Frau Boll, welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht Kommunen und Stadtwerke beim Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur in Deutschland – und hat sich diese in den letzten Jahren verändert?
Kommunen und Stadtwerke sind für uns wichtige lokale Partner beim Ausbau der Schnellladeinfrastruktur. Kommunen schaffen mit Flächen, Genehmigungen und planerischer Offenheit die Voraussetzungen für neue Standorte. Wenn sie Mobilitätskonzepte strategisch verankern und Flächen im Wettbewerb vergeben, kann Schnellladen zu einem echten Standortfaktor werden – von dem vor allem Elektroautofahrer und Elektroautofahrerinnen profitieren.
In welcher Phase befindet sich der Wettbewerb im hiesigen Lademarkt momentan?
Der Wettbewerb im deutschen Lademarkt hat sich im Frühjahr 2026 spürbar verschärft. Der Ausbau der Ladeinfrastruktur ist im vergangenen Jahr stärker gewachsen als die Zahl der E-Auto-Neuzulassungen. Die Zahl der öffentlichen Schnellladepunkte ist binnen eines Jahres um rund ein Drittel gestiegen, und mit dem Deutschlandnetz kommen bis Ende 2026 rund 9.000 weitere HPC-Ladepunkte an über 1.000 Standorten hinzu.
Städte und Gemeinden kommt eine Schlüsselrolle für die weitere Entwicklung des Marktes zu
Damit beginnt eine neue Marktphase: Es zeigt sich immer klarer, welche Standorte, Betreiber und Geschäftsmodelle langfristig tragfähig sind. Gerade beim Schnellladen entscheidet die Lage. Deshalb sehen wir vor allem bei der Vergabe kommunaler Flächen noch großes Potenzial, die Angebotsvielfalt für Nutzerinnen und Nutzer von E-Autos vor Ort zu stärken. Viele der attraktivsten Standorte liegen in kommunaler Hand. Städte und Gemeinden kommt damit eine Schlüsselrolle für die weitere Entwicklung des Marktes zu.
Fastned ist auf das sogenannte Schnellladen spezialisiert. Sehen Sie Potenzial für andere Anwendungen?
Eine europaweite Ladeinfrastruktur braucht verschiedene Ladeangebote: Heim- und Depotladen, Laden am Zielort und Schnellladen unterwegs. Wir fokussieren uns seit vierzehn Jahren auf das Schnellladen, weil es aus unserer Sicht entscheidend für das Vertrauen in die Elektromobilität ist und das größte Wachstums- sowie Skalierungspotenzial bietet. Zugleich stoßen öffentliche AC-Lademöglichkeiten in vielen Städten zunehmend an ihre Grenzen, insbesondere dort, wo sie mit Parkraum konkurrieren.
Für Menschen ohne private Lademöglichkeit und für elektrifizierte Flotten werden urbane Schnellladehubs deshalb immer wichtiger. Eine gut ausgebaute Schnellladeinfrastruktur, auch im ländlichen Raum, schafft die nötige Freiheit, um Elektromobilität im Alltag verlässlich nutzbar zu machen.
Ist Deutschland gut für den Hochlauf der E-Mobilität aufgestellt?
Ja, Deutschland ist für den Hochlauf der E-Mobilität deutlich besser aufgestellt als oft behauptet. Wir gehören bei öffentlichen DC-Ladepunkten zu den führenden Märkten Europas und sind auch im Verhältnis von Elektrofahrzeugen zur Ladeinfrastruktur sehr gut positioniert. Unter den großen europäischen Märkten kommen hier besonders wenige E-Fahrzeuge auf einen öffentlichen Ladepunkt. Das zeigt, dass der Ausbau bislang vorausschauend erfolgt ist.
Jetzt kommt es darauf an, diesen Vorsprung in Alltagstauglichkeit zu übersetzen: mit verlässlichen Schnellladestandorten, hoher Verfügbarkeit und Angeboten genau dort, wo Menschen sie brauchen. Auch wir bei Fastned tragen dazu bei und planen, in diesem Jahr noch 20 neue Stationen in Deutschland zu eröffnen.
Ein entscheidender Faktor ist die Flächenverfügbarkeit. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht – und sollten sich Kommunen, Länder und Bund mehr engagieren?
