Technisch ist eine KI ein Sprachmodell – sie basiert auf unserer Sprache, auf unserem Wissen, auf Millionen von Texten. Und die Bedienung ist nichts anderes als Kommunikation.

Technisch ist eine KI ein Sprachmodell – sie basiert auf unserer Sprache, auf unserem Wissen, auf Millionen von Texten. Und die Bedienung ist nichts anderes als Kommunikation.

Bild: © Mr Panya/Adobe Stock

Wer zielorientiert mit Maschinen kommuniziert, führt auch Menschen besser – so Wirtschaftspsychologe Ingo Hamm im ZFK-Interview. Im Mai 2026 erscheint sein neues Buch "Abenteuer: Kommunikation! Miteinander reden in der KI-Realität".

Herr Hamm, Sie sprechen in Ihrem Buch vom "KI-Paradox": Künstliche Intelligenz zwingt uns, klarer – und damit oft auch besser und vielleicht sogar empathischer – zu kommunizieren. Was meinen Sie damit?

Meine Grundthese ist, dass KI als vermeintlich kalte Maschine uns überraschend zeigt, wie gute Kommunikation funktioniert. Das klingt zunächst widersprüchlich – wie kann ausgerechnet eine gefühllose Technologie etwas über ein so menschliches Thema wie Kommunikation lehren?

Technisch ist eine KI ein Sprachmodell – sie basiert auf unserer Sprache, auf unserem Wissen, auf Millionen von Texten. Und die Bedienung ist nichts anderes als Kommunikation: Wir sprechen mit dem System, wir formulieren Anliegen, Erwartungen und Ziele. Und das führt zu einer wichtigen Erkenntnis: Schlechte KI-Ergebnisse sind selten ein Technologieproblem – sondern ein Kommunikationsproblem.

In der menschlichen Kommunikation wirken viele Faktoren mit: Hierarchien, Erwartungen, Unsicherheiten oder auch das Bedürfnis, Konflikte zu vermeiden. Bei der KI fällt das weitgehend weg.

Ingo Hamm ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt und war Berater bei McKinsey und Company.Bild: © Julian Beekmann

Ingo Hamm

lehrt als Professor für Wirtschaftspsychologie an der Hochschule Darmstadt und berät Unternehmen zu Motivation, Kommunikation und KI-Psychologie – dem Zusammenspiel von Mensch und künstlicher Intelligenz. Zuvor war er Berater bei McKinsey und leitete in einem deutschen DAX-Konzern Projekte zu Kommunikation und Führungskultur.

Sie beschreiben KI sogar als "schonungslos ehrlichen Spiegel". Liefert sie damit etwas, das im Arbeitsalltag oft fehlt?

Zumindest kann man es gezielt einfordern – und genau das ist wichtig. KI-Systeme reagieren heute oft sehr gefällig, freundlich und bestätigend. Das Kernpotenzial entsteht erst, wenn man ausdrücklich um kritisches Feedback bittet: Was ist unklar? Was fehlt? Wo ist der Denkfehler? Was würde ein Mitarbeiter missverstehen?

In der menschlichen Kommunikation wirken viele Faktoren mit: Hierarchien, Erwartungen, Unsicherheiten oder auch das Bedürfnis, Konflikte zu vermeiden. Bei der KI fällt das weitgehend weg – sie reagiert auf das, was wir sagen, nicht auf das, was wir meinen. Wenn etwas unklar ist, wird auch das Ergebnis unklar.

Die Kommunikationsprinzipien sind eigentlich nicht neu – aber wir wenden sie im Alltag zu selten konsequent an.

Deshalb kann man sie sehr gut nutzen, um Kommunikation zu testen oder zu schärfen – etwa bei schwierigen Gesprächen, Gehaltsverhandlungen oder wichtigen E-Mails. Diese Form von direktem Feedback bekommt man im Arbeitsalltag selten.

