Andreas Speith, Geschäftsführer von Westfalen Weser, brachte bei der Bilanzpressekonferenz in Herford (Nordrhein-Westfalen) auf den Punkt, was die Energiewende gerade antreibt – und wo sie hakt. "Das neue Gold ist Netzkapazität." Der kommunale Versorger aus der Region Ostwestfalen-Lippe (OWL) und Südniedersachsen wird mit Anfragen für Netzanschlüsse und Batteriespeicher geradezu überflutet.
Dabei baut das Unternehmen auch selbst: drei Batteriespeicher mit einer Gesamtleistung von 320 Megawatt (MW) und einer Kapazität von knapp 740 Megawattstunden (MWh) – genug, um rechnerisch 41.000 Haushalte einen Tag lang mit Strom zu versorgen. Doch Erzeugung und Verbrauch klaffen in der Region immer weiter auseinander.
Erneuerbare bereits bei 70 Prozent
Im Netzgebiet von Westfalen Weser sind 690 Windanlagen in Betrieb, dazu kommen knapp 100.000 Photovoltaikanlagen. Erneuerbare Energien decken bereits 70 Prozent des Endenergieverbrauchs im Netzgebiet ab.
Bis Ende 2026 sollen 36 neue Windräder mit einer Gesamtleistung von 192 MW hinzukommen. Über eine Beteiligung am Windparkprojektierer Westfälisch-Niedersächsische Energie entwickelt Westfalen Weser zudem selbst ein Portfolio von rund 800 MW Windkraftanlagen.
Trotz des wachsenden Anteils erneuerbarer Energien und mehr Elektrofahrzeugen sowie Wärmepumpen im Netz sank der Stromabsatz gegenüber dem Vorjahr um 1,4 Prozent – ein Befund, der frühere Hochrechnungen von Prognose-Instituten deutlich relativiert. "Die Energiewende muss synchroner werden", betonte Geschäftsführer Jürgen Noch. Energie müsse "möglichst nutzbar" gemacht werden.
Westfalen Weser hält an Wasserstoffprojekt fest
Ein konkreter Meilenstein steht im November 2026 bevor: Dann beginnt in Lichtenau (Nordrhein-Westfalen) der Bau einer 10-MW-Elektrolyseanlage – das Wasserstoffprojekt "Schlafender Riese". Ende 2027 soll dort erstmals grüner Wasserstoff produziert werden.
Speith betonte, man sei von dem Vorhaben nicht abgerückt: "Die Industrie braucht diesen Wasserstoff." Für ausgewählte Industrieregionen will Westfalen Weser eigene Wasserstoffnetze entwickeln – allerdings erst, wenn das Gaspaket der Bundesregierung umgesetzt ist. Wann das geschieht, ist derzeit offen.
Von seinen 3500 Kilometern Gasnetz erwartet das Unternehmen, dass rund 500 Kilometer künftig für andere Gase und ausschließlich für die Industrie vorgehalten werden. Durch die sogenannte "Bio-Treppe" im aktuellen Entwurf zum neuen "Heizungsgesetz" (Gebäudemodernisierungsgesetz) sei aber wieder mehr Unsicherheit entstanden.
Bisher geplante Wärmenetze würden sich nun unter Umständen nicht mehr wirtschaftlich rechnen. Westfalen Weser begleitet viele Kommunen in der Region bei der kommunalen Wärmeplanung.
Eine Milliarde Euro in fünf Jahren – und Gegenwind vom Regulierer
Der wachsende Anteil schwankender Einspeisung erfordert derweil erhebliche Investitionen in Netzausbau und Digitalisierung. Westfalen Weser plant, in den nächsten fünf Jahren eine Milliarde Euro in seine Netze zu investieren. Ziel ist ein Echtzeitmanagement der Energieströme.
Geschäftsführer Jürgen Noch brachte die Leitidee dahinter auf den Punkt: "Eine klimaneutrale, sichere und bezahlbare Energiewende gelingt nur, wenn wir sie als Gesamtsystem denken und sektorenübergreifend umsetzen."
Ein strukturelles Problem bleibt die Synchronisierung von Erzeugung und Netz. Speith kritisierte: "Erzeugungsanlagen lassen sich innerhalb von weniger als zwei Jahren realisieren, im Netzausbau dauert es ein Mehrfaches davon."
Erschwerend kommen angespannte Lieferketten hinzu: Betriebsmittel müssen mittlerweile mindestens fünf Jahre im Voraus beschafft werden – eine ausgefallene Kabellieferung wegen der Lage in der Straße von Hormus machte die globale Abhängigkeit zuletzt konkret spürbar.
Digitalisierung: Eigenanspruch und Realität klaffen auseinander
Beim Thema Digitalisierung verweist Westfalen Weser auf seine Pionierrolle bei der Digitalisierung: Bereits vor zehn Jahren gründete das Unternehmen gemeinsam mit Rheinenergie und EWE die Gesellschaft GWAdriga, die digitale Lösungen für Netzbetreiber entwickelt und auch Dritten anbietet. Doch der Weg war, wie Speith selbst einräumte, "sehr steinig".
Beim Thema Paragraf 14a des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) – der steuerbare Verbrauchseinrichtungen wie Wärmepumpen und Wallboxen regelt – ist Westfalen Weser allerdings wie viele andere Verteilnetzbetreiber kein Vorreiter. Aber wie dramatisch ist das?
Noch gab zu bedenken, dass das Unternehmen bislang keine einzige Anfrage für den neuen 24/7-Lieferantenwechsel verzeichnet hat, den Regulierer und Politik als wichtigen Digitalisierungsschritt propagieren. Die Umsetzung sei zwar mit Hochdruck erfolgt – doch der Unternehmenschef zweifelt am Nutzen dieser Regulierung: "Ich suche noch denjenigen, der das wirklich braucht." Er würde sich eine andere Reihenfolge wünschen und setzt lieber auf Digitalisierung im Netz selbst. Bundesnetzagenturchef Klaus Müller sehe das aber "derzeit anders".
Zahlen 2025 und offene Flanke bei der E-Mobilität
Ansonsten präsentierte Westfalen Weser zufriedenstellende Zahlen: Der Konzernumsatz stieg auf rund 1,16 Milliarden Euro, ein Plus von rund 60 Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr. Die Investitionen wuchsen auf knapp 180 Millionen Euro. An die 57 beteiligten Kommunen wurden 55,7 Millionen Euro ausgeschüttet.
Noch betonte, die Gesellschafter stünden trotz steigender Investitionsbedarfe zum Unternehmen: "Die Investitionen sind nur mit einer vernünftigen Ausschüttungspolitik möglich." 150 neue Mitarbeitende wurden eingestellt, zum Jahresende 2025 beschäftigte das Unternehmen über 1300 Menschen an 23 Standorten.
Strategiewechsel bei E-Mobilität
In einem Geschäftsfeld hat der Versorger dabei einen Strategiewechsel vollzogen. Im Bereich Elektromobilität hat sich Westfalen Weser aus dem Massenmarkt zurückgezogen: Kleinere Ladesäulen im Pkw-Bereich gelten intern weiterhin als unwirtschaftlich.
Das Unternehmen konzentriert sich nun stattdessen auf skalierbare Lösungen für Busbetriebe und Schwerlastverkehr sowie auf Autobahn-Standorte, die gemeinsam mit Partnern in der Gesellschaft Autostrom Plus betrieben werden. Ob diese Fokussierung langfristig trägt oder ein wachsendes Segment dem Wettbewerb überlässt, bleibt abzuwarten.



