Rüdiger Siechau hat einige Maximen. Sie stehen für eine bestimmte Auffassung und Haltung zur eigenen Arbeit im Bereich der Daseinsvorsorge. Mit dieser Klarheit hat der in wenigen Tagen 70-Jährige der Stadtreinigung Hamburg (SRH) und ihren rund 4500 Mitarbeitenden einen klaren Kompass gegeben. Eine der Maximen lautet: "Wir machen alles, wo andere fies vor sind."
In den über 30 Jahren an der Spitze des kommunalen Unternehmens hat die SRH den Betrieb der öffentlichen Toiletten übernommen. Auch für die Reinigung des Elbstrands und mehr als 200.000 Straßen- und Verkehrsschilder ist man seit Langem zuständig.
Wechsel aus der Privat- in die Kommunalwirtschaft
Ein großer Entwicklungsschritt war die Übernahme der Steuerungsverantwortung für die Sauberkeit der kompletten Hansestadt. Gefragt worden ist Siechau vom zuständigen Staatsrat in einem Aufzug und er hat sofort Ja gesagt. Erst später wurde geklärt, wer dafür zahlt. "Nur so funktioniert das", sagt Siechau. "Der Bürger möchte, dass es sauber ist und sich nicht erst durchfragen müssen, wer verantwortlich ist."
Mit dieser Haltung hat der promovierte Maschinenbauingenieur in seinen über 30 Jahren an der Spitze des kommunalen Unternehmens die SRH zu einem modernen Dienstleister transformiert. Anfang 1995 war er aus dem Ruhrgebiet nach Hamburg gekommen. Zeitgleich war die Stadtreinigung von einem Amt in der Baubehörde zu einer Anstalt öffentlichen Rechts (AöR) geworden.
Siechau wechselte aus der Privatwirtschaft, aus dem Thyssen-Konzern, in die Kommunalwirtschaft. Das war anfangs eine große Umstellung. Der große Einfluss der Politik, die betriebliche Mitbestimmung – all das war Neuland für ihn.
Das gewachsene, gute Image der Stadtreinigung Hamburg bringe auch eine Erwartungshaltung in der Öffentlichkeit mit sich, die es zu erfüllen gelte, so Siechau. "Wir müssen in der Stadt präsent sein", verdeutlicht er. Als Beispiel nennt er den beliebten Park "Planten und Blomen". Früher hätte man dort zur Mitte der Woche sauber gemacht, doch die Bürger wollten es dort auch am Wochenende sauber haben. Das heißt, man muss dort auch am Wochenende Personal einsetzen.
Dass junge Menschen nicht mehr arbeiten
und nur chillen wollen, ist Quatsch.
Dass sich die Einstellung zur Wochenendarbeit verändert hat, bekommt man mittlerweile auch bei der SRH zu spüren. Der Fachkräftemangel ist längst spürbar. Wo sich früher 600 Personen auf eine Sekretärinnen-Stelle beworben haben, sind es heute nicht mal 60.
"Dabei ist die Aufgabenvielfalt bei der Stadtreinigung groß. Wir sind ein sicherer Arbeitgeber", sagt er. Dennoch sei es schwieriger geworden, Menschen zu finden, die andere für die Aufgaben bei der SRH begeistern. "Wir haben nichtsdestotrotz auch viele Leute, die man begeistern kann und viele junge Leute, die sich begeistern lassen", ergänzt er. Dass aber junge Menschen nicht mehr arbeiten und nur chillen wollten, sei "Quatsch".
Präsident des VKS und Kämpfer für die kommunale Abfallwirtschaft
Auch politisch hat sich Siechau in seiner langen Schaffenszeit in Hamburg engagiert. Obwohl er als Quereinsteiger aus der Privatwirtschaft nicht über den "kommunalen Stallgeruch" verfügte, wurde er 2001 zum Präsidenten des Verbands der kommunalen Städtereiniger (VKS) gewählt. "Das war ungewöhnlich, weil ich ein Gewächs der privaten Industrie war", verdeutlicht Siechau.
