Das Biogas- und Kompostwerk der Stadtreinigung Hamburg (SRH) am Standort Wulksfelder Damm verwandelt organische Küchen- und Grünabfälle in jährlich bis zu 1,5 Millionen Kubikmeter reines Biomethan. Dieses wird ins Erdgasnetz eingespeist. Seit letztem Jahr steht am Standort ein Elektrolyseur, der Teil eines Pilotvorhabens ist. Beim Fermentieren des Bioabfalls wird der vor Ort erzeugte Wasserstoff zugeführt und das im Biogas enthaltene CO₂ so anteilig in Methan umgewandelt. Der Methananteil – sonst 50 bis 60 Prozent – erhöht sich dadurch auf gut 75 Prozent.
Lesen Sie dazu auch: Hamburger Stadtreinigung und TU gründen Institut
Die Idee für dieses Verfahren zur Erhöhung der Biomethanausbeute entstand am An-Institut "HiiCCE" (Hamburg Institute for Innovation, Climate Protection and Circular Economy), einer 100-prozentigen Tochter der SRH. Die SRH hatte HiiCCE 2021 zusammen mit dem Forschungsbereich "Abfall als Ressource" der Technischen Universität Hamburg gegründet. Ein An-Institut ist eine rechtlich eigenständige Einrichtung, die eng mit einer Hochschule zusammenarbeitet.

Wir starten bei konkreten betrieblichen Problemen, entwickeln daraus Projekte und testen die Lösungen in unserem Reallabor, der Stadtreinigung Hamburg.
Christian Growitsch
Geschäftsführer des Hamburg Institute for Innovation, Climate Protection and Circular Economy
Seit 2025 ist der Ökonom Christian Growitsch Geschäftsführer. Vorher arbeitete er am Energiewirtschaftlichen Institut der Uni Köln, lehrte Kreislaufwirtschaft in Leipzig und leitete bei Fraunhofer angewandte Forschungs- und Beratungsprojekte. Hauptaufgabe von HiiCCE ist der Technologietransfer. Growitsch sagt: "Wir starten bei konkreten betrieblichen Problemen, entwickeln daraus Projekte und testen die Lösungen in unserem Reallabor, der SRH."
Der kommunale Entsorger bringe Anlagen- und Prozess-Know-how sowie Kostenrealismus ein, die TU ergänze mit Verfahrenstechnik, Recyclingexpertise und wissenschaftlicher Infrastruktur. Ideen, die funktionieren, werden bis zu dem Punkt gebracht, an dem sie in den Betrieb überführt werden können.
Lesen Sie dazu auch: Führungswechsel bei der Stadtreinigung Hamburg
Schwerpunkt KI-Anwendungen
Noch nicht ganz so weit, aber auf dem Weg dahin ist eine Künstliche Intelligenz, die bei der Treibhausgasbilanzierung hilft. Sie liest Dokumente und Belege aus, ordnet Daten bestimmten Emissionsquellen zu, führt Plausibilitätsprüfungen durch und bereitet Daten für die weitere Bilanzierung und Auswertung auf. Vorteil: Mitarbeiter müssen nicht mehr stundenlang Daten sammeln und ihnen bleibt mehr Zeit für komplexere Aufgaben, etwa Analysen. Zudem passieren weniger Fehler, sodass unternehmerische Entscheidungen – etwa Klimaschutzmaßnahmen – auf einer stabileren Datengrundlage getroffen werden können.
Ein weiteres von HiiCCE entwickeltes KI-unterstütztes Tool nennt sich "Trendclub". Hier geht es darum zu schauen, was die globale Abfall- und Recycling-Community an Nachahmenswertem hervorbringt. Das Tool sucht im Internet nach vielversprechenden oder gar bahnbrechenden neuen Technologieanwendungen, und zwar in der jeweiligen Landessprache.
"Trendclub": KI-Agent als Feinsieb für Innovationen
Ob die Innovation aus Ostasien oder Südamerika kommt – "Trendclub" entgeht nichts. Nur die Suchergebnisse sind noch etwas unübersichtlich: Bei einem Testlauf spuckte das Tool mehr als 3.000 Best-Practice-Projekte aus. Da lässt sich unmöglich das Passende herausfischen, sagt Growitsch. "Daher arbeiten wir gerade an einem ergänzenden KI-Agenten, der konkrete Empfehlungen gibt. Er bewertet den Neuheitsgrad und die Übertragbarkeit der Technologie auf Deutschland." So etwas wie ein Innovations-Feinsieb: Was hängenbleibt, lohnt einen genaueren Blick.
