Rund 50.000 Besucherinnen und Besucher hat die Umweltbildungseinrichtung Metabolon pro Jahr, davon sind rund ein Fünftel Schülerinnen und Schüler.

Rund 50.000 Besucherinnen und Besucher hat die Umweltbildungseinrichtung Metabolon pro Jahr, davon sind rund ein Fünftel Schülerinnen und Schüler.

Bild: Panousi Fotografie/BAV

Von Andreas Lorenz-Meyer

In der Nähe der Gemeinde Lindlar, inmitten der bewaldeten Hügel des Bergischen Landes in Nordrhein-Westfalen, dreht sich auf einer Fläche von 45 Hektar alles um Abfallverwertung, Stoffumwandlung, zirkuläre Wertschöpfung und Sekundärrohstoffe. Hier befindet sich der Forschungs- und Lernstandort Metabolon (Eigenschreibweise ":metabolon"). Eine ehemalige Zentraldeponie des Bergischen Abfallwirtschaftsverbands, die im Rahmen des Strukturförderprogramms Regionale 2010 umgestaltet worden war.

Rund 50.000 Menschen besuchen das Gelände pro Jahr, darunter gut 9000 Schülerinnen und Schüler. Von Kindergartengruppen über Grundschulklassen bis Oberstufe  – alles ist dabei. Guide Marc Härtkorn hat die anspruchsvolle Aufgabe, ihnen auf anschauliche und altersgerechte Weise näherzubringen, dass Abfall eine wertvolle, vielseitig verwendbare Ressource ist und kein Müll.

Bei den Rundgängen zeigt er seinen Gruppen zum Beispiel die Vergärungs- und Kompostierungsanlage für Bioabfall oder die Papierhalle, in der Altpapier verwertet wird. Die Älteren ab Klasse 9 können sich auch im Schülerlabor experimentell austoben. Zum Schluss geht es auf den Müllberg, den höchsten Punkt der Anlage. 360 Treppen führen hinauf, eine Doppelrutsche hinab. Die 360 Stufen sind kein Zufall: Sie symbolisieren die 360 Grad der Kreislaufwirtschaft.

Junge Besucher sind Multiplikatoren

Härtkorn versucht bei den Rundgängen Aha-Erlebnisse zu schaffen. Dafür können die kleineren Besucher zum Beispiel nach Lust und Laune im Kompost nach Komposttieren wühlen. Nebenbei lernen sie, wie die Lebewesen heißen und welche Aufgabe im Ökosystem sie haben. Die Größeren lässt der Umweltbildner den eigenen ökologischen Fußabdruck messen. "Ich beobachte immer wieder, wie dann die metaphorische Glühlampe über den Köpfen angeht und plötzlich die Theorie in Verbindung mit den praktischen Erfahrungen zur Erkenntnis führt."

Besonders Kinder und Jugendliche wollen von Natur aus lernen, so Härtkorn. Diese intrinsische Motivation werde in der vorgegebenen Schulstruktur trotz aller Bemühungen nicht immer ausreichend bedient. Außerschulische Lernorte wie Metabolon erzeugten eine ganz andere Wirkung. "Unsere Maschinen sind echt, überall gibt es Geräusche und Gerüche. Das ist viel eindrucksvoller als im Unterricht ein Video gezeigt zu bekommen."

Die Kinder und Jugendlichen blühten bei den Rundgängen regelrecht auf. Härtkorn sieht sie als "ideale Multiplikatoren", weil sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen direkt im Anschluss an den Besuch mit dem sozialen Umfeld teilen – "durchaus auch mit Nachdruck, wenn ihnen auffällt, dass Eltern oder Geschwister etwas falsch machen."

Viele sind im Laufe ihrer Bildungslaufbahn mehrmals da – zuerst mit der Kita, später mit der Schule und dann sogar noch im Rahmen der Ausbildung. Im Idealfall legen sie sich dabei ein "Rüstzeug an Kompetenzen" zu. Kommt dann noch die Identifikation mit der Region dazu, "haben wir die Fachkräfte von morgen, die die Umstellung hin zu einer zirkulären Wirtschaft vorantreiben, ob in Forschung, Industrie, Handwerk oder Gesellschaft." Bestes Beispiel: der Umweltwissenschaftler, der schon als Kindergartenkind auf dem Gelände war, und heute aus Algen recycelbare Biopolymere herstellt.

