Gastbeitrag von
Ingbert Liebing,
Hauptgeschäftsführer des Verbands Kommunaler Unternehmen (VKU)
Seismograf für die kommunale Wirtschaft
Der Stadtwerkekongress 2025 in Mainz (30. September bis 1. Oktober) ist mehr als ein Branchentreffen. Er ist ein Seismograf für die kommunale Energiewirtschaft. Die Veranstaltung findet genau zur rechten Zeit statt: Die Politik stellt aktuell die wichtigsten Weichen für die Energieversorgung der Zukunft. Das sind zwei Tage voller Debatten, Impulse und Begegnungen mit 70 Referentinnen und Referenten und etwa 700 Teilnehmenden.
Die Unternehmen, die die Energiewende umsetzen, brauchen Planungs- und Investitionssicherheit. Mit Sorge betrachtet die Branche daher die Zunahme der energiepolitischen Entscheidungen, die der Jährlichkeit des Bundeshaushalts unterworfen sind. Mittlerweile beläuft sich die Summe der energiepolitischen Maßnahmen zur Subventionierung der Strompreise im Bundeshaushalt auf fast 30 Milliarden Euro.
Damit wächst das Risiko, dass die Energiewende von der jährlichen Kassenlage abhängt. Wir brauchen langfristige politische Entscheidungen und Ziele, die ausfinanziert werden können. Die Bundesregierung muss den im Koalitionsvertrag vereinbarten Fonds für Energiewendeinvestitionen zügig auf den Weg zu bringen.
Vier Baustellen im Fokus
Das gilt vor allem für diese vier Baustellen, über die wir beim Stadtwerkekongress diskutieren werden:
Versorgungssicherheitsbericht und Energiemonitoring: Daten als Fundament der Energiewende
Die Energiewende ist mehr als der Bau von Windrädern, Photovoltaikanlagen oder Wärmenetzen. Wir brauchen eine Bestandsanalyse für das Gesamtsystem der Energiewende. Das Bundeskabinett hat in der vergangenen Woche den "Bericht zu Stand und Entwicklung der Versorgungssicherheit im Bereich der Versorgung mit Elektrizität" der Bundesnetzagentur beschlossen.
Die kommunalen Energieversorger begrüßen die Vorlage des Berichts, mahnen jedoch für die nächsten Wochen und Monate eine Verzahnung mit den Ergebnissen des noch ausstehenden Energiewende-Monitorings des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie an.
Wärmewende: Die Lösung liegt vor Ort
Wärme ist ein lokales Produkt. Deshalb ist die kommunale Wärmeplanung das Herzstück der Wärmewende. Ob mit Fernwärme, Geothermie oder klimaneutralen Gasen, der VKU sieht in der Wärmeplanung das zentrale Instrument, um vor Ort die besten Lösungen zu entwickeln. Doch die Wärmewende braucht Rückenwind.
Der Verband fordert eine deutliche Aufstockung der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze. Die Bundesregierung hat mit den Haushaltsentwürfen für 2025 und 2026 erste Schritte der Erhöhung gemacht. Der Fördertopf muss mit mindestens 3,5 Milliarden Euro pro Jahr aufgefüllt und bis 2035 verlängert werden. Die Botschaft ist klar: ohne kommunale Infrastruktur keine klimaneutrale Wärmeversorgung.
Kraftwerksstrategie: Versorgungssicherheit braucht Planungssicherheit
Mit dem Ausstieg aus Kohle und Kernenergie entsteht eine Leistungslücke, die durch steuerbare Kraftwerke geschlossen werden muss. Sicherlich kommt es auch auf Speicher und Flexibilitäten an. Das ist unstrittig. Unstrittig ist für uns aber auch, dass wir regelbare Kraftwerke brauchen. Sorge bereitet die bestehende "Kraftwerkslücke" und die immer größere Schwankungsbreite beim Zubaubedarf an neuen Gaskraftwerken in den unterschiedlichen Szenarien. Es werden mindestens 20 GW neue H2-ready Gaskraftwerke benötigt, um die erneuerbare Stromerzeugung zu stabilisieren.
Der VKU wirbt für eine schnelle und praxistaugliche Umsetzung der Kraftwerksstrategie. Dazu gehört insbesondere die Verlängerung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes (KWKG), das Investitionen in flexible und klimafreundliche Erzeugungseinheiten ermöglicht. Versorgungssicherheit ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Energiewende.
Netzausbau: Die Energiewende braucht Leitungen
Ohne Netze, keine Energiewende. Die Transformation unseres Energiesystems erfordert Investitionen in nie dagewesenem Umfang. Der Netzausbau muss mit dem Ausbau der Erneuerbaren Schritt halten, system- und kosteneffizient. Aber auch umgekehrt! Reine Kostenumverteilungen ohne echte Optimierungen gefährden die gesellschaftliche Akzeptanz. Deshalb setzen wir uns für eine stärkere Markt- und Systemintegration der Erneuerbaren und eine Priorisierung beim Ausbau der Strom- und Wärmenetze ein.
Der aktuelle BNetzA-Bericht unterstreicht den Bedarf für einen weiteren Strom-Netzausbau. Dafür ist es unerlässlich, die Eigenkapitalsituation der Unternehmen zu stärken. Wenn wir es ernst meinen mit dem Ausstieg aus Kohle, Erdgas und Öl, dann dürfen wir nicht länger am Netz sparen. Sondern müssen darin investieren. In Sicherheit.
Die Energiewende wird in Berlin entschieden, sie wird vor Ort gemacht. Dort, wo kommunale Unternehmen schon heute Verantwortung übernehmen. Für eine klimaneutrale und resiliente Energiezukunft. Die kommunale Energiewirtschaft kennt die Herausforderungen und sie hat die Lösungen. Jetzt ist die Politik am Zug, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Denn die Energiewende gelingt nur gemeinsam: Verstehen. Verbinden. Vernetzen.