Ein Frühwarnsystem für regulatorische Veränderungen
Growitsch denkt schon über weitere Tools nach, etwa über eine Art Frühwarnsystem für regulatorische Veränderungen, die großen Einfluss auf den Betrieb haben. Dazu zählt etwa die künftige Verpflichtung zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm. Es sei bemerkenswert, dass manche Entsorger von neuen Vorgaben überrascht zu werden scheinen, obwohl diese einen langen Vorlauf haben: Erst kommt eine EU-Verordnung und drei, fünf oder gar zehn Jahre später die Überführung in nationales Recht. Der Anspruch müsse sein, die passende Technologie beim Wirksamwerden der Regulierung schon umsetzungsbereit in der Schublade liegen zu haben – etwa eine neue Reinigungstechnologie. "Den ersten Schritt dahin – die Erfassung der drohenden Regulierung – übernähme unser künftiges Regulatory Foresight Tool."
Lesen Sie dazu auch: "Wir machen alles, wo andere fies vor sind"

Aktuelle Projekte mit EEW Energy from Waste und Veolia
Bisher finanziert sich HiiCCE vor allem aus Drittmitteln im Rahmen geförderter Projekte sowie mit Erlösen aus SRH-Projekten. Growitsch ist gerade dabei, das Geschäftsmodell neu auszurichten. Langfristig soll der Anteil externer Erlöse wachsen, indem SRH-intern für gut befundene Lösungen vermarktet werden. "Wir wollen Erträge aus dem Vertrieb standardisierter Dienstleistungen, aus Lizenzverwertung und eventuell aus Implementierungsleistungen erzielen." Zwei aktuelle externe Kunden sind die Konzerne EEW Energy from Waste und Veolia. In dem gemeinsamen Projekt "Future Waste" untersucht HiiCCE die Stoffstromentwicklungen in 15 und 30 Jahren – ebenfalls mit KI-Unterstützung.
Langfristig will Growitsch den anstehenden Wandel der Branche mitgestalten. Entsorger sind längst zur "kritischen Infrastruktur für Ressourcen, Energie und Klimaschutz" geworden. Sie recyceln Papier, Plastik und Textilien, machen aus Bioabfall Dünger und Biogas und aus Siedlungsabfall Fernwärme, extrahieren Metalle aus Rostaschen, setzen Deponiegas zur Energieerzeugung ein.
Es geht künftig auch darum, Stoffströme systematisch in die Wiederverwendung zu bringen.
Nun steht der nächste Schritt in Richtung Kreislaufwirtschaft an. "Es geht künftig nicht mehr nur um Sammlung und Verwertung, sondern darum, Stoffströme systematisch in die Wiederverwendung zu bringen." Dazu gehören zum Beispiel mineralische Stoffströme als größte Gruppe, aber auch die Ströme von Nebenprodukten wie Kohlendioxid. Was Growitsch vorschwebt, sind industrielle Symbiosen, bei denen sich Industrieunternehmen Versorgungsinfrastruktur teilen. Der Reststoffstrom des einen Betriebs wird dabei zum Rohstoffstrom des Nachbarunternehmens.
Nicht, dass die Idee komplett neu wäre. Zum Beispiel zeigt der Chemiepark Bitterfeld, wie es geht: Aus Salzsole entstehen Chlor, Natronlauge und Wasserstoff. Ein Teil des Chlors wird zu Chlorwasserstoff, Salzsäure und Bleichlauge verarbeitet. Der Chlorwasserstoff dient dann der Herstellung von Vorprodukten für Lichtwellenleiter oder Quarzglas.
Cluster bringen Resilienz
Zweites Beispiel: Das Hamburger Unternehmen Aurubis verkauft Schwefelsäure weiter, die aus dem bei der Verhüttung schwefelhaltiger Kupferkonzentrate entstehenden Schwefeldioxid hergestellt wird. Growitsch: "Das ist der richtige Weg: Abfall- oder Nebenprodukte vermarkten und zu neuen Rohstoffen und Produkten verschmelzen. Wir wollen helfen, diesen Ansatz auch in der Abfallentsorgungsbranche zu etablieren, sodass es irgendwann flächendeckend solche Cluster gibt."
HiiCCE identifiziere dann Potenziale, bewerte Stoff- und Wertströme oder führe Pilotprojekte durch. Industrielle Symbiosen haben für Growitsch zwei große Vorteile. Erstens kostet die Entsorgung von Abfallprodukten heute Geld – sie zu verkaufen, bringt dagegen Geld ein. Das ist der Nutzen für die Branche. "Zweitens bekommen wir, sollten sich landauf, landab viele solcher hochgradig energie- und ressourceneffizienten Cluster bilden, eine geopolitisch äußerst resiliente Industriestruktur." Das ist der Nutzen für die gesamte Volkswirtschaft.