Als Verbandspräsident setzte er sich gegen die Privatisierung von Papier- und Wertstoffsammlungen ein. Die damals laufende Privatisierungswelle in der Entsorgungswirtschaft und die wachsenden "Public Private Partnerships" sah er mit Skepsis. Damals habe bei einigen Verbandsvertretern der privaten Abfallwirtschaft die Einstellung geherrscht, "alle kommunalen Unternehmen seien schwerhörig und ungefähr so wichtig, wie ein Loch im Kopf". Die Abfallwirtschaft habe damals kein gutes Image gehabt, auch an den Hochschulen nicht. Das stachelte ihn zusätzlich an. "Ich bin nicht uneitel", sagt er mit dem für ihn typischen Humor.
Ein bisschen mehr Abfallwirtschaft könnte im VKU schon stattfinden.
"Wir haben dagegengehalten und die Vorteile der kommunalen Abfallwirtschaft in der öffentlichen Diskussion aufzeigen können, dass es auch Langfristigkeit braucht und nicht nur Profitorientierung", erinnert er sich. Das habe gut funktioniert und man habe es geschafft, dass sich kommunale und private Abfallwirtschaft auf Augenhöhe begegnen.
Einige der einstigen Widersacher im Verband der privaten Abfallwirtschaft (BDE) seien sogar zu Freunden geworden. 2003 erfolgte dann die Fusion mit dem deutlich größeren VKU. "Wir mussten die Kräfte bündeln, der VKU war deutlich mächtiger", so Siechau. Um weiterhin sichtbar zu bleiben, wurde der VKS zum VKS im VKU. "Dafür mussten wir ganz schön kämpfen", erinnert er sich. Als ehemaliger VKS-Präsident war er automatisch VKU-Vizepräsident. "Ich erinnere mich an eine der ersten Sitzungen. Der damalige VKU-Präsident hat zu mir gesagt, sie können ruhig dagegen stimmen, das nutzt eh nichts."
Insgesamt sei das Aufgehen im VKU aber eine Erfolgsgeschichte. "Dennoch muss ich sagen, ein bisschen mehr Abfallwirtschaft könnte im VKU schon stattfinden."
Honorarprofessor und eigenes wissenschaftliches Institut
An der Technischen Universität Hamburg (TUHH) engagiert sich Siechau seit Längerem als Honorarprofessor, den ersten Lehrauftrag bekam er 1999. Im Fokus stehen praxisnahe Vorlesungen zu Themen aus der kommunalen Abfallwirtschaft.
Das 2021 gegründete An-Institut "HiiCCE" (Hamburg Institute for Innovation, Climate Protection and Circular Economy) führt die Kompetenzen der Stadtreinigung Hamburg, der Arbeitsgruppe Sustainable Resource and Waste Management der Technischen Universität Hamburg und der ehemaligen Joma Umwelt-Beratungsgesellschaft unter einem Dach zusammen.
Siechau will seinen Lehrauftrag weiter führen
Ein An-Institut ist eine privatrechtlich organisierte Einrichtung, die eng mit einer Hochschule zusammenarbeitet. Ziel ist es, anwendungsbezogene Forschung zu organisieren und zu finanzieren. Gesellschaftsrechtlich ist das An-Institut eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der SRH und erzielte Gewinne dieser Gesellschaft sollen der Wissenschaft im Bereich "Abfall als Ressource" an der TU Hamburg zufließen.
Die Hauptaufgabe der HiiCCE GmbH ist die Erarbeitung kundenspezifischer Problemlösungen für die globalen Herausforderungen des Klimaschutzes sowie der Kreislauf- und Ressourcenwirtschaft.
Seinen Lehrauftrag an der Hochschule will Rüdiger Siechau auch nach dem Ausscheiden weiter führen. "Und wenn jemand mit spannenden Projekten auf mich zukommt, werde ich da auf jeden Fall unterstützen", verspricht er.
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Eine gekürzte Fassung des Porträts über Rüdiger Siechau finden Sie in der ZfK-Printausgabe für Januar. Diese erscheint am kommenden Montag, 12. Januar. Dort erklärt der langjährige Sprecher der Geschäftsführung der SRH auch, warum "CO2-Abscheidung für ihn mehr als ein Schnack ist" und wie das Unternehmen bis 2035 klimaneutral werden will. Wer Rüdiger Siechau an der Spitze der Stadtreinigung Hamburg nachfolgt, lesen Sie hier.