Ein wichtiger Schritt wäre, Flächen öffentlicher Gebietskörperschaften über offene, wettbewerbliche und schlanke Vergabeverfahren für Ladeinfrastruktur bereitzustellen. Entscheidend ist, dass geeignete Flächen schnell zugänglich sind und an den Standorten liegen, an denen Ladeinfrastruktur im Alltag wirklich gebraucht wird. Aus unserer Sicht gehört Schnellladen an verkehrsstarke Achsen und nicht in Sackgassen.
Unsere Erfahrung zeigt, dass Projekte besonders erfolgreich sind, wenn sie strategisch in kommunale Konzepte eingebunden sind
Vielerorts erleben wir engagierte Kommunen und politische Unterstützung. Gleichzeitig müssen Netzausbau und Genehmigungen zügig mitziehen, sobald ein geeigneter Standort gefunden ist. Das ist in der Praxis leider noch nicht überall der Fall. An einigen Standorten warten wir Monate bis Jahre auf den Netzanschluss - ohne Transparenz über den Status, ohne digitale Prozesse.
Unsere Erfahrung zeigt, dass Projekte besonders erfolgreich sind, wenn sie strategisch in kommunale Konzepte eingebunden sind, Verwaltung, Netzbetreiber und Flächeneigentümer frühzeitig an einen Tisch kommen und Flächen fair sowie transparent vergeben werden.
Das Geschäft mit öffentlicher Ladeinfrastruktur ist in den Bilanzen kommunaler Betreiber häufig noch immer kein Gewinnbringer. Wann könnte sich das ändern?
Kommunale Unternehmen sind früh in den jungen öffentlichen Lademarkt eingestiegen, und das war gut. Langfristig stellt sich aus unserer Sicht aber die Frage, ob es die alleinige Aufgabe von Kommunen sein sollte, Ladeinfrastruktur selbst zu betreiben. Wir sehen die Rolle der Kommunen vor allem darin, den Ausbau zu ermöglichen, gute Rahmenbedingungen zu schaffen und Flächen, Planung sowie Genehmigungen voranzubringen.
Öffentliche Ladeinfrastruktur selbst ist ein langfristiges Investitionsprojekt. Ob sich einzelne Standorte wirtschaftlich tragen, hängt vor allem von Nachfrage, Standortqualität, Netzanbindung sowie effizienten Prozessen bei Planung und Betrieb ab. Mit dem weiteren Hochlauf der Elektromobilität erwarten wir, dass sich die Wirtschaftlichkeit vieler Standorte schrittweise verbessert. Entscheidend sind dabei zuverlässige, gut gelegene Stationen, die das Laden im Alltag einfach und reibungslos machen. Genau darauf konzentrieren wir uns bei Fastned.
Mit Blick auf die aktuelle E-Auto-Förderpolitik: Welche Auswirkungen erwarten Sie für die Ladeinfrastruktur?
Wir hoffen, dass die E-Auto-Förderung ihren Zweck erfüllt und den Umstieg auf elektrische Mobilität weiter beschleunigt. Die Ladeinfrastruktur dafür ist bereits vorhanden. Im vergangenen Jahr ist der Ausbau der Ladeinfrastruktur stärker gewachsen als die Zahl der E-Auto-Neuzulassungen. Aktuell sehen wir, dass die Nutzung wieder aufholt. Das zeigt, dass Angebot und Nachfrage zunehmend zusammenfinden und genau deshalb werden wir den Ausbau einer zuverlässigen und leistungsfähigen Schnellladeinfrastruktur konsequent fortsetzen.
Welche zentralen Empfehlungen würden Sie aktuell kommunalen Akteuren geben, die den Ladeinfrastrukturausbau vorantreiben möchten?
Holen Sie erfahrene Ladeanbieter frühzeitig an den Tisch. Öffentliches Laden ist mehr als reiner Stromverkauf, es ist Teil einer verlässlichen Mobilitätsinfrastruktur. Nutzerinnen und Nutzer erwarten einfache Bezahlung, transparente Verfügbarkeit und einen funktionierenden Service. Private Betreiber sind bereit, langfristig in ein bedarfsgerechtes und zukunftsfähiges Ladenetz zu investieren, bekommen jedoch häufig keinen ausreichenden Zugang zu geeigneten Flächen. Das bremst den Wettbewerb und wirkt sich auf die Angebotsqualität aus. Entscheidend ist deshalb, auf Partner zu setzen, die langfristig denken und nachhaltig investieren. In den kommenden Monaten wird sich zunehmend zeigen, welche Betreiber und Geschäftsmodelle sich dauerhaft tragen.
Danke für das Gespräch!



