Zu sehen ist eine Überlandleitung in einem Stromverteilnetz. (Symbolbild)

Zu sehen ist eine Überlandleitung in einem Stromverteilnetz. (Symbolbild)

Bild: © rosifan19/AdobeStock

Rund 66 Milliarden Euro ließen sich beim Verteilnetzausbau bis 2045 sparen. Das rechnet die Denkfabrik Agora Energiewende in einer neuen Studie vor. Ohne Kurswechsel kostet der Ausbau 248 Milliarden Euro, mit innovativen Maßnahmen dagegen 182 Milliarden Euro.

Grundlage ist eine bundesweite Modellierung des Aachener Beratungsunternehmens Consentec und der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) aus München. Die Zahl gilt als konservative Untergrenze.

Kosten landen in Netzentgelten

Die größte Wirkung entfaltet nicht der Bau neuer Leitungen, sondern eine bessere Auslastung des Bestands. Netzbetreiber sollen die Flexibilität von Wärmepumpen, Elektroautos und Speichern nutzen, um seltene Belastungsspitzen gezielt zu kappen.

Bislang bleibt dieses Potenzial in der Planung weitgehend unberücksichtigt, argumentieren die Studienautoren. Die Folge: Der Bedarf an Leitungen und Transformatoren wächst stärker als nötig, und die Kosten landen in den Netzentgelten.

Netzausbau nur hinausgezögert

Bis Mitte der 2030er Jahre treiben vor allem Einspeisespitzen von Solar- und Windanlagen den Ausbau. Danach übernimmt die Last: Elektroautos, Wärmepumpen und strombasierte Industrieprozesse bestimmen die Dimensionierung. Ohne Gegensteuern wächst das jährliche Ausbauvolumen von 7 Milliarden Euro im Jahr 2030 auf 16,1 Milliarden Euro im Jahr 2045.

Kurzfristig verschaffen einspeiseseitige Maßnahmen Zeit, etwa Speicher an großen Erneuerbaren-Anlagen oder die Überbauung, bei der Netzanschlüsse kleiner ausfallen als die maximale Erzeugungsleistung. Die Studie betont jedoch: Verschoben ist nicht vermieden. Ein Teil des Ausbaus wird spätestens 2045 nötig.

"Ohne Messtechnik, Netzzustandsermittlung und Steuerbarkeit bleiben innovative Maßnahmen Theorie", sagt Julia Bläsius, Direktorin von Agora Energiewende Deutschland, im Vorwort der Studie. Digitalisierung sei künftig keine Beigabe mehr sondern Voraussetzung.

Netzpaket richtet sich an Einspeiser

Eine Lösung für alle gibt es nicht. An einem kalten Winterabend mit vielen laufenden Wärmepumpen wirken andere Instrumente als an einem Sommermittag mit Solarspitzen. Schon eine gezielte Steuerung von maximal zwei Stunden pro Tag senkt laut Studie den Investitionsbedarf in Nieder- und Mittelspannung im Jahr 2045 um 16,8 Milliarden Euro.

Die Bundesregierung will mit dem Netzpaket vor allem Wirkleistungsbegrenzung, Einspeisenetze und Co-Location regeln. Agora kritisiert: Damit beschränke sich die Politik auf pauschale Lösungen, die überwiegend auf der Erzeugungsseite wirken. Dynamische Maßnahmen, die nur im Engpassfall greifen, verbänden dagegen Freiheit für Marktteilnehmer mit Begrenzung nur dort, wo sie nötig ist.

Spitzenkappung kaum genutzt

Auch in der Praxis hakt es. Eine Analyse des Berliner Bundesverbands Neue Energiewirtschaft (BNE) auf Basis von Netzausbauplänen aus dem Jahr 2024 zeigt zuletzt: Nur 8 von 83 untersuchten Netzbetreibern dokumentieren die Spitzenkappung. Dabei dürfen Betreiber annehmen, dass bis zu drei Prozent der jährlichen Erzeugung von Wind- und Solaranlagen abgeregelt werden.

Mehr dazu hier: Stromnetz-Kosten: Großteil der Netzbetreiber lässt Instrument ungenutzt

Ähnlich zurückhaltend sind die Preissignale. Beim sogenannten Modul 3, den zeitvariablen Netzentgelten, bieten laut einer ZFK-Auswertung vom 23. Oktober 2026 nur 10 von 20 großen Netzbetreibern alle drei Tarifstufen in allen Quartalen an. Neun beschränken sich auf das erste und vierte Quartal.

Lesen Sie dazu auch: Zeitvariable Netzentgelte: Wie stark Netzbetreiber bereits Anreize setzen

Verteilnetzpaket steht noch aus

Auch deshalb hat die Bundesregierung Anfang Juli ein sogenanntes Verteilnetzpaket angekündigt. Es soll bis Ende des Jahres vorliegen und den Netzausbau beschleunigen sowie die Digitalisierung und Finanzierung der Verteilnetze voranbringen.

Geplant sind außerdem eine zentrale Datenplattform mit Netzauslastung und Anschlusskapazitäten sowie eine Anschlussgarantie mit fester Frist für Industriebetriebe. Anders als das Netzpaket, das das Bundeskabinett am 29. Juli 2026 beschlossen hat und das vor allem Anschlüsse und Einspeisung regelt, soll es dabei die Verteilnetze selbst in den Blick nehmen.

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