Von 2010 bis 2019 gehörte Oettinger der EU-Kommission an. Von 2005 bis 2010 war er Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Von 2010 bis 2019 gehörte Oettinger der EU-Kommission an. Von 2005 bis 2010 war er Ministerpräsident von Baden-Württemberg.

Bild: © CDU

Der frühere EU-Energiekommissar Günther Oettinger sieht Deutschland wegen der hohen Energiekosten auf dem Weg der Deindustrialisierung. Auf der Gastagung des Handelsblatts holte der frühere CDU-Politiker zu einem Rundumschlag gegen die Bundesregierung aus. Deren Energiepolitik sei „scheinheilig“. So nutze man etwa Fracking-Gas aus den USA, schließe Fracking hierzulande aber kategorisch aus.

„Wenn wir ein Industrieland bleiben wollen, brauchen wir riesige Energiemengen. Sonne und Wind alleine reichen nicht aus, wir brauchen auch in Zukunft Gas“, so Oettinger, der seit Anfang 2020 Präsident von United Europe ist. Der Verein setzt sich unter anderem für die Entwicklung eines pro-europäischen Bewusstseins ein und wird von großen Industrieunternehmen und Versorgern wie RWE unterstützt.

Realismus statt Ideologie

Die Bundesregierung sollte endlich eine realistische Energiepolitik machen, statt sich etwa beim Erreichen der Klimaziele zum Musterschüler aufzuschwingen, mahnte Oettinger. „Ich würde Deutschland raten, keine Alleingänge zu machen, sondern im Team mit den anderen Europäern zu agieren.“ Es sei bezeichnend, dass der deutsche Weg der Energiewende nirgends als Blaupause gesehen werde.

Wasserstoff könne eine Lösung sein, allerdings brauche es dazu zuerst die Infrastruktur. „Und auch hier stellt sich die Frage, ob Deutschland für die Wasserstoffproduktion der richtige Ort ist.“ Deutschland befinde sich aufgrund falscher politischer Weichenstellungen in „Lebensgefahr“.

Wohlstand in Gefahr

Um einen „brutalen Wohlstandsverlust“ zu verhindern, brauche es eine nüchterne Politik und keine Politiker, die in Wolkenkuckucksheim leben, ist Oettinger überzeugt.

Sorge bereitet ihm das angeschlagene deutsch-französische Verhältnis. Dieses sei etwa durch den deutschen Blick auf die Kernkraft erheblich belastet. „Wir müssen endlich akzeptieren, dass andere Länder auf Kernkraft setzen, sonst geraten wir auf europäischer Ebene noch mehr ins Abseits.“

Bärendienst für das Klima?

Auch den eiligen deutschen Ausstieg aus dem Erdgas sieht Oettinger kritisch. Die sinkende Nachfrage hierzulande werde zu sinkenden Gaspreisen führen. Andere Länder würden dann im großen Stil Erdgas zu sehr günstigen Preisen kaufen – mit einem großen Schaden für das Klima.

Für Oettinger steht fest: „Brüssel muss der Ort werden, an dem über das Thema Energie entschieden wird. Berlin darf sich nicht so wichtig nehmen.“ (amo)

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