2024 testete die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) eine Gütertram, mit der Pakete aus einem Amazon-Lager in die City transportiert wurden.

2024 testete die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) eine Gütertram, mit der Pakete aus einem Amazon-Lager in die City transportiert wurden.

Bild: © VGF

Angesichts steigender Lieferverkehre, wachsender Umweltbelastungen und ambitionierter Klimaziele suchen Städte nach Lösungen für die "letzte Meile". Eine Idee ist der Gütertransport in Straßenbahnen. Das Konzept verspricht weniger Lkw-Verkehr, weniger Emissionen und eine effizientere Nutzung bestehender Infrastruktur. Doch ein Gutachten im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums zeigt: Der Weg dorthin ist steinig – vor allem rechtlich.

Während Eisenbahnen und Busse für den Gütertransport genutzt werden können, fehlt bei Straßenbahnen eine klare gesetzliche Grundlage. Das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) regelt ausschließlich die Beförderung von Personen. Für den Mischbetrieb – also die gemeinsame Nutzung von Straßenbahnen für Personen und Güter – existieren keine expliziten Vorschriften.

Technische Varianten und ihre Tücken

Das Gutachten unterscheidet drei Ansätze: Eine Beiladung von Gütern im Mehrzweckbereich regulärer Straßenbahnen – dies ist technisch machbar, aber mit hohen Sicherheits- und Zeitrisiken verbunden. Eigene Güterfahrzeuge auf Tram-Infrastruktur – das ist rechtlich und betrieblich am ehesten möglich, da keine Fahrgäste an Bord sind. Und schließlich der Anhängerbetrieb mit Güterwaggons – der ist komplex in der Umsetzung und genehmigungsintensiv.

Modellprojekte für die Gütertram

LogIKTram (Karlsruhe)
Partner: Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Verkehrsbetriebe Karlsruhe (VBK), Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), DB Regio, Industriepartner aus Logistik und Fahrzeugtechnik
Ziel: Entwicklung eines Konzepts für die Integration von Gütertransporten in das bestehende Tram-Train-System. Fokus auf "Letzte Meile"-Logistik und Reduzierung von Lieferverkehr in Innenstädten.
Projektstand: Pilotbetrieb in Vorbereitung. Nach der Konzeptentwicklung und Simulationen befindet sich das Projekt in der Umsetzungsphase. Erste Testfahrten mit Prototypen sind geplant, aber der reguläre Betrieb hat noch nicht begonnen.


KombiTram (Karlsruhe)
Partner: VBK, AVG, KIT, Stadt Karlsruhe
Ziel: Erprobung der technischen und organisatorischen Machbarkeit von Güterbeiladungen in Straßenbahnen. Schwerpunkt auf Paketlogistik und Kooperation mit Kurierdiensten.
Projektstand: Abgeschlossene Machbarkeitsstudie. Das Projekt war eine frühe Studie zur Beiladung von Gütern in Straßenbahnen. Es wurde nicht in den praktischen Betrieb überführt, dient aber als Grundlage für LogIKTram.


CargoTram (Dresden)
Partner: Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB), Volkswagen Sachsen
Ziel: Transport von Autoteilen zwischen VW-Werk und Logistikzentren innerhalb der Stadt.
Projektstand: Projekt lief erfolgreich über mehrere Jahre, wurde aber später eingestellt.


CityLogistikTram (Frankfurt am Main)
Partner: Stadt Frankfurt, lokale Verkehrsunternehmen, Forschungseinrichtungen
Ziel: Machbarkeitsstudie für den Einsatz von Straßenbahnen zur Paketzustellung in dicht besiedelten Stadtteilen. Fokus auf CO₂-Reduktion und Entlastung des Lieferverkehrs.
Projektstand: Konzeptstudie ist abgeschlossen. Weitere Schritte hängen von politischen Entscheidungen und Finanzierung ab.


UrbanRailLogistics (München)
Partner: Stadt München, Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG), Fraunhofer IML
Ziel: Analyse der Potenziale für Gütertransporte auf Tram-Infrastruktur. Schwerpunkt auf Integration in multimodale Konzepte wie "City2Share".
Projektstand: Frühe Analysephase. Es gibt noch keine Pilotfahrten, aber die Integration in multimodale Konzepte wird geprüft.


Die gemeinsame Nutzung von Straßenbahnen für Güter erfordert strenge Sicherheitsstandards: Ladungssicherung nach anerkannten Regeln der Technik sowie Brandschutz und der Ausschluss von Gefahrgut sind Pflicht. Das Gutachten empfiehlt zusätzliches Personal für die Überwachung der Ladung, da das Fahrpersonal diese Aufgabe nicht übernehmen kann. Haftungsfragen sind ebenfalls ungeklärt. Das Gutachten empfiehlt eine Güterschadenshaftpflichtversicherung, auch wenn sie nicht gesetzlich vorgeschrieben ist.

Auch die Finanzierung des Mischbetriebs ist eine offene Baustelle. Die EU-Verordnung 1370/2007, die den öffentlichen Personenverkehr regelt, ist auf den Gütertransport nicht zugeschnitten. Zwar existieren Förderprogramme für den Schienengüterverkehr, sie decken aber die Besonderheiten des ÖPNV nicht ab.

Der Gütertransport per Straßenbahn ist jedenfalls kein Selbstläufer. Er erfordert nicht nur technische Anpassungen, sondern vor allem einen klaren Rechtsrahmen. Kommunale Unternehmen und Verkehrsverbünde könnten hier eine Schlüsselrolle übernehmen, das zeigen mehrere Modellprojekte. Voraussetzung ist aber, dass Finanzierung und Genehmigungspraxis angepasst werden. Erst dann kann die Tram zur echten Alternative für den Lieferverkehr in deutschen Städten werden.

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