Als die Stadtwerke Oranienburg Ende März 2026 mit den Erdarbeiten für ihr neues Umspannwerk begannen, war die Erleichterung groß. Zwei Jahre zuvor hatten die Stadtwerke keine neuen Hausanschlüsse mehr genehmigen können – der Netzengpass hatte die wachsende Stadt lahmgelegt.
Doch auch beim Neubau macht sich ein Problem bemerkbar, das inzwischen die gesamte Branche kennt: Die entscheidenden Komponenten sind schwer zu bekommen.
Kein deutscher Hersteller bereit
Kein deutscher Hersteller konnte die Anforderungen und Lieferzeiten der Stadtwerke erfüllen. Die zwei Transformatoren – je mit einer Leistung von bis zu 80 Megawatt (MW) – kommen aus Ljubljana. Hochspannungs-Trenner wurden im tschechischen Pilsen beschafft.
Das Ergebnis: Statt Sommer 2027 rechnen die Stadtwerke nun mit Ende 2027 oder Anfang 2028. Gesamtinvestition: knapp 35 Millionen Euro, davon knapp 14 Millionen Euro Eigenkapital der Stadt.
"Wichtige Komponenten für das Umspannwerk haben wir EU-weit ausgeschrieben", sagte Peter Grabowsky, Geschäftsführer der Stadtwerke Oranienburg, damals. "Sie sind im Energiesektor knapp und nur schwer zu bekommen." Der Fall steht exemplarisch für eine Lage, die Netzbetreiber und Stadtwerke bundesweit beschäftigt.
Kritischer Pfad: Leistungstransformatoren
"Der kritische Pfad beim Netzausbau sind die Leistungstransformatoren", sagt Sven Behrend, Leiter des Infrastrukturdienstleisters BKW Infra Services. "Die Lieferzeiten liegen, je nach Größe und Bauart, bei mehreren Jahren – und das ist kein kurzfristiges Problem, das wird ein Engpass bleiben."
Die Engpässe konzentrierten sich demnach auf bestimmte Spannungsebenen: "Die größten sehen wir bei Transformatoren für die Netzverknüpfung von 380 auf 110 Kilovolt (kV). Dort gibt es schlicht zu wenige Hersteller mit begrenzten Kapazitäten in Europa."
Auch Deutschlands größter Hersteller, Siemens Energy, bestätigt: Für Leistungstransformatoren im Hochspannungsbereich liegen die Lieferzeiten derzeit bei 18 bis 36 Monaten, bei sehr großen oder hochspezialisierten Einheiten auch darüber. Mittelspannungstransformatoren seien in sechs bis zwölf Monaten lieferbar.
Auch ein weiterer großer Hersteller, Hitachi Energy, hat der ZFK gegenüber Lieferzeiten von ein bis zwei Jahren für Leistungstransformatoren bestätigt, bei Unikaten und größeren Anlagen mehr. Andreas Schierenbeck, Vorstandsvorsitzender von Hitachi Energy, brachte es Ende 2025 in einem Interview mit der "Welt" bereits auf den Punkt: "Der Mangel ist Fakt. Er wird noch einige Jahre andauern. Transformatoren sind zum Nadelöhr der Energiewende geworden."
Transformatoren nicht einziges Problem
Doch das Problem beschränkt sich nicht auf Transformatoren. "Auch Wandler und Trenner sind kritisch – da gibt es eine begrenzte Anzahl von Herstellern, die bei unseren Kunden qualifiziert sind", sagt Behrend von BKW Infra Services. "Bei Schaltanlagen ist die SF6-Freiheit ein zusätzliches Thema, weil nicht alle Hersteller das gesamte Portfolio anbieten."
Hinzu komme: Europa stellt laut Hitachi-Energy-Chef Schierenbeck nur rund 35 Prozent des eigenen Bedarfs an Elektroblech her – einem unverzichtbaren Vorprodukt für die Transformatorenfertigung.
Fünf Jahre Vorlauf als neue Regel
"Die Lieferzeiten haben sich radikal verändert", sagte kürzlich Andreas Speith, Technischer Geschäftsführer von Westfalen Weser, anlässlich der Jahrespressekonferenz des regionalen Netzbetreibers aus Nordwestdeutschland. "Ganz Deutschland baut derzeit."
Man müsse daran denken, Betriebsmittel "mindestens fünf Jahre früher" zu beschaffen. Auf den Fall Oranienburg angesprochen, wird Speith deutlich. "Das Problem besteht noch immer – aber wir haben uns darauf eingestellt. Wir schauen uns schon lange im Ausland um, auch über Slowenien hinaus." Aus der Branche ist zu hören, dass Komponenten teilweise auch in asiatischen Fabriken europäischer Hersteller beschafft werden, um Lieferzeiten zu überbrücken.
Sein Geschäftsführerkollege Jürgen Noch ergänzt die geopolitische Dimension: "Diese Lieferketten bleiben stark angespannt. Die Internationalisierung nimmt stark zu – wir hatten sogar eine ausbleibende Kabellieferung wegen der Straße von Hormus."
Behrend beschreibt die operative Konsequenz: "Die Regel lautet: Engpass-Komponenten sofort bestellen, sobald ein Projekt in die Bücher kommt." Für Dienstleister bringe das auch neue Herausforderungen mit sich. "Wir gehen dabei auch in Vorleistung."
Standardisierung und Bündelung als Ausweg
Von den Herstellern ist zu hören, dass Fertigungskapazitäten ausgebaut werden sollen. Siemens Energy investiert rund 220 Millionen Euro in die Erweiterung seines Transformatorenwerks in Nürnberg. Die Produktionskapazität soll um rund 50 Prozent steigen, 350 neue Stellen entstehen – allerdings stehen die erweiterten Flächen erst 2028 zur Verfügung.
Schierenbeck von Hitachi Energy mahnt eine strukturelle Kurskorrektur an: "Heute ist fast jeder Transformator ein Einzelstück." Technisch sei das oft die optimale Lösung, aber es verlängere die Produktionszeit. "Wenn wir alle schneller werden wollen, müssen wir weg von der Einzelfertigung und hin zu mehr standardisierten Lösungen."
Für kleinere Stadtwerke kommt hinzu: Sie bestellen häufig in kleineren Mengen als große Energiekonzerne. "Als Stadtwerk muss man ernsthaft über Einkaufsbündelung nachdenken", empfiehlt Behrend vom Dienstleister BKW Infra Services. Auf Ebene der Übertragungsnetzbetreiber gebe es bereits solche Initiativen, die als Vorbild dienen könnten.
Was den derzeitigen Trafo-Stau angeht, fällt Schierenbecks nüchtern aus: "Aufholen wird dauern – nicht nur Jahre, wahrscheinlich Jahrzehnte. Der Aufbau neuer Kapazitäten braucht allein drei bis sechs Jahre, bis eine Produktion wirklich läuft." Für Stadtwerke und Netzbetreiber bedeutet das: Wer heute noch reaktiv bestellt, dürfte an der Realität vorbei planen.






