Herr Barth, Sie befassen sich seit vielen Jahren mit Konflikten rund um gesellschaftliche Transformationsprozesse. Was sagt der aktuelle Bürgerbeteiligungsreport zur Stimmung bei der Wärmewende?
Wir haben in der Studie 2000 Bürgerinnen und Bürger befragen lassen. Dabei haben wir deutlich gespürt, dass das Vertrauen in die Umsetzung der Wärmewende in vielen Kommunen schwindet. Ein zentrales Problem ist, dass sich viele Menschen nicht mitgenommen fühlen. Es wird häufig über ihre Köpfe hinweg entschieden – das erzeugt Widerstand. Hinzu kommt, dass kritische Stimmen zu oft diskreditiert werden, anstatt sie in den Dialog einzubinden. Was wir brauchen, ist eine breite Gesprächsbereitschaft – auch mit denen, die skeptisch sind.
72 Prozent der Befragten fühlen sich schlecht informiert. Gibt es ein strukturelles Kommunikationsproblem?
Ja, das beobachten wir schon länger. Kommunen und Projektträger glauben oft, sie hätten ausreichend informiert. Doch die Bürger erleben das anders – und dieses subjektive Empfinden muss man ernst nehmen. Noch immer werden Menschen erst informiert, wenn die Planungen bereits abgeschlossen sind. Dann geht es oft nur noch um Akzeptanz, nicht mehr um Mitgestaltung. Das schafft Misstrauen. Wenn Menschen nicht verstehen, was auf sie zukommt, entwickeln sie Sorgen – gerade, wenn es um komplexe Themen wie die Wärmewende geht. Hier fehlt es an niedrigschwelligen, sachlichen Informationen.
Besteht ein grundsätzliches Defizit darin, wie Politik und Verwaltung Transformationsprozesse vermitteln?
Absolut. Viele Kommunen sind schlicht überfordert – nicht aus bösem Willen, sondern weil diese Veränderungen in einem enormen Tempo passieren. Gleichzeitig verändern sich auch die Anforderungen an demokratische Beteiligung. Gerade ältere Menschen – die 60- bis 75-Jährigen – informieren sich seltener online. Sie brauchen greifbare Formate wie Broschüren oder persönliche Gespräche. Wenn man das nicht berücksichtigt, fühlen sich diese Menschen ausgeschlossen – und das betrifft ausgerechnet jene, die als Immobilienbesitzer am stärksten von der Wärmewende betroffen sind.
Welche Gruppen zeigen besonders großen Informations- und Beteiligungsbedarf?
Besonders betroffen sind Menschen ab circa 55 Jahren, insbesondere Haus- und Wohnungseigentümer. Für sie steht viel auf dem Spiel: ihre Immobilie, ihr finanzielles Polster – und oft auch das, was sie als ihre "Heimat" empfinden. Diese Generation fühlt sich besonders schlecht informiert und hat zugleich die größten Ängste vor den Kosten der Wärmewende. Das ist kein Randphänomen. Wir sehen immer wieder, dass bei Infrastrukturprojekten genau diese Altersgruppe besonders aktiv wird – weil sie sich sorgt, etwas zu verlieren. Das sollten Politik und Verwaltung sehr viel ernster nehmen.
"Beispiel Wärmepumpe: Klare Kommunikation schafft Akzeptanz"
Der Report zeigt: Die finanzielle Belastung ist das größte wahrgenommene Konfliktrisiko. Was muss geschehen, um hier Vertrauen zu schaffen?
Die Menschen wollen wissen, was konkret auf sie zukommt – finanziell, organisatorisch, praktisch. 55 Prozent der Befragten wünschen sich Informationen zur eigenen Belastung, 51 Prozent zu den Kosten für die Allgemeinheit. Ebenso wichtig sind Informationen zur Bauphase, zu Förderprogrammen und möglichen Beteiligungsformaten. Wenn man das zu lange offenlässt, entstehen Ängste. Gute Kommunikation nimmt diese Sorgen auf, klärt transparent, was geplant ist, und benennt ehrlich die Belastungen – zusammen mit Lösungen, etwa Fördermitteln. Ein Beispiel ist die Wärmepumpe: Als die Förderung klar kommuniziert wurde, war die Nachfrage plötzlich da. Vorher gab es nur Unsicherheit. Das zeigt: Klare Kommunikation schafft Akzeptanz.
