Uwe Welteke-Fabricius ist Geschäftsleiter der Flexperten. Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, den Anlagenbestand von Biogas- und Erdgas-KWK nachhaltig weiterzuentwickeln.

Uwe Welteke-Fabricius ist Geschäftsleiter der Flexperten. Das Netzwerk hat sich zum Ziel gesetzt, den Anlagenbestand von Biogas- und Erdgas-KWK nachhaltig weiterzuentwickeln.

Bild: © Netzwerk Flexperten 

ZfK: Die Biomasse-Ausschreibungen waren 2023 deutlich überzeichnet und im Oktober wurde sogar ein neuer Rekord bei der Anzahl der eingereichten Gebote erreicht. Wie erklären Sie sich diesen Boom nach einem eher schwachen 2022?

Welteke-Fabricius: Das war alles andere als ein Boom, sondern nur scheinbar – eher so eine Art Angstblüte. Bei den Bietern auf Biogasanlagen kamen nur etwa 1 Prozent der Gebote aus Neuanlagen. 99 Prozent der Bieter ging es darum, für ihre Anlage eine zweite Förderperiode zu sichern, in der sich die Investitionen mit weiteren 10 Jahre EEG-Vergütung refinanzieren können.
Seit der mini-Reform 2022 konnte man erstmalig fünf statt drei Jahre vor dem Ende der ersten Förderperiode an der Ausschreibung teilnehmen. Das taten natürlich jetzt alle, deren erste EEG-Förderung in den Jahren 2024 bis 2029 ausläuft, denn jedes Jahr später sinkt der Höchstgebotswert durch die Degression im EEG. Und es sinkt der Maisdeckel von jetzt 35 Prozent ab 2025 auf 30 Prozent. Das bedeutet, noch mehr von diesem kostengünstigen Substrat durch andere, teurer zu beschaffende Rohstoffe ersetzen zu müssen. Das ist zwar möglich, aber es wird in der Regel nicht gefördert und geht damit voll auf die Kosten des betrieblichen Ertrags.

ZfK: Bioenergie ist in den politischen Debatten rund um das GEG und die Wärmeplanung im Vergleich zu anderen Technologien ins Hintertreffen geraten, trotz leichter Nachbesserungen im Gesetzgebungsverfahren. Der Anteil von Biomasse in Wärmenetzen soll letztlich gedeckelt werden. Ist das nicht ein herber Rückschlag für die Branche?

Welteke-Fabricius: Es bleibt ein Ärgernis, dass die Bioenergie noch immer als nachteilig angesehen und mit spitzen Fingern angefasst wird. Das ist eine Spätfolge der Anti-EEG-Kampagne seit 15 Jahren. Seitdem haben viele Menschen im Ohr, dass die massenhafte Nutzung von Bioenergie zu Hunger und Umweltschäden führen müsse. An diese Skepsis haben sich viele Umweltfreunde angehängt – aus (verständlicher) Furcht vor noch stärker industrialisiertem Biomasseanbau, vor forstlich nicht nachhaltigen Kahlschlägen in Wäldern von Exportländern, vor der Entnahme von zu viel Biomasse aus dem Wald. Beim Biogas kommt das kurzsichtige Argument, man könne auf dem Acker mehr Solarstrom ernten als Energie aus Biomasse. Aber noch mehr Photovoltaik führt immer noch nicht dazu, dass der Solarstrom nachts zur Verfügung stünde.
Richtig daran ist, dass die Gewinnung von Biomasse immer auch nachhaltig und umweltsensibel erfolgen muss, und dass die verfügbaren Mengen nicht für die unbegrenzte Übernutzung von Energie ausreichen werden, wenn alle Menschen so viel Energie nutzen und verschwenden wie die westliche Welt.

Im konkreten Fall geht es ja nur noch um sehr große Wärmenetze. In solchen meist städtischen Wärmenetzen wird nur ausnahmsweise ein so hoher Anteil an Wärme aus Biomasse erreicht, dass dieser Deckel überhaupt greift. Für die große Zahl der noch zu entwickelnden Wärmenetze im ländlichen Raum bis 20 km Länge gilt die Deckelung schon jetzt nicht.

