Die Bundesregierung sollte noch in dieser Legislaturperiode ihr Klimaziel für das Jahr 2050 präzisieren. Und sie sollte eine 95-prozentige Reduzierung der Treibhausgas(THG)-Emissionen für 2050 ins Visier nehmen. Dies sagte Andreas Kuhlmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energieagentur (Dena), bei der Vorstellung der Leitstudie Integrierte Energiewende. Das Werk wurde in der Hauptsache vom EWI Research & Scenarios erstellt – unter Beteiligung von 60 Unternehmen.
»Wir haben versucht, systemisch vorzugehen«, erläuterte Kuhlmann. Bei der Studie wurde deshalb ein Bottom-Up-Ansatz gewählt. Das heißt, aufgrund von praktischer Markterfahrungen der beteiligten Akteure wurden umsetzbare Szenarien entwickelt, wie die Klimaziele für 2030 und 2050 erreicht werden können. Damit agierte die Dena anders wie viele Akteure, die einen Top-Down-Ansatz wählten und aufgrund von Zielvorgaben wie den in Paris vereinbarten Übereinkünften theoretische Ansätze für die Umsetzung bevorzugten.
»Wir sind fest der Überzeugung, dass es mit der Elektrifizierung nicht funktionieren wird.«
Ein beispielhaftes Ergebnis eines Top-Down-Ansatzes ist die in der Vergangenheit oft genannte All-electric-Strategie. Hierbei wird ein Pfad bevorzugt, der die höchsten Wirkungsgrade erreicht. Kuhlmann und die beteiligten Unternehmen der Leitstudie sind aber anderer Meinung: »Wir sind einfach fest der Überzeugung, dass es mit der Elektrifizierung nicht funktionieren wird.«
In der Studie wurden nun fünf verschiedene Szenarien untersucht: Ein Referenzszenario, also eine »Weiter-so-Strategie«, ein Elektrifizierungs-Szenario mit zwei Optionen, einmal für das -80-Prozent-Ziel und einmal für das -95-Prozent-Ziel der THG-Emissionen bis 2050, sowie ein so genanntes Technologiemix-Szenario, ebenfalls mit -80- beziehungsweise -95-Prozent-Ziel.
600 Mrd. Euro Mehrkosten durch die Elektrifizierung
Beim Vergleich der Kosten kommt es nun zu einem großen Unterschied: Sowohl beim -80- als auch bei -95-Prozent-Ansatz liegen die kumulierten Gesamtkosten des Technologiemix-Ansatzes um etwa 600 Mrd. Euro unter denen des Elektrifizierungsansatzes. Will Deutschland bis 2050 das -95-Prozent-Ziel über Elektrifizierung erreichen, so sind Ausgaben von rund 2,2 Billionen Euro nötig, so die Studie.
Ein Blick auf die Reduzierung der THG-Emissionen zeigt eine Stagnation bei etwa 900 Mio Tonnen CO2äq. seit einigen Jahren. Es sei »nicht sehr ermutigend« gewesen, was die vergangenen Koalitionen zustande brachten, so Kuhlmann. Die nächsten vier Jahre müsse mehr passieren.
Power Fuels von hohem Wert
»Um die Klimaziele erreichen zu können, ist eine deutliche und schnelle Transformation aller Sektoren notwendig«, erklärte Harald Hecking, Geschäftsführer von EWI Research & Scenarios. Deutschland müsse bis 2050 jährlich die Emissionen um jeweils 20 Mio. Tonnen CO2äq mindern, will es nur das -80-Prozent-Ziel erreichen. Für das -95-Prozent-Ziel liegt die Minderungsgpflicht bei jährlich 26 Mio. Tonnen. Würde Deutschland so weitermachen wie bisher, käme es 2050 gerade auf eine Endminderung von -62 Prozent.
Einen großen Stellenwert für die Zukunft hat die Leitstudie so genannten Power Fuels oder synthetischen Energieträgern beigemessen. Sie sind der Eckstein im System neben der Erhöhung der Energieeffizienz und dem starken Ausbau der erneuerbaren Energien. Je nach Szenario decken synthetische Kraftstoffe im Jahr 2050 einen Bedarf von 150 bis 908 TWh.
Die Stimmen zur Studie sind unterschiedlich:
Die Brancheninitiative Zukunft Erdgas begrüßt die Leitstudie: "Die Studie zeigt: Die Klimaziele 2050 sind mit einem technologieoffenen Ansatz mit Gas deutlich günstiger zu erreichen als mit einer forcierten Elektrifizierung", erklärte die Initiative. Vorstand Timm Kehler: „Ohne Wettbewerb im Markt ist die Energiewende zum Scheitern verurteilt, denn die deutlich höheren Kosten einer Vollelektrifizierung ohne zusätzlichen Nutzen wird die Gesellschaft nicht akzeptieren. Und es wird deutlich: Nur mit Gas gelingt die Energiewende.“
"Gas und seine Infrastruktur bleiben in allen Szenarien der Studie ein wichtiger Leistungsträger", betonte der Stadtwerke-Zusammenschluss Thüga. Michael Riechel, Vorsitzender des Vorstands der Thüga: „Power to Gas-Anlagen sind bereits 2030 mit einer Leistung von 15 GW und etwa 3000 Volllaststunden in Deutschland volkswirtschaftlich sinnvoll – unabhängig davon, ob die langfristige Zukunft technologieoffen bleibt oder hin zu einer immer stärkeren Elektrifizierung geht.“
Gösta Beutin: Synthetische Brennstoffe sollten kritisch gesehen werden
Lorenz Gösta Beutin, Sprecher für Klima und Energie der Bundestagsfraktion Die Linke, sieht die Studie differenziert: „Die heute vorgestellte Dena-Leitstudie zeigt das Versagen der Bundesregierung und fordert zu Recht, dass die Bundesregierung bei Energiewende, Effizienz und im Verkehr endlich eine Kursänderung vollzieht und längst fällige Entscheidungen für Klimaschutz trifft." Und weiter: "Doch leider finden sich auch die Interessen der fossilen Brennstoffindustrie in der Studie wieder, wo sie rein gar nichts verloren haben. Ihr Einfluss hat offensichtlich dazu geführt, dass den synthetischen Brennstoffen für die Zukunft ein Raum eingeräumt wird, der deutlich kritisch zu sehen ist. Denn synthetische Kraftstoffe benötigen fünf- bis sechs Mal soviel Strom wie direkte Elektroantriebe. Das ist nicht effizient und ein fragliches Ergebnis, denn als Effizienz-Denkfabrik sollte die Dena die erheblichem Umwandlungsverluste bei synthetischen Kraftstoffen kritischer hinterfragen."
Die ZfK analysiert die Leitstudie in der kommenden Printausgabe ausführlich. Die Studie kann auf den Seiten der Dena heruntergeladen werden. (al)



