtschaftsflügel der Partei könnte sich ein Aufweichen des Erdkabelvorrangs vorstellen. Ganz anders argumentierte Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies, der bei den laufenden Koalitionsverhandlungen für die SPD die Arbeitsgruppe Klima und Energie leitet.
Durch einzelne Regionen in Niedersachsen würden bis zu 14 Offshore-Trassen laufen, sagte er beim VKU-Stadtwerkekongress im September 2024. Auch darauf müsse man in der Debatte Rücksicht nehmen. "Wir werden die Energiewende nur umsetzen können, wenn wir auch die Akzeptanz der Gesellschaft haben. Wir dürfen diese Akzeptanz nicht verspielen."
7. Unnötige Belastungen für Erdgas vermeiden
Die BCG-Autoren schlagen vor, eine verursachergerechte Befreiung der Industrie von der Gasspeicherumlage sowie eine langfristige Absicherung der Netzentgelte anzustreben. Ersteres würde auf Kosten jener Gasverbraucher gehen, die von der Gasspeicherumlage nicht befreit werden, darunter Haushalte und nicht-produzierende Unternehmen. Eine langfristige Absicherung der Netzentgelte würde den Staat in die knifflige Lage bringen, einen Energieträger finanziell zu unterstützen, von dem er sich eigentlich lösen will.
Die BCG-Autoren werben zudem für eine langfristige Beschaffung von Gas. Dies könnte mit Klimazielen auf Bundes-, Landes- und Kommunalebene kollidieren. Gleiches gilt für die Ausweitung der deutschen Erdgasförderung, die zudem aus Umwelt- und Klimagründen problematisch wäre und Umweltschützer auf den Plan rufen würde. Auch in der Gesamtbevölkerung ist die heimische Gasförderung stark umstritten.
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