Wolfram Axthelm ist Geschäftsführer beim Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

Wolfram Axthelm ist Geschäftsführer beim Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

Bild: © BEE

Die Bundesregierung hat sich in ihrem "Wachstumsinitiative ‒ neue wirtschaftliche Dynamik für Deutschland" genannten Maßnahmenpaket unter anderem auch auf eine Reform der EEG-Förderung von erneuerbaren Energien geeinigt. Zum einen soll die Förderung sich künftig an der installierten Leistung ausrichten; zum anderen sollen die Erneuerbaren langfristig in den Markt integriert werden. Damit soll auch den zunehmenden negativen Strompreisen und hohen Fehlbeträgen auf dem EEG-Konto begegnet werden.

Herr Axthelm, die Anzahl negativer Preisstunden hat seit Mai stark zugenommen. Was bedeutet das konkret für Betreiber von Erneuerbaren-Anlagen?

Die zunehmenden Zeiten mit negativen Preisen am Strommarkt stellen ein immer größeres Problem für die betriebswirtschaftliche Grundlage von Neu- und Bestandsanlagen dar. Das gefährdet massiv die Investitionssicherheit und damit den klimapolitisch notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. 

Auf dieses Problem weisen wir seit Jahren hin und haben mit unserer Strommarktdesignstudie Lösungen vorgeschlagen: Es braucht Anreize für Speicher, Elektrolyse und weitere Flexibilitäten. Zudem muss innerhalb des EEG die Umstellung von einer Zeit- in eine Mengenabsicherung erfolgen. Das würde das Problem negativer Preisstunden nicht nur ursächlich lösen, sondern auch die Kosten für die Volkswirtschaft senken.

Die Fehlbeträge auf dem EEG-Konto nehmen in dem Zuge zu. Rufe nach einer Reform waren lauter geworden. Nun hat sich die Bundesregierung geeinigt, dass aus der bisherigen Förderung eine Summe pro installierter Leistung werden soll. Wie beurteilen Sie den Ansatz?

Richtig ist: Eine Reform ist überfällig. Jede Reform muss sich allerdings daran messen lassen, dass sie die erforderliche Geschwindigkeit der  Energiewende stützt. Dazu gehört, dass der Zubau weiter mit sehr niedrigen Eigenkapitalquoten möglich bleibt und die starke Mobilisierung von privatem Kapital, das die Banken organisieren, keinen Abbruch erlebt. Der Ausbau der Erneuerbaren nimmt aktuell deutlich an Fahrt auf und ist auf Planbarkeit und Investitionen angewiesen.

Sie haben ein Modell der Mengenförderung vorgeschlagen: Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil?

Die Mengenförderung trägt als Absicherungsinstrument zur Stabilisierung und Effizienzsteigerung des Energiemarkts bei, während sie gleichzeitig die Risiken und Kosten für Betreiber und Volkswirtschaft auf das niedrigstmögliche Niveau bringt.

Die Absicherung einer fixen Menge anstelle eines starren Zeitraumes trägt zu einem marktdienlicheren Verhalten bei. Sie schafft einen Anreiz, negative Preise an der Strombörse, die aktuell zu Vergütungsausfall und kaum kalkulierbaren Risiken führen, zu vermeiden. Dies stabilisiert zugleich die Marktwerte und verringert die sogenannten EEG-Differenzkosten, die aus dem Bundeshaushalt gedeckt werden.

Langfristig sollen die Erneuerbaren voll in den Markt integriert werden. Ab wann wäre das aus Ihrer Sicht denn möglich?

Eine vollständige Marktintegration der erneuerbaren Energien ist erreichbar, wenn zum einen der Ausbau der Netze erreicht und zum anderen die Schaffung ausreichender Flexibilitätsoptionen wie Speicher, flexible Verbraucher und Power-to-X-Technologien gelungen ist. Auf Basis unserer Strommarktdesignstudie mit dem Fraunhofer IEE und dem Fraunhofer ISE Ende 2021 wissen wir, dass ein realistischer Zeitraum hierfür in den nächsten fünfzehn Jahren liegt. Bis dahin muss gehandelt werden, um die Voraussetzungen zu schaffen. Bis es so weit ist, wird die von uns vorgeschlagene Mengenabsicherung die günstigste Option für Volkswirtschaft sein.

Die künftige EEG-Förderung soll auch in den Kapazitätsmechanismus integriert werden. Was wäre aus Ihrer Sicht dabei zu beachten?

Hier ist zu unterscheiden: Im Fall von flexiblen erneuerbaren Erzeugern wie zum Beispiel Biomasseanlagen oder Wasserkraftwerken ist darauf zu achten, dass ihre spezifischen Anforderungen und Flexibilitätspotenziale berücksichtigt werden. Es ist außerdem wichtig, dass klare Regeln und Anreize geschaffen werden, um eine faire und effiziente Teilnahme dieser Anlagen am Kapazitätsmarkt zu gewährleisten.

Bei Wind- und Solarenergie muss garantiert werden, dass Projekte weiterhin auch für Bürgerenergiegemeinschaften und Mittelständler finanzierbar bleiben. Die Energiewende in Deutschland lebt von ihrer Vielfalt und der Verankerung bei den Menschen und Unternehmen vor Ort. Das dürfen wir nicht aufgeben. Und nochmal: Jede Reform muss sicherstellen, dass das Ausbautempo und die Investitionssicherheit hoch bleiben.

Welches Kapazitätsmarktmodell überzeugt Sie eigentlich mehr: ein dezentraler Ansatz, etwa im Sinne einer Hedgingpflicht oder eines Handels von Versorgungssicherheitsnachweisen, oder ein zentraler Ansatz mit bundesweiten Ausschreibungen von Kapazitäten?

Beide Modelle haben Vor- und Nachteile. Für uns ist die entscheidende Prämisse, dass ein Level-Playing-Field zwischen den konkurrierenden Flexibilitätsoptionen sichergestellt wird. Alles Weitere ist eine Frage der konkreten Ausgestaltung. 

Die Bundesregierung hat Biomasse-Anlagen aus den geplanten 12,5-GW-Kraftwerksausschreibungen sowohl bei Neubau als auch bei Modernisierung ausgeschlossen und verweist stattdessen auf das EEG und den Kapazitätsmechanismus. Reicht das aus Ihrer Sicht aus?

In einer technologieoffenen Ausschreibung setzen sich automatisch die günstigen Angebote durch. Es ist daher fraglich, weshalb man die günstigere Bioenergie im Gegensatz zu H2-Gasturbinen von Ausschreibungen fernhält. 

Zusätzlich sind gezielte Maßnahmen nötig, um diese Potenziale voll auszuschöpfen. Dazu gehören unter anderem die Anhebung des Biomasse-Ausschreibungsvolumens im EEG auf 1800 MW pro Jahr ab 2025, die Anpassung des Flexibilitätszuschlags an Inflation und gestiegene Zinsen auf 120 Euro/kW sowie die Anhebung der vergütungsfähigen Volllaststunden in den Biomethan-Ausschreibungen. Wir können es uns nicht leisten, diese saubere und heimische gesicherte Leistung zu verlieren, zumal dann auch die erneuerbare Wärme aus diesen Anlagen auf dem Spiel steht. Die stark überzeichneten Biomasse-Ausschreibungen sind ein Warnsignal.

Die Fragen stellte Julian Korb

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