"Zweite Sahne" – so lautet der Name des Gebrauchtwaren-Kaufhauses, das AVR-Vorständin Katja Deschner maßgeblich initiierte, für die konkrete Umsetzung aber auch manche Hürde überwinden musste. Denn längst nicht jeder war von dem Konzept überzeugt, gestand die Referentin bei einem Seminar des ZFK-Frauennetzwerks. Dabei sollte die Einrichtung gleich mehreren Aspekten Sorge tragen, neben Abfallvermeidung auch Begegnungen und Kooperationen anstoßen sowie die Erhaltung von Arbeitsplätzen fördern.
Seit 2024 im Geschäft
Zwei Jahre nach der Eröffnung zog die Vorständin des öffentlich-rechtlichen Entsorgungsträgers des Rhein-Neckar-Kreises eine äußerst positive Bilanz: Mittlerweile betreibt das Unternehmen zwei Verkaufshäuser, die mehr als 37.800 Artikeln ein neues Leben geschenkt haben. Ganz nebenbei hat sich "Zweite Sahne" auch zur Begegnungsstätte entwickelt, in der sich Besucher:innen aller Altersklassen treffen.

"Ich war immer davon überzeugt, dass es wichtig ist, dass wir das tun. Aber ich war auch mutig genug zu glauben, dass es irgendwie laufen wird", sagte Deschner. "Von diesem Erfolg bin ich heute noch so überrascht und dankbar. Dass dies so funktioniert, hätte ich niemals gedacht."
Von diesem Erfolg bin ich heute noch so überrascht und dankbar. Dass dies so funktioniert, hätte ich niemals gedacht.
Als das Gebrauchtwaren-Kaufhaus nach der Corona-Pandemie und mehrjähriger Planung in die konkrete Phase ging, sah jedoch alles ganz anders aus. In den Hallen der Einrichtung erstreckte sich beim ersten Abgabetermin noch gähnende Leere. "Da kamen schon so kleine Zweifel auf. Aber da darf man sich nicht vom Weg abbringen lassen", blickte Deschner zurück.

Mut und Durchhaltevermögen machten sich bezahlt. Heute seien die Hallen immer voll, bilanzierte Deschner. "Wir bekommen mehr, als wir verkaufen". Und: Jeder zweite Gast kauft etwas; es gebe sogar Stammkunden. Hoch im Kurs stehen neben Möbeln auch Haushaltswaren und Dekoartikel, die an vier Annahmestellen abgegeben werden können. Kleidung verwertet "Zweite Sahne" hingegen nicht; Elektroartikel nur bedingt.
Insgesamt seien mehr als 95 Prozent der gelieferten Dinge in einwandfreiem Zustand und könnten problemlos weiter verkauft werden, betonte Deschner. Selbst die wenigen nicht verwertbaren Dinge nehme man jedoch ab, da man die wohlwollende Geste aller Spender zu schätzen wisse.
"Das trägt halt dann zum Ressourcenschutz und zur Abfallvermeidung bei", sagte Deschner. Vormals seien intakte Möbel leider viel zu oft auf dem Sperrmüll gelandet.
Müllwagen als Werbefläche
Wegbereiter für den Erfolg war auch die kluge Nutzung existierender Strukturen. So beklebte man etwa die Wagen der Müllabfuhr mit Werbebannern und konnte die Aufmerksamkeit somit deutlich steigern. Als Räumlichkeiten nutzte man ein leerstehendes Gebäude, das ohnehin im Mietvertrag inbegriffen war, obwohl dieses nicht direkt in einer Stadt steht.
Zugleich verankerte man wichtige Vorgaben im Umsetzungsplan, unter anderem den Vorsatz, sich nicht als Konkurrenz zu Sozialkaufhäusern zu positionieren, stattdessen sogar Kooperationen zu suchen und somit dem gesellschaftlichen Auftrag eines kommunalen Unternehmens nachzukommen. "Nachhaltigkeit hat für mich auch viel mit sozialem Engagement zu tun", fasste Deschner zusammen.
Nachhaltigkeit hat für mich auch viel mit sozialem Engagement zu tun.

Unter anderem brachte man somit die Zusammenarbeit mit dem Inklusionsunternehmen "Blauherz" auf den Weg, einer Näherei, die Menschen mit geistiger Behinderung beschäftigt. Die Produktpalette ist vielfältig, beinhaltet auch eine hauseigene Design-Linie, die sich bei Kund:innen als besonders beliebt erwiesen hat. Als Teil des Upcycling-Programms wandelt man nämlich ausrangierte Arbeitskleidung der Müllabfuhr in kreative neue Waren um.
Eine zweite Kooperation besteht mit Stift Sunnisheim, einer Einrichtung für schwer erziehbare Jugendliche, die eine eigene Schreinerei unterhält. Diese fertigte etwa die Möbel für die angegliederte Lounge an, in der Kund:innen oft zusammensitzen und den Ausblick über den Odenwald genießen. "Es ist ein Anlaufpunkt für viele und ein Ort der Begegnung, der so hervorragend angenommen wird, dass ich manchmal selber überrascht bin", erklärte Deschner.
Unterstützung von Profis
Während eigene Teams und Mitarbeitende sowohl bei der Planung als auch beim täglichen Betrieb mit eingebunden werden, setzte man bei der Konzeption und räumlichen Gestaltung des Kaufhauses auf professionelle Hilfe.
"Wir müssen uns abheben und brauchten ein schönes Design. Aber wir sind eine Müllabfuhr und müssen andere Dinge tun", erklärte Deschner diesen Schritt. "Das Verkaufen von Dingen war für uns vollkommen neu. Wenn es ein Erfolg werden soll, dann geht das nur so."
Auf Basis der Leitprinzipien von Abfallvermeidung, Begegnung und Kooperation wurden dann Name, Logo, Slogan und Botschaften zur Kreislaufwirtschaft entwickelt. Gleichzeitig wurde das Innendesign farblich abgestimmt und bei der Renovierung des zweistöckigen Gebäudes berücksichtigt. Dafür habe man gewisse Gelder aufwenden müssen, so Deschner, nicht zuletzt um Brandschutzverordnungen nachzukommen.

Mittlerweile gibt es schon ein zweites Ladenlokal – "Zweite Sahne Zwo" – das in einiger Entfernung in Eberbach eröffnet wurde. Dieses verbucht nicht nur gute Zahlen, sondern stellt sich ganz nebenbei auch dem Trend sterbender Einkaufsstraßen entgegen, so Deschner. "Ich glaube, dass wir als Kreisunternehmen, die überall tätig sind, auch noch weitreichendere Aufgaben haben und da einen Beitrag leisten können", betonte sie in diesem Zusammenhang.
Ich habe noch nie erlebt, dass alle zufrieden sind: nicht nur die Besucher und die Mitarbeiter, sondern auch die Politik, die einst sogar kritisch war.
Die Einnahmen der Kaufhäuser fließen übrigens in den Gebührenhaushalt mit ein. Die Abfallvermeidung gewähre zusätzlich, dass das Unterfangen gebührendeckend sei, so Deschner. "Und wenn das so ist, sind alle froh", hält sie fest. "Ich habe noch nie erlebt, dass alle zufrieden sind: nicht nur die Besucher und die Mitarbeiter, sondern auch die Politik, die einst sogar kritisch war. Dieser Erfolg überrascht mich immer wieder selbst."