Forschung und Umweltbildung kombiniert

Metabolon ist auch als Ort der Forschung konzipiert. Wissenschaftler der Technischen Hochschule Köln, die von Anfang an beim Projekt dabei ist, erproben im thermochemischen Forschungszentrum Verfahren zur stofflichen und energetischen Verwertung von Neben-, Rest- und Abfallstoffen. "Forschung und Umweltbildung sind bei uns keine abgegrenzten Bereiche", betont Annette Göddertz vom Bergischen Abfallwirtschaftsverband, die das Metabolon-Gesamtkonzept von Beginn an inhaltlich begleitet hat und für den Bereich Wissenstransfer mitverantwortlich ist.

"Wir kombinieren beides, das ist das Besondere am Projekt." Die Forschung produziere dabei immer wieder neues Wissen zur zirkulären Wertschöpfung, welches dann sogleich zu Lernmodulen für den Wissenstransfer umformatiert werde.

Metabolon ändert nicht nur die Sicht auf Abfall, sondern auch die Produktpalette von Unternehmen. Vor ein paar Jahren kam der Mitarbeiter einer Firma vorbei, die in der Nähe unter dem Markennamen "Schwalbe" Fahrradreifen herstellt. Er fragte, wie die ausgedienten Altreifen wohl zu recyceln wären. Daraufhin tüftelte ein Doktorand gemeinsam mit dem zuständigen Professor der TH Köln in den Metabolon-Forschungshallen ein neues Verfahren aus. Dafür benutzte er eine große, blau gestrichene Maschine: die Pyrolyseanlage, die vereinfacht dargestellt Abfälle durch Erhitzung in ihre Bestandteile zerlegt.

Damit gelang es ihm, das Ausgangsprodukt Reifen in drei neue Produkte umzuwandeln, in ein Pyrolyse-Öl, Kohlenstoff und Gas. Das Gas wird vor Ort für den Pyrolysereaktor verstromt. Das Pyrolyse-Öl eignet sich als Rohstoff für die Chemiebranche. Und der Kohlenstoff, der eigentliche Sekundärrohstoff, dient mittlerweile als Füllstoff für Recycling-Fahrradreifen. So geht Kreislaufwirtschaft.

Ein drittes Standbein

Nach 15 Jahren hat Metabolon auch internationale Bekanntheit erlangt. Fachpublikum aus aller Welt reist ins Bergische Land. Eine Gruppe der Chinesischen Akademie der Wissenschaften war schon da, genauso Forscher aus Ägypten und Brasilien. Der nächste Entwicklungsschritt wird nun sein, das Tätigkeitsfeld zu erweitern. Den Rahmen dafür bildet die "Regionale 2025-Bergisches RheinLand", die darauf abzielt, die Strukturen im ländlich geprägten rechtsrheinischen Raum weiterzuentwickeln. Das Thema "Alles Ressource" passt wunderbar zu Metabolon, dessen Regionale-Beitrag "Bergische Rohstoffschmiede" heißt.

Eine Art Hub für Unternehmen aus der Region, die in einem von Metabolon koordinierten Netzwerk zusammenfinden. Damit kommt zu den bisherigen Standbeinen Umweltbildung und Forschung ein drittes, der gezielte Transfer des Kreislaufgedankens in die Wirtschaft hinein, erklärt Göddertz. "Wir unterstützen produzierende Unternehmen dabei, die zirkuläre Wertschöpfung stärker in ihr Geschäftsmodell zu integrieren. Dafür gehen wir in die Unternehmen, schauen uns an, welche Reststoffe dort bei den Produktionsprozessen anfallen, nehmen diese mit zu uns und forschen hier am Standort nach Lösungen für die Stoffverwertung." 

Was regionale Unternehmen schon an Kreislauffähigem hergestellt haben, ist seit 2024 in der Dauerausstellung "Linear wird zirkulär" zu besichtigen. Zu den Exponaten gehören unter anderem ein zementfreier Betonpflasterstein und ein Lichtschalter, der zu 50 Prozent aus recycelten Fischernetzen besteht.

Mit der Einbindung der regionalen Wirtschaft ist das Metabolon-Projekt längst nicht vollendet. "Natürlich beschäftigt uns weiter die Forschung. Da wird es viele Fortschritte geben, die neue Möglichkeiten eröffnen. Zudem wollen wir daran arbeiten, zirkuläres Wirtschaften mehr und mehr als formellen Standard zu implementieren. Es soll überall von Anfang an mitgedacht werden."

Ein kleiner Schritt dahin ist zum Beispiel die Zertifizierung und Durchführung von Lehrgängen wie den Circularity Scouts gemeinsam mit der IHK Köln. Metabolon bietet diese Zusatzqualifikation für Azubis an. Was Göddertz langfristig vorschwebt: Die ehemalige Zentraldeponie, auf der Abfall einst einfach vergraben wurde, soll zum "gesamtgesellschaftlichen Kristallisationspunkt" der künftigen Kreislaufwirtschaft im Bergischen Land und darüber hinaus werden.

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