Herr Piecha, Sie sagen: Stadtwerke stoßen in der Transformation zunehmend an Grenzen, weil bestimmte Kompetenzen fehlen. Wo wird das im Alltag besonders sichtbar?
In der Praxis zeigt sich das zum Beispiel bei Digitalisierungsprojekten. Viele Stadtwerke merken dort, dass bestimmte Kompetenzen im eigenen Haus nicht in ausreichender Tiefe vorhanden sind. Gleichzeitig kommen mehrere Entwicklungen zusammen: Inmitten der Energiewende scheiden erfahrene Fachkräfte altersbedingt aus. Der Quereinstieg wird deshalb für viele Versorger ein wichtiger Baustein, um diese Lücken gezielt zu schließen.
In welchen konkreten Aufgaben oder Projekten merken Stadtwerke besonders häufig, dass ihnen die passenden Kompetenzen fehlen?
Vor allem bei Infrastruktur- und Transformationsprojekten. Netze werden modernisiert, Ladeinfrastruktur aufgebaut, Wasserstoffprojekte entwickelt. Gleichzeitig steigen die Anforderungen in Bereichen wie Datenmanagement, Cybersecurity und cloudbasierten Systemen. Gerade in solchen projekt- und technologiegetriebenen Aufgaben wird sichtbar, dass Kompetenzen fehlen oder es weiterer Unterstützung bedarf.
Welche Fähigkeiten bringen Quereinsteiger aus anderen Branchen mit, die hier konkret helfen?
Ein Beispiel sind Bauingenieure oder Projektverantwortliche aus großen Industrieprojekten. Sie bringen strukturierte Projektmanagementerfahrung mit, ausgeprägte Planungs- und Prozesskompetenzen sowie analytische Fähigkeiten. Hinzu kommt Erfahrung mit Ausschreibungs- und Genehmigungsverfahren. Gerade bei komplexen Infrastrukturvorhaben – etwa beim Ausbau von Netzen, neuen Anlagen oder Energieprojekten – sind diese Kompetenzen direkt anschlussfähig. Sie betreffen sowohl die technische Umsetzung als auch die kaufmännische Steuerung von Projekten.
Ähnliche Fähigkeiten finden sich auch in anderen Branchen, etwa im Maschinen- und Anlagenbau oder in der Industrie. Dort geht es ebenfalls darum, große Projekte zu planen, zu koordinieren und umzusetzen – oft unter vergleichbaren Rahmenbedingungen. Die Übertragung in die Energiewirtschaft ist deshalb in vielen Fällen gut möglich.

Thomas Piecha
verfügt über langjährige Erfahrung im Executive Search mit besonderem Fokus auf die Energiebranche und begleitete Mandate auf Vorstands- und oberer Führungsebene. Heute verantwortet er als Partner die Energy and Utility Practice bei Hager Executive Consulting. Zu seinen Klienten zählen Energieversorger und Stadtwerke, internationale IPP's mit Schwerpunkt auf erneuerbare Energien, Dienstleister im Bereich Contracting und Smart Metering sowie Anlagenbauer und EPC‘s.
Was verliert im Zuge der Transformation konkret an Bedeutung – und wo verändern sich bestehende Rollen?
Vor allem klassische Verwaltungs- und Supporttätigkeiten verändern sich. Prozesse, etwa im Zusammenhang mit Ausschreibungen, werden zunehmend digitalisiert und elektronisch abgewickelt. Dadurch verschieben sich auch Rollenprofile: weniger reine Sachbearbeitung, dafür mehr Steuerung, Koordination und Verständnis für digitale Prozesse und Systeme.
Was zeichnet erfolgreiche Quereinsteiger in der Praxis aus?
Neben fachlichen Kompetenzen vor allem Lernfähigkeit und Agilität. Die Energiewirtschaft ist komplex und stark reguliert.
Wer nicht bereit ist, sich aktiv in neue Themen einzuarbeiten, wird es schwer haben. Umso wichtiger ist es, im Recruiting stärker auf Entwicklungswillen und -potenzial zu achten.
Wichtig ist, dass sich Quereinsteiger in den Aufgaben wiederfinden und nicht durch Anforderungen an Branchenerfahrung abgeschreckt werden.
Warum brauchen Quereinsteiger gerade in Stadtwerken auch ein hohes Maß an Resilienz?
Weil Stadtwerke ein besonderes Umfeld haben. Sie sind kommunal geprägt und politisch eingebunden. Entscheidungen folgen nicht immer ausschließlich wirtschaftlichen oder technischen Logiken. Quereinsteiger müssen lernen, damit umzugehen und einzuschätzen, welche Veränderungen umsetzbar sind und welche nicht. Die Fähigkeit muss im Recruiting abgeklopft werden.
Was bedeutet diese Entwicklung konkret für die HR-Arbeit?
Stellenausschreibungen müssen stärker zwischen erlernbarem Fachwissen und vorhandenen Kompetenzen unterscheiden. Wichtig ist, dass sich Quereinsteiger in den Aufgaben wiederfinden und nicht durch Anforderungen an Branchenerfahrung abgeschreckt werden.
Wie können Stadtwerke diese Zielgruppen konkret erreichen?
Durch gezielte Recherche und Direktansprache. Unternehmen müssen wissen, in welchen Branchen ihre Zielgruppen arbeiten und über welche Kanäle sie erreichbar sind, auf welchen Plattformen und in welchen Netzwerken sie sich bewegen.
Viele potenzielle Quereinsteiger suchen nicht aktiv nach einem Wechsel. Gleichwohl kann die Energiewirtschaft mit ihrer gesellschaftlichen Relevanz punkten – etwa bei Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft.
Was sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren, damit Quereinsteiger im Arbeitsalltag schnell Fuß fassen?
"Ein strukturiertes Onboarding ist entscheidend. “Learning on the job“ reicht nicht aus. Quereinsteiger müssen systematisch an ihre Aufgaben herangeführt werden. Dazu gehören klare Einarbeitungspläne, gezielte Wissensvermittlung und eine enge Begleitung etwa durch Mentoring.
Langfristig geht es darum, fehlende Kompetenzen zunächst über Quereinsteiger zu gewinnen und perspektivisch auch selbst aufzubauen. Die Quereinsteiger sind dann selbst Vorgesetzte und so Multiplikatoren für das Wissen von außen.
Wie sollte eine solche Qualifizierung konkret aussehen?
Es braucht definierte Lernpfade, abgestimmt auf die jeweilige Rolle. Technische und kaufmännische Profile benötigen unterschiedliche Inhalte, etwa zu Regulierung, Markt oder technischen Grundlagen.
Wichtig ist außerdem der kontinuierliche Austausch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen.
Was macht ein stärkerer Quereinstieg mit der Unternehmenskultur?
Er stellt bestehende Strukturen infrage. In vielen Stadtwerken basiert Akzeptanz stark auf Branchenerfahrung und Betriebszugehörigkeit. Quereinsteiger werden deshalb häufig zunächst skeptisch gesehen. Wenn Teams misstrauisch sind, sich nicht öffnen und Wissen nicht teilen, entstehen Reibungsverluste.



