Acht bis zwölf Jahre vergehen häufig, bis neue Stromleitungen realisiert sind. Das dokumentiert die Bundesnetzagentur in ihrem Monitoring zum Stromnetzausbau. "Zwischen acht und zwölf Jahren für den Netzausbau kann für ein Industrieland nicht sein", sagte Kirsten Westphal, Geschäftsführerin beim Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) auf der Fachkonferenz Energie & Klima des "Tagesspiegel Background" vergangene Woche in Berlin.
Der Satz steht für ein Dilemma, das sich in Zahlen ausdrücken lässt: Mehr als 700 Gigawatt an Anschlussanfragen stehen bundesweit in den Warteschlangen der Netzbetreiber. Viele davon stammen teils von spekulativen Anträgen ohne gesicherte Finanzierung. Und gleichzeitig bangen auch zukunftsträchtige Technologien wie Rechenzentren um den Netzanschluss.
Das Verteilnetz gerät unter Druck
Der Engpass liegt nicht auf der höchsten Spannungsebene. Auch im Verteilnetz – auf der Ebene der Mittel- und Niederspannungsleitungen, über die Windparks, Solaranlagen und Wärmepumpen ans Netz kommen – wächst der Druck erheblich. Die 82 größten Verteilnetzbetreiber schätzen ihren Investitionsbedarf laut Bundesnetzagentur bis 2033 auf rund 110 Milliarden Euro. Eine bundesweite Fortschrittsmessung wie beim Übertragungsnetz gibt es für diese Ebene bislang allerdings nicht.
"Eigentlich sollten wir darüber sprechen, wie wir den Netzausbau boostern können, gerade auf der Verteilnetzebene", sagte Tobias Goldschmidt, Energiewendeminister in Schleswig-Holstein. "Wir provozieren Risikoaufschläge bei den Investoren."
Westphal, die für den BDEW sowohl Netzbetreiber als auch Erneuerbaren-Projektierer vertritt, forderte eine transparente Datenlage und eine stärkere Optimierung von Erzeugung und Netz. "Es gibt bürokratische und legale Hürden. Alle Doppelprüfungen müssen entrümpelt werden."
Sparpotenzial beim Übertragungsnetz
Immerhin: Beim Übertragungsnetz haben sich die Genehmigungszahlen zuletzt spürbar beschleunigt. 2025 genehmigte die Bundesnetzagentur rund 2000 Kilometer neue Leitungen. Dennoch: Zum 31. März 2026 waren von den insgesamt rund 16.776 geplanten Kilometern erst 2.919 Kilometer vollständig fertiggestellt. Die vier Übertragungsnetzbetreiber – 50Hertz, Amprion, Tennet und Transnet BW – veranschlagen die nötigen Investitionen in ihre Netze auf rund 50 Milliarden Euro bis 2030.
Werner Götz, Vorsitzender der Geschäftsführung von Transnet BW, sieht beim Ausbau erhebliches Sparpotenzial. Freileitungen statt Erdkabel könnten beim Bau von drei Stromautobahnen 20 bis 23 Milliarden Euro einsparen. Kritiker sehen dies teilweise anders. Meinungsverschiedenheiten über den Erdkabelvorrang sorgten zuletzt auch für Verzögerungen beim Bundesbedarfsplangesetz.
Die Transnet BW hat als kleinster der vier großen Übertragungsnetzbetreiber eine klare Meinung. Bei der Konferenz sprach Geschäftsführer Götz von Potenzialen im "zweistelligen Milliardenbereich" und übte gleichzeitig Kritik am geplanten Netzpaket: Netzbetreiber könnten nicht nach Belieben entscheiden, welche Großanlagen Priorität erhalten. Das müsse der Gesetzgeber berücksichtigen.
Netzanschluss als Steuerungsfrage
Als politische Antwort bringt die Bundesregierung das Netzanschlusspaket ein. Der Entwurf liegt dem Bundestag vor; die erste Lesung ist aktuell für den 24. September 2026 vorgesehen.
Kern ist eine Abkehr vom Windhundprinzip: Nicht mehr allein der Eingang eines Antrags entscheidet über die Reihenfolge, sondern Netzdienlichkeit, Planungsreife und raumplanerische Vorgaben. Zugleich soll eine sogenannte systemdienliche Anschlussleistung (SAL) eingeführt werden. Das ist eine Leistungsgrenze, bis zu der eine Anlage einen garantierten Netzanschluss erhält.
Westphal vom BDEW begrüßte die Richtung grundsätzlich, mahnte aber: "Es braucht bei so einschneidenden Maßnahmen wie dem Redispatch-Vorbehalt eine transparente Datenlage." Stark belastete Netzgebiete sollen für bis zu sechs Jahre als kapazitätslimitiert ausgewiesen werden können. Neue Anlagen dort müssten auf einen Teil der Entschädigung für netzbedingte Abregelungen verzichten.
Frank May vom Windparkentwickler Alterric sah das Vorhaben hingegen kritischer. "Mit Solar, Wind und Speicher hinter dem Netzanschlusspunkt haben wir ein systemdienlicheres Produkt. Gegen die SAL habe ich grundsätzlich nichts", sagte er. "Aber die SAL wird ab 1. Januar 2027 schon bei Ausschreibungen eingeführt, bei Projekten, die damit nicht rechnen konnten. Das muss unbedingt geändert werden."
Er warnte die Bundesregierung vor rückwirkenden Regelungen. "Im Kapitalmarkt ist viel Geld – das muss da rein." Wie mit bereits beantragten Anschlüssen und fortgeschrittenen Projekten umgegangen wird, bleibt derzeit offen.
In der Erneuerbaren-Branche wächst derzeit die Unsicherheit stark. Zuletzt schlitterte der große Projektierer Enerparc in die Krise.
Tempo gegen Verlässlichkeit
Einig waren sich Diskutanten zwar grundsätzlich: Das Netzanschlusspaket kann helfen, Überlastungen zu begrenzen und den Zubau besser mit dem Netzausbau zu synchronisieren. Doch das Vorhaben erhöht zugleich den Einfluss der Netzbetreiber auf Anschlussreihenfolge und Investitionsbedingungen.
Westphal vom BDEW plädierte dafür, das Paket gemeinsam mit der EEG-Novelle 2027 und der laufenden Reform der Netzentgeltsystematik als Gesamtpaket zu betrachten. Einzelne Instrumente reichten nicht.