Frau Montua, welche Trends und Bedarfe sehen Sie aktuell in der internen Kommunikation?
Da gibt es gerade unglaublich viele. Ein zentraler Trend ist der enorme Strategiebedarf. Organisationen müssen sich bewusst mit ihrer Zukunftsausrichtung beschäftigen – und damit auch mit ihrer internen Kommunikation. Viele Unternehmen haben über Jahre Formate und Tools angesammelt, die heute nicht mehr zum Bedarf passen. Das ist ein bisschen wie bei einem Kleiderschrank, den man regelmäßig ausmisten sollte.
Ein zweiter großer Trend ist natürlich KI und die Frage, was sie kulturell mit Organisationen macht. Und ein dritter wichtiger Punkt ist radikale Ehrlichkeit: Mitarbeitende merken sehr schnell, wenn nur die halbe Wahrheit kommuniziert wird. Selbst wenn Offenheit scheinbar für mehr Unsicherheit sorgt, tut es das am Ende nicht wirklich, weil die Mitarbeitenden merken, dass man sie mitnimmt und sie sich darauf verlassen können. Transparenz schafft also letztlich Vertrauen.

Andrea Montua
Inhaberin von MPC, einer Beratung für interne Kommunikation, Kulturveränderung und Transformation im DACH-Raum.
Interne Kommunikation und Kulturveränderung im Fokus
Seit 2004 berät begleitet Andrea Montua mit ihrem Team Konzerne, mittelständische (Familien-)Unternehmen und Behörden in Phasen der Veränderung, sowie beim Aufbau, der Optimierung und der Professionalisierung ihrer Internen Kommunikation. Die studierte Diplom-Kauffrau und Führungskräftetrainerin ist seit 25 Jahren überzeugte Kommunikatorin.
Sehen Sie einen besonderen Bedarf in der Energiewirtschaft?
Ja, definitiv. Mein Eindruck ist, dass einige Organisationen dort noch relativ stark in klassischen Strukturen verhaftet sind. Gleichzeitig ist der Transformationsdruck enorm. Damit Veränderung passiert, braucht es Leidensdruck, eine Vision und konkrete Schritte. Kommt der Druck von außen, etwa durch neue Wettbewerber oder politische Entscheidungen, erzeugt das im ersten Schritt oft Angst. Dann ist Kommunikation besonders wichtig, um Orientierung zu geben.
Besser ist natürlich Weitsicht und der Wille zur Veränderung, bevor der Druck von außen zu groß wird. Selbstreflexion, eine innere Motivation, Veränderungen gehen zu wollen, nachvollziehbare Botschaften und eine gut erläuterte Umsetzungsstrategie können eine Organisation leichter bewegen als die unvermeidbare Notwendigkeit. Diesen Zeitpunkt haben viele Unternehmen in der Energiewirtschaft jedoch ehrlich gesagt verpasst. Der Druck von außen ist einfach schon zu groß.
Natürlich wird das Intranet nicht sofort verschwinden, aber es wird in den nächsten Jahren eine Übergangsphase durchleben und Teil eines modularen Systems aus KI, persönlichen und digitalen Tools und Formaten sein.
Welche technologischen oder kommunikativen Entwicklungen beeinflussen das Intranet als Tool der internen Kommunikation in den nächsten Jahren?
Das Intranet darf und muss seinen Teil beitragen im Kanon der Tools im Alltag und der Veränderung. Tatsächlich gibt es bereits erste Stimmen, die das klassische Intranet für die Zukunft grundsätzlich infrage stellen – und ich kann das nachvollziehen. KI-Systeme und eigens für die interne Kommunikation erstellte Agenten werden in Zukunft Informationen viel direkter und personalisierter bereitstellen.
Natürlich wird das Intranet nicht sofort verschwinden, aber es wird in den nächsten Jahren eine Übergangsphase durchleben und Teil eines modularen Systems aus KI, persönlichen und digitalen Tools und Formaten sein. Unternehmen müssen sich immer bewusster entscheiden, wie sie intern kommunizieren wollen: als Vorreiter, Mitläufer oder bewusst langsamer in der Einführung zeitgemäßer Mitarbeiterkommunikation. Wichtig ist, dass die Kommunikationslandschaft insgesamt von der Zukunft her gedacht wird.
