Überall dort, wo Server laufen, entsteht Wärme – in großen Mengen.

Überall dort, wo Server laufen, entsteht Wärme – in großen Mengen.

Bild: @ Curioso.Photography/AdobeStock

Die Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren gilt als naheliegender Baustein der Wärmewende: Große Strommengen werden in Wärme umgewandelt, die theoretisch nutzbar ist. In der Praxis zeigt sich jedoch ein differenziertes Bild. Drei Projekte aus Dresden, Erkrath und Brandenburg machen deutlich, dass das Potenzial vorhanden ist – der Erfolg aber maßgeblich von wirtschaftlichen und infrastrukturellen Rahmenbedingungen abhängt.

Eine einzelne Internetsuche verursacht im Rechenzentrum Wärmemengen von schätzungsweise 0,3 Wattstunden (Wh). Während einer 15-minütigen Videokonferenz kann der Energieverbrauch hingegen je nach Auflösung, Teilnehmerzahl und Infrastruktur auf bis zu acht Wattstunden ansteigen. Mit der zunehmenden Digitalisierung und dem fortschreitenden KI-Zeitalter wächst der Energiehunger, aber auch die Frage: Wohin mit der anfallenden Wärme – und zwar das ganze Jahr über?

Die Standorte der ersten Rechenzentren konzentrierten sich bislang an den Hyperscale-Hubs im europäischen Backbone-Netz. Dazu zählen der Raum Frankfurt/Rhein-Main, Berlin/Brandenburg und das Rhein-Ruhr-Gebiet. Insbesondere das Stromnetz im Gebiet um Frankfurt kam dabei an seine Kapazitätsgrenzen – viele Netzbetreiber lehnen Anschlussbegehren für die nächsten Jahre ab.

Inzwischen lässt sich jedoch ein neuer Trend erkennen: Nicht die schnelle Internetleistung ist der primäre Entscheidungsfaktor für ein Rechenzentrum. Bei den Investitionsentscheidungen spielen vermehrt weitere Kriterien eine Rolle: verfügbare Stromnetzkapazität, Dienstleistungsbedarf vor Ort und Wirtschaftlichkeit des Vorhabens.

Noch kein flächendeckender Boom

Einen Boom abseits der Hyperscales sieht der Digitalverband Bitkom noch nicht. "Von einem flächendeckenden Phänomen kann man derzeit aber noch nicht sprechen", hieß es auf Anfrage. Wichtig bleibe der wirtschaftliche Faktor für den Betrieb. Entscheidend seien "geeignete Wärmeabnehmer", "passende Wärmenetzinfrastruktur" und vor allem, "ob sich das Projekt wirtschaftlich darstellen lässt".

Ein zentrales Problem sei zudem, dass "Rechenzentren ihre Abwärme in der Regel kostenneutral abgeben möchten, aber nur selten geeignete Abnehmer finden".

Dresdner Projekt zeigt Möglichkeiten

Einzelne Projekte zeigen aber: Ein wirtschaftlicher Betrieb ist möglich. In Dresden ist die Abwärmenutzung eines Rechenzentrums bereits Realität. Seit dem Herbst 2025 wandeln drei Großwärmepumpen mit einer Gesamtleistung von 3,9 Megawatt (MW) die überschüssige Abwärme der Hochleistungsrechner der TU Dresden in Fernwärme um.

Dabei entstehen bis zu 24.000 Megawattstunden (MWh) grüne Wärme pro Jahr, mit denen 3700 durchschnittliche Dresdner Haushalte versorgt werden können. Verglichen mit der konventionellen Erzeugung von Fernwärme mit Gas hilft die Technologie, rund 2700 Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) zu vermeiden.

Vor allem in der kälteren Jahreshälfte spielt sie eine entscheidende Rolle: Denn mehr Wärme aus Wärmepumpen bedeutet weniger Abhängigkeit von Brennstoffen wie Wasserstoff. Über die verschiedenen Wärmepumpentechnologien könnte etwa die Hälfte der Fernwärme dekarbonisiert werden, im Sommer liegt der Prozentsatz noch deutlich höher, rechnet Sachsenenergie vor.

Einen Gamechanger sieht der Versorger in der Abwärme aus Rechenzentren allerdings nicht: "Mit dem Betrieb von Wärmepumpenanlagen erreichen wir einen weiteren Schritt, der jedoch gemessen an der erreichten Kapazität sehr klein ist". Vor allem wirtschaftlich bleibe das Modell herausfordernd: "Ohne die Förderung […] wäre das Projekt wirtschaftlich nicht vertretbar", hieß es aus Dresden.

Frühzeitige Planung der Wärmeauskopplung

Der Fernwärmeverband AGFW geht auf Grundlage einer aktuellen Studie davon aus, dass bis 2045 der Anteil industrieller und gewerblicher Abwärme von einem aktuell niedrigen einstelligen Prozentwert auf circa 13 Prozent steigen wird. Entscheidend bei den Projekten ist die wirtschaftlich tragbare Abwärmenutzung.

Dafür sei eine "frühzeitige Beteiligung potenzieller Senken zur Abwärmenutzung wie beispielsweise Wärmenetzen im Planungsprozess notwendig". Eine nachträgliche Abwärmenutzung aus bereits bestehenden oder im Planungsprozess weit fortgeschrittenen Rechenzentren sei hingegen "oftmals nicht mehr wirtschaftlich umsetzbar", hieß es auf Anfrage.