Die meisten Menschen möchten bereits vor der konkreten Planung beteiligt werden. Wie lässt sich das umsetzen, ohne Projekte unnötig zu verzögern?
Es geht nicht darum, jede Entscheidung zur Abstimmung zu stellen. Aber es ist wichtig, dass die Menschen früh erfahren: In ihrer Straße oder Nachbarschaft ist etwas geplant – auch wenn noch nicht alle Details feststehen. Wer erst kurz vor Baubeginn informiert, riskiert massiven Widerstand. Natürlich gibt es immer eine erste Aufregung, wenn ein Projekt öffentlich gemacht wird. Aber das ist besser, als wenn sie später eskaliert. Die Bürger wollen wissen, dass sie sich informieren und einbringen können. Das kann über Flyer, Infoveranstaltungen oder eine zentrale Anlaufstelle geschehen. Es braucht keine Massenversammlungen – wichtig ist, dass es Möglichkeiten gibt. Das wird oft unterschätzt.
Welche Rolle spielen Mediation und Konfliktmanagement bei der Umsetzung solcher Projekte?
Eine sehr wichtige. Wir haben beispielsweise für einen Großkonzern ein Hochspannungsleitungsprojekt begleitet, bei dem es viele kritische Stimmen gab. Durch intensive Dialogprozesse und professionelle Konfliktmoderation konnte das Projekt ohne eine einzige Klage umgesetzt werden. Das war vorher unvorstellbar. Der Schlüssel war, viel in Kommunikation zu investieren – mit Fachleuten, die Vertrauen aufbauen können. Zuhören ist dabei ein zentrales Element. Nicht immer lässt sich alles ändern, aber wenn Menschen merken, dass ihre Sorgen ernst genommen werden, verändert das viel. Ich sage immer: Zuhören ist ein Zaubermittel. Es ist der erste Schritt zu einem friedlichen, demokratischen Prozess.
"Beteiligung kostet Zeit und Geld – aber fehlende Beteiligung kostet oft mehr".
Bürgerbeteiligung wird oft als "nice to have" betrachtet. Ihre Studie zeigt jedoch: Sie kann auch ökonomisch sinnvoll sein. Warum?
Ganz einfach: Beteiligung kostet Zeit und Geld – aber fehlende Beteiligung kostet oft mehr. Wenn ein Projekt durch Klagen, Proteste oder politische Blockaden gestoppt wird, entstehen hohe Folgekosten. Umgekehrt kann Beteiligung Tempo bringen, wenn sie klug gemacht ist. Besonders die Generation 45 plus verfügt über enormes Erfahrungswissen. Diese Menschen haben Zeit, sie kennen ihre Umgebung – und viele wollen sich einbringen. Aber sie brauchen mehr Raum zur Mitgestaltung und auch mehr Zeit, um Wandel zu verarbeiten. Wer das berücksichtigt, spart am Ende Geld und gewinnt an Qualität.
Wer trägt aus Ihrer Sicht die Hauptverantwortung für eine gelingende Wärmewende – und welche Fehler sollten dabei vermieden werden?
Die Verantwortung liegt bei vielen – Kommunen, Stadtwerken, der Politik, aber auch bei den Bürgerinnen und Bürgern selbst. Stadtwerke etwa haben zunehmend erkannt, wie wichtig frühzeitige Beteiligung ist. Der größte Fehler wäre, Beteiligung als Pflichtübung zu sehen oder als PR-Maßnahme. Sie muss ernst gemeint sein, verbindlich, ergebnisoffen. Und sie darf nicht aus Angst vor Widerstand zu spät beginnen. Wer sich früh öffnet, wer zuhört und erklärt, der hat gute Chancen, Vertrauen zu schaffen. Denn Menschen sind grundsätzlich bereit, Veränderungen mitzutragen – wenn man ihnen auf Augenhöhe begegnet.
Danke für das Gespräch!
Das Interview führte Daniel Zugehör
Der "Steinbeis BürgerbeteiligungsReport 2025" ist online verfügbar.



