Die Nachfrage nach Talenten in MINT-Berufen bleibt hoch – und der Funke soll bei allen Geschlechtern überspringen.

Die Nachfrage nach Talenten in MINT-Berufen bleibt hoch – und der Funke soll bei allen Geschlechtern überspringen.

Bild: © auremar/AdobeStock

Nachwuchs fehlt – gleichzeitig steigen die Anforderungen durch Netzausbau, Digitalisierung und Energiewende. Genau hier setzt der neu gegründete Verein "Network Energy Talents" an. Sein Ansatz: Nachwuchssicherung braucht Struktur, Verbindlichkeit und ein starkes Netzwerk. Das betonen im Interview der Vorsitzende Sven Kretzschmar (Sachsenenergie), die stellvertretende Vorsitzende Wibke Rauh (50Hertz) und Schatzmeisterin Annika Wurster (Tennet Germany).

Vorstand des Vereins Network Energy Talents (v.l.n.r.):  1. Vorsitzender Sven Kretzschmar (Sachsenenergie), stellvertretende Vorsitzende Wibke Rauh (50Hertz), Schatzmeisterin Annika Wurster (Tennet Germany).Bild: @ Oliver Killig

Warum ein neuer Verein gerade jetzt?

Sven Kretzschmar: Die Idee ist bereits 2024 gemeinsam aus Hochschulen und Unternehmen heraus entstanden. In relevanten MINT-Studiengängen gehen die Studierendenzahlen dramatisch zurück, während Unternehmen genau diesen technischen Nachwuchs dringend benötigen.

Sieben Gründungsmitglieder aus Wirtschaft und Hochschulen haben deshalb gesagt: Als Bündnis gewinnen wir an Reichweite, Sichtbarkeit und Wirkung. Hinzu kommt eine regionale Dimension: Unsere Mitglieder sind in mehreren Bundesländern aktiv. So erreichen wir unterschiedliche Bildungslandschaften und können Erfahrungen bündeln.

Wir vereinen Unternehmen entlang der energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette, Hochschulen und perspektivisch auch öffentliche Akteure. Dadurch entstehen abgestimmte Konzepte statt Einzelaktionen. Genau das ermöglicht es, strukturell statt punktuell zu arbeiten.

Wibke Rauh: Und wir sprechen bewusst nicht nur über Personalbedarfe einzelner Firmen. Die Energiewende ist ein gesellschaftliches Transformationsprojekt. Unser Verein baut eine Brücke zwischen Bildung, Wirtschaft und Institutionen, damit junge Menschen früh verstehen, welche Rolle sie für die Versorgungswirtschaft spielen können – sowohl in der Ausbildung als auch später im Berufsleben.

Wir zeigen dabei die ganze Bandbreite – von akademischen Laufbahnen bis zu praktischen Tätigkeiten in Anlagenbetrieb, Bau und Wartung. Diese Vielfalt ist entscheidend für die Energiewende.

Wie arbeitet der Verein?

Annika Wurster: Als Verein haben wir klare Rollen und Ziele. Projekte werden nicht nur angestoßen, sondern systematisch weiterentwickelt. Ein Kuratorium mit Vertreterinnen und Vertretern der Gründungsmitglieder begleitet und spiegelt die Arbeit und bewertet sie. Gleichzeitig verstehen wir uns als Plattform, die Kooperation bündelt und ermöglicht – ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu bestehenden Initiativen und kommunalen Netzwerken.

Kretzschmar: Der Verein verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke. Im Fokus der Vereinsarbeit stehen Veranstaltungen, Workshops und Informationsformate zur Wissensvermittlung sowie zur Akzeptanzförderung moderner Energieversorgung. Unsere Arbeitgeber stellen extra Zeit für dieses Engagement zur Verfügung – das zeigt, dass Nachwuchssicherung als gemeinsame Aufgabe verstanden wird.

Wurster: Ein Schwerpunkt liegt auf früher Orientierung. Wir gehen bewusst an Schulen, weil dort die grundlegenden Entscheidungen junger Menschen fallen: Ausbildung oder Studium – und häufig auch die Wahl der Branche. Gleichzeitig arbeiten wir eng mit Hochschulen zusammen.

