Patrick Graichen gilt als Architekt der Energiewendepolitik unter Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne). Mit ihm als beamtetem Staatssekretär wurden die Ausbauziele für erneuerbare Energien kräftig angehoben. Auch die umstrittene Reform des Gebäudeenergiegesetzes, die in Boulevardmedien als "Heizungshammer" bundesweit Schlagzeilen machte, entstand unter seiner Federführung, wurde im parlamentarischen Verfahren dann aber noch an wesentlichen Stellen geändert. Graichen musste 2023 als Staatssekretär vorzeitig gehen.
Dass der frühere Chef der Denkfabrik Agora Energiewende die Kurskorrekturen von Habecks Nachfolgerin Katherina Reiche (CDU) kritisch sieht, dürfte niemanden überraschen. Das Gespräch mit der ZFK führte er aber ausdrücklich unter der Bedingung, über mehr zu reden als nur über Reiche und Heizungsgesetz. Und so wurde es ein Interview über eine Energiewende, die aus seiner Sicht nicht aufzuhalten ist, Verteilnetzbetreiber, die jetzt Tempo machen müssen – und die Aussicht auf ukrainisches Biomethan.
Herr Graichen, Frau Reiche hat den bisherigen deutschen Energiewendekurs stark kritisiert. 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030, Klimaneutralität bis 2045 – das seien schöne Zahlen, die unser schlechtes Gewissen besänftigen, schrieb sie in einem viel zitierten Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Gleichzeitig explodierten die Strompreise. Klingt wie eine Generalkritik auch an der Energiepolitik von Ihnen und Ihrem früheren Chef, Robert Habeck.
Fest steht: Die Energiewende ist nicht aufzuhalten. Weltweit setzen sich erneuerbare Energien sowie Elektrifizierung von Wärme, Verkehr und Industrie durch. Der Iran-Krieg ist ein weiterer Booster, weil er verdeutlicht: Gas und Öl sind unzuverlässige, teure Energieträger. Was nun den Unterschied macht, ist die Geschwindigkeit. Gehen wir in schnellen Schritten voran oder verharren wir relativ lange in einer Zwischenphase, bei der das alte, fossile System noch dominiert?
Ich ahne, wo Sie Frau Reiche einordnen.
Wir produzieren jetzt fast 60 Prozent des Stroms mit erneuerbaren Energien. Das heißt aber auch: In den meisten Stunden setzen weiterhin Gaskraftwerke den Börsenstrompreis. Spanien ist da weiter. Die haben in den letzten Jahren massiv Wind und Solar ausgebaut, und jetzt machen erneuerbare Energien gemeinsam mit Atomkraft fast 80 Prozent des Stroms aus. Entsprechend sind die spanischen Börsenstrompreise viel niedriger als unsere.
Nun kann man lang und breit über den Atomausstieg debattieren, aber Fakt ist nun mal: Um heute in Deutschland wettbewerbsfähige Strompreise zu bekommen, müssen wir ganz schnell auf 80 Prozent erneuerbare Energien kommen.
Die drängendste Frage ist nicht, wie wir die Redispatchkosten senken. Sondern: Wie machen wir uns unabhängig von hohen Öl- und Gaspreisen?
Aber hat Katherina Reiche nicht Recht mit ihrer Kritik, dass der bisherige Erneuerbaren-Ausbau viele Stromnetze überlastet und jedes Jahr Milliardenkosten für Engpassmanagement verursacht? Gleichzeitig geben wir für die Förderung erneuerbarer Energien ebenfalls jedes Jahr einen zweistelligen Milliardenbetrag aus. Ist da ein Blick auf die Systemkosten der Erneuerbaren nicht überfällig?
Dann blicken wir mal auf die Systemkosten, aber auf alle: 2024 standen 18 Milliarden EEG-Kosten und 3 Milliarden Euro Redispatch-Kosten 76 Milliarden Euro Kosten für den Import von Öl, Gas und Steinkohle gegenüber. In diesem Jahr werden die Importkosten infolge des Iran-Kriegs deutlich höher liegen, die KfW geht von 92 bis 99 Milliarden Euro aus.
Gleichzeitig sinken die EEG-Kosten absehbar, wenn die teuren Anlagen aus der EEG-Anfangszeit ans Ende ihrer 20jährigen Vergütung kommen. Und die Netzausbaukosten verteilen sich bei wachsendem Strombedarf auf immer mehr Schultern. Die drängendste Frage ist insofern nicht, wie wir die Redispatchkosten senken. Sondern: Wie machen wir uns unabhängig von hohen Öl- und Gaspreisen?
