Die Windenergie-Branche hat nach schwachen Jahren wieder an Fahrt aufgenommen. (Symbolbild)

Die Windenergie-Branche hat nach schwachen Jahren wieder an Fahrt aufgenommen. (Symbolbild)

© Nordex

Die deutschen Windenergie-Verbände haben auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte vorgestellt: 2025 wurden 3310 Windenergieanlagen mit knapp 21 Gigawatt (GW) genehmigt – ein neuer Rekord. Der Bruttozubau stieg um 58 Prozent auf gut 5 GW. Doch hinter den Jubelzahlen verbirgt sich eine brisante Entwicklung, die der Branche Sorgen macht und zunehmend auch Netzbetreiber unter Handlungsdruck setzt.

"Windenergie an Land hat die Hausaufgaben gemacht. Der Netzausbau hängt aber hinterher", brachte Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbandes Windenergie (BWE), das Kernproblem auf den Punkt. Die Branchenvertreterin wurde bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit dem VDMA Power Systems am Donnerstag deutlich: "Die Netzbetreiber sind in der Bringschuld."

Netzausbau wird zunehmend zur Achillesferse der Energiewende

Die Zahlen geben ihr Recht: Die durchschnittliche Dauer von der Genehmigung bis zur Inbetriebnahme ist auf 29 Monate gestiegen – zwei Monate länger als 2024. Jürgen Quentin von der Fachagentur Wind und Solar nannte als einen Hauptgrund die "nicht zeitgerecht verfügbaren Netzanschlüsse". Windenergieanlagen stünden teilweise wochenlang fertig aufgebaut, dürften aber keinen Strom einspeisen, weil die Netzbetreiber die Integration nicht gewährleisten könnten.

Heidebroek zog einen drastischen Vergleich: "Wir haben eine Autobahn, die weder ein automatisches Verkehrslenkungssystem noch einen funktionierenden Verkehrsfunk hat." Die Netze seien im europäischen Vergleich "unglaublich dumm" – es fehle an Digitalisierung, Monitoring und intelligenter Steuerung. "Keiner würde auf die Idee kommen zu sagen: Dann müssen wir eben weniger Autos bauen", kritisierte die BWE-Präsidentin Forderungen nach einer Verlangsamung des Erneuerbaren-Ausbaus.

Ausbauziel 2030 in Gefahr

Trotz der positiven Entwicklung droht Deutschland zudem, sein Windkraft-Ausbauziel für 2030 zu verfehlen. Bis dahin sollen 115 Gigawatt installiert sein – derzeit sind es 68 GW. Bei einem prognostizierten Zubau von 8 bis 8,5 GW in 2026 zeichnet sich bereits ab: Das Ziel wird nicht erreicht. Die Prognose der Übertragungsnetzbetreiber rechnet mit nur 103 GW bis 2030 – eine Lücke von 12 GW.

Der Grund ist weniger der zu langsame Ausbau als vielmehr das unterschätzte Repowering-Tempo. 2025 wurden 456 Anlagen mit 631 Megawatt (MW) stillgelegt, fast 30 Prozent des Zubaus erfolgten im Rahmen von Repowering-Projekten. "Der technische Fortschritt war deutlich stärker als erwartet", erklärte Heidebroek. Alte Anlagen würden früher ersetzt als ursprünglich kalkuliert.

Verschärft wird die Situation durch ein strukturelles Problem: Zu Beginn 2026 hatten bereits 14,8 GW an genehmigten Projekten keinen Zuschlag in den EEG-Ausschreibungen erhalten – ein Investitionsvolumen von 20 bis 23 Milliarden Euro. Das Ausschreibungsvolumen 2026 liegt jedoch nur bei rund 11 GW. "Rein mathematisch werden über 23 GW an Genehmigungsvolumen bis Anfang 2027 keinen Zuschlag erhalten", warnte Quentin von der Fachagentur.

Forderung nach höherem Ausschreibungsvolumen

Die Windbranche fordert deshalb eine sofortige Anhebung der Ausschreibungsmengen. "Spätestens 2028 müssen wir dieses Volumen nachgeholt haben, damit wir 2030 die 115 Gigawatt erreichen", betonte Heidebroek. Sie empfahl, bereits 2026 mit dem Nachholen zu beginnen – 5 bis 6 GW zusätzlich pro Jahr.

Das sei auch wirtschaftspolitisch geboten: "Wir haben eine Branche, der es noch gut geht, die funktioniert, die wirklich beiträgt zum Thema Wertschöpfung und wirtschaftliche Stabilität", argumentierte Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer des Verbandes der Anlagenhersteller VDMA Power Systems. In Zeiten von faktisch null Wachstum – 2025 lag das Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt lediglich bei 0,2 Prozent – seien diese Investitionsimpulse von unschätzbarem Wert.

Erfreulich entwickelte sich dagegen die Genehmigungspraxis: Die durchschnittliche Genehmigungsdauer sank 2025 auf 17 Monate – fast 30 Prozent schneller als 2024. In Niedersachsen liegt sie sogar nur noch bei 10,6 Monaten. Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen genehmigten jeweils über 5 GW. Auch Bayern macht Fortschritte: Mit knapp 1,3 GW hat der Freistaat sein Genehmigungsvolumen gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt.

Bei den Behörden liegen derzeit noch rund 49 GW zur Entscheidung. Quentin prognostiziert für 2026 daher weitere 20 GW an Genehmigungen. "Das Niveau ist da", zeigte er sich optimistisch.

Branche warnt vor Unsicherheit

Doch die politische Unsicherheit wächst. Die neue Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte mit ihrem Energiewende-Monitoring Zweifel an der Fortsetzung des bisherigen Ausbaupfads aufkommen lassen. "Wir haben eine Streckung des Ausbaus gesehen, aber noch nicht eine explizite Sicherstellung des EEG-Ausbaupfades", kritisierte Rendschmidt.

Für die Industrie sei Verlässlichkeit entscheidend. Die europäische Lieferkette habe seit 2022 über 15 Milliarden Euro in Produktionskapazitäten investiert. "Die Industrie ist bereit, sie kann liefern", betonte der Branchenvertreter. Voraussetzung seien aber "Kontinuität im Ausbau und politische Verlässlichkeit".

Die anstehende EEG-Novelle ab 2027 dürfte deshalb zum Lackmustest werden. "Es muss Investitionen mit verbindlichen Ausbauzielen anreizen", forderte der VDMA-Geschäftsführer. Eine Studie von VDMA und IG Metall zeigt: Eine Streckung und Verstetigung des Ausbaus bei gleichzeitigem Festhalten an den Gesamtausbauzielen hat deutlich höhere volkswirtschaftliche Effekte als eine dauerhafte Reduktion.

Die Windbranche sendet ein klares Signal an Netzbetreiber und Politik: Statt den Erneuerbaren-Ausbau zu verlangsamen, müsse das System flexibilisiert werden. Heidebroek nannte konkrete Maßnahmen: Batteriespeicher, Elektrolyseure, regionale Versorgung und Direktbelieferung von Industrie. "Das Stromnetz bleibt noch immer in einer Logik weniger Großkraftwerke verhaftet", kritisierte die BWE-Präsidentin. "Die Realität ist aber längst eine andere."

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