Rauh: Wir zeigen dabei die ganze Bandbreite – von akademischen Laufbahnen bis zu praktischen Tätigkeiten in Anlagenbetrieb, Bau und Wartung. Diese Vielfalt ist entscheidend für die Energiewende und wird durch die unterschiedlichen Mitgliedsunternehmen real abgebildet.

Kurzporträt "Network Energy Talents"

Gründungsmitglieder von "Network Energy Talents" sind die Technische Universität Dresden (TUD), die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), die Stromübertragungsnetzbetreiber 50Hertz und Tennet Germany, der Kommunalversorger Sachsenenergie mit seiner Tochter Sachsennetze sowie BKW Infra Services und DNV Energy Systems Germany. Neue Mitglieder sind ausdrücklich erwünscht.
"Network Energy Talents" plant auch gemeinsame Forschungsprojekte und praxisnahe Studienangebote zur Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft sowie zur Qualifikation von MINT-Talenten.

Gründungsunternehmen (Kuratorium) der Network Energy Talents (v.l.n.r.): Sven Behrend (BKW), Matthias Luther (FAU Erlangen-Nürnberg), Lisa Besler (50 Hertz), Maria Kosse (TUD), Steffen Mellenthin (Tennet Germany), Thomas Werner (DNV Energy Systems) und Steffen Heine (Sachsennetze)Bild: @ Oliver Killig

Welche Rolle spielt Digitalisierung?

Rauh: Eine große. Die Vereinsmitglieder sind dadurch ständig überregional vernetzt. Digitale Zugänge für Interessierte – etwa über QR-Codes, Online-Informationen oder virtuelle Einblicke in Werkshallen – sollen den Erstkontakt zukünftig deutlich erleichtern.

Kretzschmar: Gleichzeitig ersetzt digital nicht den persönlichen Austausch. Authentische Einblicke entstehen im direkten Gespräch.

Können Sie ein konkretes Format nennen?

Kretzschmar: An der Technischen Universität Dresden haben wir im Rahmen unseres Mentorenprogramms eine Podiumsdiskussion für Studierende der ersten Semester in Elektrotechnik, regenerativen Systemen und Mechatronik organisiert. Ausgangslage war eine hohe Abbruchquote. Unser Ziel ist es, früh zu zeigen, warum sich das Engagement im Studium später lohnt.

Rauh: Mentorinnen und Mentoren aus Mitgliedsunternehmen berichten dort offen über ihren eigenen Werdegang – inklusive schwieriger Phasen im Studium. Sie erklären, welche Inhalte später relevant sind, welche Einsatzfelder es gibt und wie sich berufliche Wege entwickeln können.

Wurster: Der Kontakt bleibt danach häufig bestehen. Daraus entstehen Praktika, Werk­studierendentätigkeiten oder Abschlussarbeiten. Studierende bekommen realistische Einblicke, Unternehmen lernen potenzielle Nachwuchskräfte früh kennen.

Idealerweise sagen Jugendliche irgendwann selbstverständlich: In die Energiebranche wollte ich schon immer. Dann haben wir gemeinsam wirklich etwas bewegt.

Es entsteht also eine Art Talentpool?

Rauh: Nein. Unser Ziel ist es nicht, für Mitgliedsunternehmen zu rekrutieren. Wir wollen den Pool an Interessierten für die gesamte Branche vergrößern und Orientierung bieten.

Woran merken Personalabteilungen in fünf Jahren, dass die Arbeit des Vereins wirkt?

Kretzschmar: Wenn Nachwuchsgewinnung im MINT-Bereich planbarer wird und Personalabteilungen Teil eines funktionierenden Branchenbündnisses sind. Und es gibt regen Erfahrungsaustausch: Mitglieder lernen voneinander, erfolgreiche Ansätze werden weitergegeben.

Wurster: Wenn junge Menschen die Energiebranche früh als attraktive Option wahrnehmen – nicht zufällig, wie ich selbst während meiner Magisterarbeit.

Rauh: Idealerweise sagen Jugendliche irgendwann selbstverständlich: In die Energiebranche wollte ich schon immer. Dann haben wir gemeinsam wirklich etwas bewegt.

Der Beitrag ist zuvor in der März-Ausgabe der ZFK erschienen. Zum Abo geht es hier.

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