Noch mehr Grünstrom in schon jetzt überlasteten Stromnetzen dürfte wenig helfen.
Das Netz so auszubauen, dass auch noch die letzte produzierte Kilowattstunde eingefangen wird, wäre extrem ineffizient. Die Frage ist: Wo liegt die optimale Abregelung? Sicherlich höher als drei Prozent. Und: Wie sorgen wir dafür, dass trotz netzbedingter Abregelung weiter in den Ausbau erneuerbarer Energien investiert wird? Wenn ein Investor abschätzen kann, in wie vielen Stunden er abgeregelt wird, kann er das gut einpreisen. Problematisch wird es, wenn der ganze Rahmen wackelt. Dann würgen wir den Erneuerbaren-Ausbau ab.
Sie spielen auf das durchgestochene Netzpaket an, das einen Redispatch-Vorbehalt in bestimmten Netzgebieten vorsieht.
Ein pauschaler Redispatch-Vorbehalt ist ein Investitionskiller. Das ist nicht im Sinne der deutschen Volkswirtschaft. Richtig ist: Die nächsten fünf bis zehn Jahre sind die Jahre der Stromverteilnetze. Nachdem wir bei den Erneuerbaren die Dinge massiv beschleunigt haben und auch die Übertragungsnetze nach und nach kommen, muss der Fokus jetzt auf den Stromverteilnetzen liegen. Daran entscheidet es sich, ob Deutschland wettbewerbsfähig bleibt.
Dann legen wir den Fokus auf Betreiber von Stromverteilnetzen. Wirtschaftsministerin Reiche will ihre finanzielle Lage stärken, die Bundesnetzagentur verschärft dagegen die Effizienzvorgaben. Ergibt das Sinn?
Dass Verteilnetzbetreiber so effizient wie möglich wirtschaften sollen, ist richtig. Der Hebel für Neuinvestitionen ist der Eigenkapitalzins. Da erwarte ich, dass die Bundesnetzagentur höhere Zinssätze genehmigen wird. In dieser Kombination ergibt das Sinn.
Wenn man wirklich will, geht vieles. Selbst in Deutschland.
Bleiben mögliche Materialengpässe. Bauen alle Verteilnetzbetreiber gleichzeitig aus, steigen vor allem die Kosten.
Dass die Stromnetze ausgebaut werden müssen, wussten alle schon vor Jahren. Deswegen wundere ich mich, wenn Verteilnetzbetreiber jetzt überrascht sind. Aber selbst, wenn: Wir haben bei den LNG-Terminals, dem Windausbau und den HGÜ (Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungsnetze, Anm. d. Red.) ja auch vieles drastisch beschleunigt. Anstatt ständig Probleme zu wälzen, wurden Lösungen gefunden. Wenn man wirklich will, geht vieles. Selbst in Deutschland.
Dann machen Sie mal einen Vorschlag, wie der Netzausbau schneller gehen soll.
Zunächst sollte man Genehmigungsprozesse auch auf Verteilnetzebene beschleunigen. Zudem: Materialengpässe sind beseitigbar, wenn Stromwirtschaft, Elektroindustrie und Politik an einem Strang ziehen. Und man könnte im Zweifel Dritte neue Stromnetze bauen lassen. Wenn Verteilnetzbetreiber sagen, wir kriegen das nicht schnell genug hin, könnten Netzanschlussnehmer das Recht bekommen, Leitungen auf ihre Verantwortung zu bauen. So ähnlich läuft es in Großbritannien mit dem dortigen Wind-Offshore-Netz. Zu sagen, der Verteilnetzausbau dauert nun mal zehn Jahre, ist inakzeptabel.
Sie plädieren also für Wettbewerb im Verteilnetz-Monopol.
Nur beim Neubau von Leitungen. Ich kann mich an ein Offshore-Projekt in meiner Zeit als Staatssekretär erinnern. Da hat der Netzbetreiber für den Netzanschluss deutlich höhere Kosten in Aussicht gestellt als der Projektentwickler. Ich habe dann gefragt, woran das liegt. Irgendwann wurde klar: Der Netzbetreiber plant eine Art Maybach, während der Projektentwickler meinte, ein Passat reicht auch.
Noch günstiger als Passats sind Dach-Photovoltaik-Anlagen. Müssen in der Regel gut situierte Käufer wirklich noch auf Kosten der Allgemeinheit eine Einspeisevergütung erhalten?
Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach sind der Motor der Energiewende vor Ort. Wer eine PV-Anlage auf dem Dach plant, denkt auch über eine Wärmepumpe im Keller und ein Elektroauto in der Garage nach. Das ist gut so, dann bleiben uns bei der nächsten geopolitischen Krise vielleicht irrsinnige Spritpreisbremsen erspart.
Die Vorstellung, dass ein Besitzer eines Einfamilienhauses seinen Überschussstrom an der Strombörse vermarkten soll, ist doch weltfremd. Es geht da um zweistellige Eurobeträge im Monat. Deshalb halte ich eine pauschale Vergütung – meinetwegen auf niedrigerem Niveau – weiterhin für notwendig. Ich glaube auch, dass es so kommt. Besitzer von Einfamilienhäusern sind doch das Rückgrat der Unionswählerschaft. Katherina Reiches Vorschlag ist komplett unpolitisch.
Der Trend im Heizungsmarkt ist eindeutig. Er geht Richtung Wärmepumpe und Fernwärme.
Kommen wir zum schwarz-roten Heizungskompromiss. Sie haben als Staatssekretär mal gesagt, es sei Aufgabe der Stadtwerke, den Rückbau der Gasnetze zu planen. Waren Sie da nicht etwas voreilig?
Nein. Der Trend im Heizungsmarkt ist eindeutig. Er geht Richtung Wärmepumpe und Fernwärme – auch jetzt schon, ohne 65-Prozent-Erneuerbaren-Vorgabe. 2025 war die Wärmepumpe die meistverkaufte Heizung, der Iran-Krieg verstärkt das nochmal.
Jede neue Wärmepumpe ist ein kleiner Sargnagel in die Wirtschaftlichkeit von Gasnetzen. Insofern sich durch ein neues Heizungsgesetz nicht viel ändern – mit einer Ausnahme: Die A***karte – Pardon my French – liegt nicht mehr beim Bund, sondern bei den Stadtwerken.
Wie meinen Sie das?
Bislang konnten Stadtwerke sagen: Die 65-Prozent-Regel verbietet weitgehend neue Gasheizungen. Wir folgen mit der schrittweisen Stilllegung von Gasnetzen also nur Bundesvorgaben. Wenn jetzt wegen Grüngasquote und so genannter Biotreppe aber neue Gasheizungen kommen, muss das Stadtwerk womöglich doch noch 2045 ein Gasnetz vorhalten? Und das, obwohl sich das Netz immer weniger rechnet; schließlich wird ein Großteil der Kunden auf Wärmepumpen umsteigen.
Das Stadtwerk kann auch selbst entscheiden, das Gasnetz stillzulegen.
Das ist der entscheidende Punkt. Sie müssen das künftig auf ihre eigene Kappe nehmen. Die Koalition lässt mit ihrem Kompromiss Stadtwerke vor Ort allein. Das erhöht das Konfliktpotenzial auf kommunaler Ebene deutlich.
Die viel diskutierte Wasserstoffheizung hat sich als das herausgestellt, was sie immer war: eine Fata Morgana.
Es könnte natürlich auch sein, dass Gasheizungen eine größere Zukunft haben, als Sie denken – Stichwort grüne Gase.
Das sehe ich nicht. Die viel diskutierte Wasserstoffheizung hat sich als das herausgestellt, was sie immer war: eine Fata Morgana. Dann bleibt noch Biogas. Das wird zwar schon heute als Beimischung zu Erdgas angeboten, mit keinem riesigen Aufpreis.
Steigt die Nachfrage aber, wird der Biogaspreis bei begrenztem Angebot deutlich in die Höhe gehen. Das sehen im Zweifel viele nicht, die sich jetzt für eine neue Gasheizung entscheiden. In ein paar Jahren beschweren sie sich dann aber beim örtlichen Versorger.
Um den Bedarf zu decken, setzt Frau Reiche auch auf Biomethanimporte aus der Ukraine. Jetzt kennen Sie sich in dem Land gut aus (Graichen ist Aufsichtsrat beim Energiekonzern Ukrenergo, Anm. d. Red.). Ist die Ukraine unser Biogas-Retter?
Das kann ich ausschließen. Da haben jetzt Projektentwickler Dollarzeichen in den Augen. Die unterschätzen aber massiv, was es bedeutet, in der Ukraine zu investieren. Außerdem werden besagte Flächen schon jetzt bewirtschaftet, die Ukraine ist ja die Kornkammer Europas. Sollen ukrainische Landwirte Mais für Deutschland statt Getreide für die Welt anbauen? Darauf zu setzen halte ich für eine riskante Wette auf die Zukunft.



