Während Benzin- und Diesepreise steigen, könnte Europa seinen Kraftstoffbedarf im Straßenverkehr langfristig aus erneuerbaren Quellen decken. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie, die das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) jetzt veröffentlicht hat. Demnach wäre bereits bis 2030 mehr als die Hälfte des Bedarfs durch nachhaltige Kraftstoffe aus biogenen Rest- und Abfallstoffen ersetzbar.
Für ihre Studie analysierten die Forschenden verschiedene Verfahren zur Herstellung von "reFuels" – ein Oberbegriff für erneuerbare, klimafreundliche Kraftstoffe, die aus biogenen Reststoffen oder mithilfe erneuerbarer Energie hergestellt werden. Eines davon ist das HVO(Hydrotreated Vegetable Oil)-Verfahren, bei dem Kraftstoff aus gebrauchten Ölen und Fetten gewonnen wird und Diesel ersetzen kann.
Im Unterschied dazu entstehen E-Fuels synthetisch aus Strom, Wasserstoff und CO₂, während klassischer Biodiesel meist aus eigens angebauten Pflanzen (z. B. Raps) hergestellt wird und stärker in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion stehen kann.
Stroh, Holzreste und Bioabfälle
Im Zentrum der Studie stehen biogene Rohstoffe wie Stroh, Holzreste oder Bioabfälle. Diese fallen in Europa in großen Mengen an und könnten energetisch genutzt werden, ohne in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion zu treten.
Dazu komme Potenzial durch Zwischenfrüchte sowie Energiepflanzen auf ertragsschwachen Flächen. "Die wirklich großen Potenziale liegen in Pflanzenresten und Holzfasern", erklärt Studienleiter Thomas Koch vom Institut für Kolbenmaschinen (IFKM) des KIT.
Entscheidend sei jedoch, dass diese "fortschrittlichen" Biokraftstoffe politisch priorisiert werden, so Koch. Und KIT-Vizepräsident Thomas Hirth betont: "Europa verfügt langfristig über ausreichend nachhaltige Ressourcen, um ohne fossiles Öl mobil zu sein."
Ergänzung zur Elektromobilität
Trotz des Ausbaus der Elektromobilität gehen die Studienautoren darüber hinaus davon aus, dass flüssige Energieträger auf absehbare Zeit unverzichtbar sind. Grund ist vor allem die Bestandsflotte an Fahrzeugen. "Viele Fahrzeuge bleiben noch lange im Einsatz. Für diese bieten erneuerbare Kraftstoffe eine direkte Möglichkeit, CO₂-Emissionen zu vermeiden", meint Olaf Toedter vom IFKM des KIT.
Aktuell dürfte zumindest die deutsche Energiepolitik das Potenzial von Biokraftstoffen eher begrenzen. Zwar zeigt die Studie, dass Europa prinzipiell über ausreichend Rest- und Abfallstoffe verfügt. Doch soll hierzulande mehr Biogas im Gebäudesektor eingesetzt werden. Beides konkurriert um dieselben biogenen Rohstoffe wie Restpflanzen, Holzreste oder Bioabfälle.
Die Studie wurde im Auftrag der BMW AG durchgeführt und basiert auf einem Szenario zur Einhaltung des Pariser Klimaschutzabkommens. Sie entstand in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Biomasseforschungszentrum sowie weiteren Partnern.



