Herr Fendt, bidirektionales Laden ist seit diesem Jahr regulatorisch einfacher möglich. Wie lange braucht es noch bis zum Massenmarkt?
Das Potenzial wird massiv unterschätzt. Ein Auto fährt im Schnitt eine Stunde am Tag, die Batterie steht also zu 90 Prozent ungenutzt herum. Genau hier liegt der Hebel: Diese Speicher stehen überall – in Wohngebieten, an Bahnhöfen, Flughäfen, Firmenparkplätzen – und sie könnten das Energiesystem stützen. Technisch ist das längst möglich, regulatorisch kommen wir jetzt langsam voran. Aber der Übergang in den Massenmarkt braucht Zeit und klare Rahmenbedingungen. Die Produkte, die Preise und die Regulierung entwickeln sich Schritt für Schritt. Das braucht fünf bis zehn Jahre, aber das Prinzip ist klar.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich?
Wir haben einen riesigen Vorteil: Kein anderes Industrieland hat so viele Erneuerbare integriert wie Deutschland. Gleichzeitig stoßen wir jetzt an Grenzen im Verteilnetz – bei Messung, Steuerung und Transport. Genau hier könnten Fahrzeugbatterien helfen. Aber das System ist komplex: Man muss mit Netzbetreibern, Marktakteuren und Millionen Fahrzeugbesitzerinnen und -besitzern sprechen. Nach rund sechs Jahren Lobbyarbeit hat die Politik verstanden, dass nicht nur Großspeicher, sondern auch Auto- und Heimspeicher von doppelten Abgaben befreit werden müssen. Das ist ein Durchbruch – auch wenn die Umsetzung noch hakt.
Wir diskutieren über neue Gaskraftwerke, während wir eine riesige Speicherinfrastruktur im Land haben, die kaum genutzt wird.
Woran hakt es konkret
Am Verständnis und an der Geschwindigkeit. Wir diskutieren über neue Gaskraftwerke mit zehn oder zwanzig Gigawatt Leistung, während wir gleichzeitig eine riesige Speicherinfrastruktur im Land haben, die kaum genutzt wird. Für Großspeicher gilt seit Jahren: keine Netzentgelte. Für Autobatterien galt das lange nicht – und ohne diese Befreiung gibt es kein tragfähiges Geschäftsmodell. Frankreich hat das pragmatisch gelöst: fünf Jahre Sandbox, Netzentgelte ausgesetzt, beobachten, lernen. Genau das haben wir auch für Deutschland gefordert – und formal beschlossen. Jetzt muss die Bundesnetzagentur die Verfahren endlich umsetzen.
Ist die Technologie systemrelevant oder doch nur eine Nischenlösung?
Absolut systemrelevant. Die Kapazität der Autobatterien übersteigt die der deutschen Pumpspeicherkraftwerke bereits um ein Vielfaches. Wir erleben gerade einen regelrechten "Batterie-Boom". In Deutschland haben wir inzwischen rund 160 Gigawattstunden Speicherkapazität – und der größte Teil davon steckt in Elektroautos. Man muss sie nur intelligent integrieren. Natürlich beginnt das klein: Einfamilienhäuser, erste Wohnanlagen, marktorientierte Anwendungen. In England zum Beispiel schreiben Netzbetreiber Flexibilitätsauktionen aus – wer am günstigsten ein Megawatt bereitstellt, bekommt den Zuschlag. Das funktioniert hervorragend.
Unsere Vision ist 'zero zero': keine Emissionen und keine Kosten für das Autofahren.
Sie bündeln heute schon Fahrzeugbatterien virtuell. Wie sieht das in der Praxis aus?
In Frankreich steuern wir bereits eine große Zahl an Fahrzeugen. Ein Renault-Fahrer kann dort rund 10.000 Kilometer im Jahr kostenlos fahren, wenn er sein Auto regelmäßig einsteckt. In Deutschland zahlen Hersteller wie BMW rund 24 Cent pro Stunde für die Nutzung der Batterie. Das kann 14.000 bis 15.000 kostenlose Kilometer im Jahr bedeuten. Unsere Vision ist "zero zero": keine Emissionen und keine Kosten für das Autofahren. Das wird nicht für jeden gelten, aber für mehr als die Hälfte der Nutzer ist es realistisch.
Viele Projekte wirken trotzdem zäh. Liegt das an Technik, Daten oder Netzen?
Scheitern tut nichts – es geht nur langsamer, als wir es gerne hätten. Das kennen wir aus anderen Innovationen. Die Netze stehen unter Druck, weil E-Autos und Wärmepumpen kommen werden, ob man will oder nicht. Der Trend ist eindeutig. Der große Hebel ist die Elektromobilität, und sie wird die Regulierung und die Netzbetreiber vor sich hertreiben. Mehr Kupfer zu vergraben ist keine Lösung – das dauert zu lange. Es geht nur digital: mit Steuerung, Flexibilität und intelligenten Tarifen.
Kommunen müssen sich Partner suchen, Dinge bündeln und trotzdem regional bleiben.
Was bedeutet das für Kommunen und Stadtwerke?
Der wichtigste Schritt ist: anfangen. Nicht hoffen, dass es vorbeigeht. Der Druck ist jetzt da, weil Erneuerbare die günstigste Energieform sind. Kommunen müssen sich Partner suchen, Dinge bündeln und trotzdem regional bleiben. Regionalität funktioniert aber nur, wenn sie modern ist – mit attraktiven Tarifen und Lösungen für E-Mobilität und Flexibilität. Wer das nicht anbietet, verliert Kunden. Kooperation ist der Schlüssel, nicht Stillstand.
Zum Abschluss: Wie bewerten Sie politische Vorstöße, die den Ausbau der Erneuerbaren bremsen könnten?
Das schmerzt mich. In der dezentralen Energiewende stecken enorme Wertschöpfung und Millionen Arbeitsplätze – im Handwerk, bei Technologieanbietern, im Mittelstand. Trotzdem wird politisch oft auf wenige große Konzerne gehört, während die agile, innovative Industrie ausgebremst wird. Deutschlands Stärke war immer der Mittelstand. Innovation entsteht unter Druck – und den haben wir jetzt. Meine Hoffnung ist, dass wir ihn nutzen, statt ihn "wegzuregulieren".