Wenn sich nichts ändert, droht die Hälfte der Biogaserzeugung wegzubrechen 

ZfK: Immer wieder ist zu hören, die Branche habe mit unattraktiven Anschlussvergütungen, der geplante Treibhausgas-Bilanzierung in der Nachhaltigkeitsverordnung und dem Bundesimmissionsschutz zu kämpfen. Wie gehen Anlagenbetreiber mit diesen Herausforderungen um?

Welteke-Fabricius:Die zunehmenden Anforderungen bei gleichzeitiger Erosion der Erträge frustrieren die Betreiber zunehmend. Viele von ihnen verstehen auch nicht, dass ausgerechnet unter der Ampel-Koalition der Beitrag der Biogasanlagen zum Klimaschutz weiter so vernachlässigt wird.
Wenn in nächster Zukunft kein Ausgleich für den Inflationsschub der Jahre 2021 bis 2023 erfolgt und attraktivere Bedingungen für die zweite Förderperiode ermöglicht werden, dann werden wir noch in diesem Jahrzehnt mehr als die Hälfte der Biogaserzeugung verlieren.
Die Nachhaltigkeitsnachweise könnten dabei hilfreich sein, die Transformation zu ökologisch wertvollen Substraten zu begleiten und den Klimaschutz durch Biogas zu fördern. Leider kommen diese Anforderungen als neues bürokratisches Monstrum daher. Viele Betreiber drosseln ihre Erzeugung und – noch schlimmer – stellen ihre flexiblen Erzeugungskapazitäten ab, um der Nachweispflicht zu entgehen. Die greift ab 2 MW (FWL) installierter Leistung, also ab etwa 800 kW installierter elektrischer Leistung. Wer fleißig flexibilisiert hat, um gezielt in Hochlastzeiten einzuspeisen, wird dafür auch noch bestraft. Dies gehört zu den Unsinnigkeiten der Bürokratie, die dringend abgestellt werden sollten. 

Dezentrale KWK könnte 250 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent gegenüber fossiler Kraftwerksstrategie einsparen 

ZfK: Wenn es nach der Branche geht, soll Biomasse unter anderem für die Flexibilisierung des Strommarktes sorgen. Wo sehen Sie die Rolle der Bioenergie in Zukunft?

Welteke-Fabricius:Genau dort! Bei der flexiblen Einspeisung von Strom in den Versorgungslücken der fluktuierenden Erneuerbaren kann Biogas anstelle von fossilem LNG eingesetzt werden. Das ist ein dreifacher Vorteil, weil Biogas per Saldo viel weniger Treibhausgase freisetzt. Zudem sind die Motoren effizienter und flinker als große Gasturbinen. Und schließlich kann man aus dezentralen BHKW auch noch die Wärme in nahegelegenen Wärmenetzen verwerten und nochmal zusätzlich fossile Heizungen verdrängen. Dieser Einsatz ist nachhaltiger wirksam als die Verdünnung von fossilen Treibstoffen in mobilen Verbrennungsmotoren und ist auch etwa 1,5 bis 1,7-fach wirksamer als die Einspeisung von Biogas in das Erdgasnetz. Mit der KWK vor Ort wird die Entnahme von Erdgas an anderen Stellen vermieden und verdrängt – es bleibt mehr Erdgas im Gasnetz unverbraucht, als man an Biomethan hätte ins Gasnetz einspeisen können. Werden Biogaskapazitäten erhalten, leicht ausgebaut und konsequent in Speicherkraftwerken eingesetzt, können so etwa 250 Mio. Tonnen CO2-Äquivalent gegenüber der fossilen Kraftwerksstrategie eingespart werden.

ZfK: Was bedeutet das für die geplante Biomassestrategie?

