Die Ergebnisse einer Fahrgastumfrage zeigen die Vorteile des kostenlosen ÖPNV auf.

Die Ergebnisse einer Fahrgastumfrage zeigen die Vorteile des kostenlosen ÖPNV auf.

Bild: © SWU

Seit April 2019 können die Menschen in Ulm und Neu-Ulm den ÖPNV an Samstagen kostenlos nutzen. Eine wissenschaftliche Studie der Universität Ulm hat nun untersucht, wie sich dieses Angebot auswirkt. "Der kostenlos angebotene Nahverkehr an Samstagen führt in Ulm und Neu-Ulm zu einer verstärkten ÖPNV-Nutzung", fasst Andreas Rebholz die ersten Studienergebnisse zusammen.

Besonders nachgefragt werde das Gratis-Angebot insbesondere von Menschen, die ansonsten nur gelegentlich oder eher selten mit Bussen oder Straßenbahnen unterwegs seien. Der Doktorand am Institut für Nachhaltige Unternehmensführung der Universität Ulm koordiniert diese wissenschaftliche Arbeit, gab die Universität bekannt.

Keine Kannibalisierungseffekte sichtbar

Überraschenderweise kamen die Fahrgastzuwächse nicht vorrangig – wie andere Studien hätten vermuten lassen – durch sogenannte "Kannibalisierungseffekte" zustande. Das ist der Fall, wenn vor allem Fußgänger und Radfahrer auf Busse und Straßenbahnen umsteigen – also Verkehrsteilnehmer, die im Hinblick auf Lärm, Abgase und Energiebilanz sowieso als unproblematisch gelten.

"Stattdessen zeigte sich, dass tatsächlich mehr als die Hälfte der Nahverkehrsnutzer, die sich aufgrund des kostenlosen Angebots für eine Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Stadtgebiet Ulm und Neu-Ulm entschieden haben, dafür ihr Auto zuhause stehen ließen", erklärt Rebholz.

Konkrete Zahlen: 53,8 Prozent nutzen sonst Auto

Im Detail sehen die Zahlen so aus: 40,3 Prozent der Befragten geben an, dass sie die Fahrt mit Bus oder Straßenbahn ohne das Kostenlos-Angebot an Samstagen nicht angetreten hätten. Mehr als die Hälfte, genauer gesagt 53,8 Prozent, aus dieser Gruppe hätte alternativ das Auto genutzt, 16,3 Prozent wären ansonsten mit dem Rad gefahren und 13,6 Prozent zu Fuß gegangen.

Was die Häufigkeit der Nahverkehrsnutzung angeht, sagen 52,3 Prozent der Studienteilnehmer, dass sie seit der Einführung des Angebots den Nahverkehr an Samstagen häufiger nutzen. 38,2 Prozent glauben, dass sich ihr Nutzungsverhalten an Samstagen nicht verändert hat. 

Kein Spill-Over-Effekt vorzufinden

Wie zu erwarten, zeigten die Ergebnisse allerdings auch, dass mit Spill-Over-Effekten nicht zu rechnen ist. Das heißt: Die positiven Samstags-Effekte haben so gut wie keine Auswirkung auf das Nutzerverhalten an Werktagen mit starkem Berufsverkehr. So geben 61 Prozent aller Befragten an, dass sich ihr ÖPNV-Nutzungsverhalten an Werktagen nicht verändert hat, und nur 11,5 Prozent äußern die Absicht, von Montag bis Freitag häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.

"Der Samstag unterscheidet sich grundlegend von anderen Wochentagen. Viele Menschen sind unterwegs um einzukaufen oder etwas zu erledigen. Außerdem gibt es mehr Ausflugs- und Freizeitverkehr als unter der Woche", so Rebholz. Torsten Fisch, kommissarischer Leiter der Abteilung Mobilität unterstreicht: "Die Fahrgastentwicklung zeigt, dass die Maßnahmen zum Ausbau des ÖPNV-Angebotes auch an Samstagen wirken. Jetzt gilt es, dran zu bleiben und den ÖPNV auch werktags als gute Alternative zum eigenen Pkw im Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger zu verankern.“

Kostenloser ÖPNV reicht dauerhaft nicht aus

Trotz der positiven Studienergebnisse, was die Nahverkehrsnutzung an Samstagen angeht, bezweifeln die Ulmer Wirtschaftswissenschaftler, dass unentgeltliche ÖPNV-Angebote ausreichen, um für eine dauerhafte Verkehrsverlagerung zu sorgen.

"Um Autofahrer zum Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen, bedarf es einer ganzen Reihe an zusätzlichen Maßnahmen. Dazu gehört auf jeden Fall der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und eine Verbesserung der Angebote", sagt Martin Müller. Der Wirtschaftswissenschaftler leitet das Institut für Nachhaltige Unternehmensführung an der Universität Ulm und ist in zahlreichen regionalen Nachhaltigkeitsinitiativen engagiert. Mehr als 4200 Fahrgäste nahmen an der Befragung teil. (gun)

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