Das geplante Rechenzentrum hätte das Potenzial, circa 50 bis 70 Prozent der Wärme für die Fernwärme in Erkrath bereitstellen zu können.

Stadtwerke Erkrath

Das wissen auch die Projektbeteiligten in Erkrath. Dort planen die Stadtwerke, die Abwärme eines neuen Rechenzentrums systematisch in die Wärmeversorgung zu integrieren. Die Bedeutung wird klar formuliert: "Die Abwärme von Rechenzentren kann einen wichtigen Beitrag zur klimaneutralen Wärmeversorgung leisten, da sie nahezu kostenneutral anfällt."

Das errechnete Potenzial ist entsprechend groß: "Das geplante Rechenzentrum hätte das Potenzial, circa 50 bis 70 Prozent der Wärme für die Fernwärme in Erkrath bereitstellen zu können". Die Stadt in der Nähe von Düsseldorf zählt rund 45.000 Einwohner. Die Initiative zur Integration der Abwärme ging bei diesem Vorhaben vom Versorger selbst aus. Mit der Ankündigung des Rechenzentrums "wurde die eigene Wärmeplanung unmittelbar angepasst".

Wirtschaftlichkeit entscheidend

Der nordrhein-westfälische Versorger stellt eine Verschiebung der Logik von Standortentscheidungen fest. Während Rechenzentren traditionell entlang leistungsfähiger Dateninfrastruktur entstehen, beobachten die Stadtwerke Erkrath: "Zunehmend werden Rechenzentren auch dort entstehen, wo Abwärme genutzt werden kann, um die Betriebskosten so gering wie möglich zu halten." Doch auch hier bleibt die Wirtschaftlichkeit an Bedingungen geknüpft: "Die Skalierbarkeit hängt stark von lokalen Rahmenbedingungen wie Infrastruktur, Wärmenachfrage und Netzanschluss ab."

Rechenzentren setzen etwa 70 bis 80 Prozent der Stromaufnahme in Wärme um.

Energie und Wasser Potsdam

Ein drittes Beispiel aus Brandenburg zeigt, wie groß die Dimension solcher Projekte werden kann – und wie viele Fragen noch offen sind. Dort prüfen Versorger gemeinsam mit Kommunen die Nutzung eines Rechenzentrums mit sehr hoher Leistung. Die grundsätzliche Logik ist klar beschrieben: "Rechenzentren setzen etwa 70 bis 80 Prozent der Stromaufnahme in Wärme um. Ohne weitere Nutzung würde diese Wärme an die Umwelt abgegeben werden."

Daraus ergebe sich ein erheblicher "Wärmeschatz", dessen Nutzung naheliegt. Die technische Umsetzung ist anspruchsvoll: "Das Temperaturniveau der Abwärme […] muss mittels Großwärmepumpen auf ein für Wärmenetze geeignetes Temperaturniveau angehoben werden."

Auch wirtschaftlich bleiben bei Energie und Wasser Potsdam (EWP) Fragen offen. Der Versorger formuliert es vorsichtig: "Wir gehen, Stand heute, von einer guten Wirtschaftlichkeit des Vorhabens aus". Das Unternehmen betont aber gleichzeitig, dass zunächst "die technische, planungsrechtliche und wirtschaftliche Machbarkeit […] sehr genau untersucht" werden muss. Die Ergebnisse erwartet EWP erst in einigen Jahren.

Diese drei Beispiele zeigen ein konsistentes Bild: Abwärme aus Rechenzentren ist strategisch relevant, technisch nutzbar und in der richtigen Konstellation ein bedeutender Baustein der Wärmewende. Gleichzeitig ist sie hochgradig abhängig von lokalen Faktoren und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.

Fossile Quellen oft günstiger

Der Verband der Internetwirtschaft Eco ergänzt, dass sich die wirtschaftliche Situation rund um die Abwärmenutzung von Rechenzentren zwar verbessert, historisch bedingt aber schwierig sei. Lange Zeit sei die Abwärmenutzung im Vergleich zu fossilen Quellen "einfach zu teuer" gewesen. Entsprechend habe es meist nur kleine, lokale Anwendungen gegeben.

Häufig dauert es viele Jahre, bis die Voraussetzungen vor Ort geschaffen werden können.

Verband der Internetwirtschaft, Eco

Zwar könnten theoretisch "circa 70 Prozent der eingesetzten Energiemenge genutzt werden", doch in der Praxis sei der Umbau bestehender Anlagen "nicht immer sinnvoll". Hinzu kommen lange Vorlaufzeiten: "Häufig dauert es viele Jahre, bis die Voraussetzungen vor Ort geschaffen werden können", so die Experten auf ZFK-Anfrage.

Technologie an der Schwelle

Damit verdichtet sich ein klares Gesamtbild: Die Nutzung von Rechenzentrumsabwärme steht an der Schwelle vom Einzelfall zur breiteren Anwendung. Die drei Projekte zeigen, dass sie funktionieren kann – wenn Planung, Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit zusammenpassen.

Ob daraus jedoch ein flächendeckendes Modell wird, entscheidet sich weniger an der verfügbaren Wärme als an der Frage, ob es gelingt, diese systematisch in die Wärmeplanung zu integrieren – und wirtschaftlich tragfähig zu machen.

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