Welteke-Fabricius: Die Biomassestrategie (NABIS) ist eine gute Idee. Aber der Prozess dauert viel zu lange und hat damit die Befassung mit Biogas durch die aktuelle Regierung eher behindert als gefördert. Und es ist noch nicht erkennbar, ob das Dogma „Wir wollen ja Bioenergie, aber die Menge ist begrenzt“ durch die Idee der Kaskadennutzung von Biomasse mit Priorisierung der stofflichen vor der energetischen Nutzung wirklich zu intelligenteren Lösungen führt. In ersten Entwürfen wird an vielen kleinen Schräubchen gedreht. Das Ergebnis für das Megathema Biogas sollte lauten: „In Zukunft soll und kann aus nahezu allen zirkulären Stoffströmen der Natur bei der bakteriellen Degradierung – durch Vergärung – noch Energie gewonnen werden, ohne dass dies der Ernährungssicherheit, dem Naturschutz oder der Bodenfruchtbarkeit entgegensteht!“
Das Warten auf die NABIS ist wahrscheinlich ein Grund, warum weder die Langfristszenarien der BNetzA zur Stromnetzentwicklung, noch die Systementwicklungsstrategie des BMWK oder die aktuelle Kraftwerksstrategie beachtet haben, was Biogas und die übrige KWK zur Versorgungssicherheit beitragen können.

E-Methan und Biogas als Brücke zur Wasserstoff-Infrastruktur 

ZfK: Die Ampel hat sich nun endlich auf eine Kraftwerksstrategie geeinigt, der Fokus liegt ganz klar auf H2. Wie beurteilen Sie die Einigung?

Welteke-Fabricius: Es spricht nichts gegen Wasserstoff aus Strom-Übermengen als Energieträger der Zukunft. Die große Vision: Riesige Solarstromfabriken überall auf der Welt, Meerwasserentsalzungsanlagen, Elektrolyse, neue Wasserstoffderivate als Trägermedium, neue Verladestationen, neue Schiffsflotten, Transport nach Europa, Regasifizierung, Verteilung in einem Wasserstoffkernnetz, neue Abnehmer nach deren Umstellung auf Wasserstoff – das ist eine Herkulesaufgabe. Zunächst wird man damit die Industrie defossilisieren, gleich ob hier, oder in den Herkunftsländern der Energie. 
Bis wir allerdings ausreichende Mengen Wasserstoff als Ersatz für Kohlekraftwerke haben werden, entsteht eine Lücke von mehr als einem Jahrzehnt.
Wahrscheinlich werden wir erleben, dass die Übermengen der einheimischen EE-Erzeugung schneller hierzulande zu Wasserstoff umgewandelt werden können, als an den Aufbau der Infrastruktur zu denken ist. Aber dann gibt es, von ein paar Brennstoffzellen-Bussen und -Zügen abgesehen, weder Abnehmer noch Verwendung für den Wasserstoff. In Biogasanlagen im ländlichen Raum entstehen in der Zwischenzeit große Menge konzentriertes CO2, das bakteriell mit Wasserstoff zu Methan veredelt werden kann. Für dieses e-Methan haben die Speicherkraftwerke fertige Gasspeicher und fertige KWK-Anlagen, in denen das e-Methan gemeinsam mit Biogas höchst effizient zu Strom und Wärme werden kann.
In der Schweiz und in Dänemark laufen solche Anlagen bereits im Praxismaßstab. Sie können hier schon ein Jahrzehnt früher ausgerollt werden, als das Wasserstoff-Kernnetz zur Verfügung steht. Mit der Kombination Biogas/e-Methan können wir schon 2025 beginnen, den Kohlestrom aus der Residuallastdeckung zu verdrängen.
Wir brauchen weder viele backup-Kraftwerke noch einen Kapazitätsmarkt, sondern nur gezielte Förderung der nachhaltigen Technologien, dann bekommen wir ein sicheres und klimaschonendes Stromsystem, das sogar zu Naturschutz und klimaschonender Landwirtschaft beiträgt.

Die Fragen stellte Lisa Marx

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