Was zeichnet einen guten Prompt aus – und was können Führungskräfte daraus lernen?

Die Kommunikationsprinzipien sind eigentlich nicht neu – aber wir wenden sie im Alltag zu selten konsequent an. Das wichtigste erste Grundprinzip ist ausreichende Einordnung und Kontext.
Ein Beispiel: Eine Führungskraft fragt nach "Burnout" und bekommt allgemeine Informationen. Erst als sie erklärt, dass es um einen konkreten Mitarbeiter geht, der sich auffällig verhält, und dass sie ein sensibles Gespräch vorbereiten möchte, wird die Antwort wirklich hilfreich. Das verändert die Qualität massiv.

Dabei wird das bewusste Formulieren von No-Gos, also was nicht passieren darf, oft unterschätzt. Dabei ist es einer der effektivsten Hebel, um Missverständnisse zu vermeiden.

Das zweite Prinzip ist die Definition of Done – also vom Ergebnis her zu denken. In der Praxis fehlt das häufig: "Ich brauche einen Bericht." Mitarbeitende arbeiten daraufhin mehrere Tage – und am Ende passt das Ergebnis nicht. Das führt zu Frust, Mehrarbeit und unnötigen Schleifen. Unklare Kommunikation kostet Unternehmen täglich Zeit, Geld und Motivation.

Wenn hingegen kommuniziert wird, wofür der Bericht gebraucht wird, wer ihn liest, wie lang er sein soll, welche Tiefe erwartet wird, entstehen deutlich bessere Ergebnisse – bei KI genauso wie bei Menschen. Führungskräfte vergessen oft, dass sie meist noch viel mehr Hintergrundinformationen von der Geschäftsleitung haben als ihr Team.

Dabei wird das bewusste Formulieren von No-Gos, also was nicht passieren darf, oft unterschätzt. Dabei ist es einer der effektivsten Hebel, um Missverständnisse zu vermeiden.

Beim Prompten arbeitet man oft in Schleifen und verfeinert Schritt für Schritt. Lässt sich dieses Prinzip auch auf Kommunikation übertragen?

Absolut – und genau das ist ein zentraler Punkt im Buch und das dritte Prinzip. Gute Ergebnisse entstehen iterativ, also schrittweise und wiederholend. Ein erster Prompt liefert selten ein perfektes Ergebnis. Erst durch Nachfragen, Ergänzen und Nachschärfen wird es wirklich gut.

Das zeigt uns etwas Grundsätzliches über Kommunikation: Vollständigkeit entsteht selten im ersten Versuch. Für Führung bedeutet das: Kommunikation ist kein einmaliger Auftrag, sondern ein Prozess. Wer Aufgaben nur schnell formuliert und weitergibt, riskiert Missverständnisse. Wer dagegen bewusst Rückfragen zulässt und Ergebnisse gemeinsam überprüft, erreicht bessere Resultate.

Und das verändert den Führungsstil?

Ja – und zwar deutlich. Mit KI wird im Grunde jeder ein Stück weit zur Führungskraft. Jeder hat heute einen digitalen Assistenten, der Aufgaben übernimmt – und dieser muss angeleitet werden. Mitarbeitende geben Anweisungen, strukturieren Arbeit und bewerten Ergebnisse. Wer mit mehreren Systemen arbeitet, koordiniert im Grunde ein kleines Team.

Zeitgemäße Führung wird dadurch dialogischer – aber sie bleibt gleichzeitig entscheidungsstark. Teams erwarten Orientierung, gerade in unsicheren Zeiten. Was dabei oft unterschätzt wird: Ein großer Teil von Führung passiert informell – im persönlichen Austausch, im direkten Kontakt. Dort merkt man, wie es Menschen wirklich geht. Das lässt sich digital nur begrenzt ersetzen. Deshalb bleibt physische Präsenz neben dem Homeoffice wichtig – gerade in einer stärker digitalisierten Arbeitswelt.

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