Welche Rolle spielt KI heute schon in der internen Kommunikation?
Wir sind längst über reine Texterstellung oder Bildgenerierung hinaus. KI wird konzeptionell genutzt, als Sparringspartner, als Agentensystem für bestimmte (wiederkehrende) Aufgaben. Auch gibt es in vielen Organisationen schon Avatare, die interne Botschaften übermitteln – mit Gesicht und Stimme von Führungskräften.
Die Akzeptanz ist sehr unterschiedlich. Einige finden das spannend, bei anderen schüren all diese Entwicklungen Angst. Wichtig ist deshalb eine klare Haltung und Begleitung. Zentral ist jedoch, sich vor dem Neuen nicht zu verschließen und den Kopf in den Sand zu stecken. Wir müssen beweglich bleiben, denn die Welt dreht sich weiter.
Sehen Sie Risiken für die Akzeptanz der internen Kommunikation durch KI-generierte Inhalte bei den Mitarbeitenden?
Ja, durchaus. Wenn Texte generisch wirken, sich Textbausteine wiederholen und den Texten die "Seele" fehlt, verlieren Menschen das Interesse. Ich will in Texten doch den Autor "spüren". KI ist ein gutes Werkzeug, aber sie darf nicht das eigene Denken ersetzen. Unternehmen müssen definieren, wie sie KI nutzen wollen – kulturell, strategisch und kommunikativ.
Wenn Texte generisch wirken, sich Textbausteine wiederholen und den Texten die ›Seele‹ fehlt, verlieren Menschen das Interesse.
Beobachten Sie generell einen Trend hin zu datengetriebener interner Kommunikation?
Absolut. Messbarkeit ist ein riesiges Thema. Wenn wir Geld in etwas investieren, möchten wir doch wissen, was damit geschehen ist, ob wir es effizient eingesetzt haben, also welche Form der Kommunikation oder welche Themen für die Mitarbeitenden besonders wertvoll sind.
Hier haben noch viele Unternehmen Nachholbedarf. Ich bin ein großer Fan von der Kombination aus quantitativen KPIs und qualitativen Methoden – etwa Personas, Interviews, Pulse Checks oder Fokusgruppen. Nur so lässt sich beurteilen, welche Kommunikation wirklich wirkt.
Bei all dem Technologiefortschritt: Bleibt das Menschliche auf der Strecke?
Teilweise war das in der ersten Trendbewegung so, ja, aber ich sehe auch eine Gegenbewegung. Menschen wünschen sich wieder mehr persönliche Kommunikation. Gerade bei emotionalen Themen oder Veränderungsprozessen sind persönliche Gespräche, Townhalls oder Führungskräftekommunikation deshalb unverzichtbar. KI kann unterstützen, aber sie ersetzt nicht das Zwischenmenschliche.
Wie schafft man Vertrauen und Transparenz in Zeiten von Unsicherheit?
Durch Ehrlichkeit und eine Selbstreflexion der kommunikativen Altlasten. Ich stelle in neuen Projekten auch immer die Frage, was in der Vergangenheit schiefgelaufen ist. Diese Selbstoffenbarung braucht es, um am Ende glaubwürdig zu sein. Ehrlichkeit bedeutet aber nicht, alles ungefiltert zu sagen, sondern aufzuhören mit der Scheibchentaktik.
Mitarbeitende brauchen zudem Kontext: Warum passiert etwas, wo wollen wir hin, was brauchen wir voneinander? Vertrauen basiert auf Empathie, Logik und Authentizität.
Wie sieht für Sie die interne Kommunikation der Zukunft aus?
Für mich ist es eine interne Kommunikation, die wirklich als Sparringspartner für Führungskräfte agiert und Transformation aktiv vorantreibt. Natürlich mit der KI im Schulterschluss. Kommunikator:innen müssen mutiger werden, sich selbst reflektieren und ihre Rolle neu definieren. Wir sollten aufhören, in Widerstand zu gehen, und uns aktiv in Richtung Zukunft bewegen. Denn am Ende stehen wir uns sonst selbst im Weg.
Das Interview ist zuvor in der März-Ausgabe erschienen. Zum Abo geht es hier.



