"Wir brauchen Mut und Vertrauen, warum sollen wir nicht 25 weitere Prozent Erneuerbare bis 2030 hinbekommen, wenn wir jetzt schon 40 Prozent erreicht haben", unterstrich Georg Müller, Vorstandsvorsitzender von MVV Energie. Anja-Isabel Dotzenrath, CEO von Eon Climate & Renewables ging sogar noch einen Schritt weiter: "Schade eigentlich, dass wir uns nur das 65 Prozent Ziel bis 2030 gesetzt haben", sagte sie bei einem Panel zu "65 Prozent Erneuerbare bis 2030 – welche Voraussetzungen brauchen wir?" am Mittwoch beim BDEW-Kongress 2019 in Berlin. Denn eigentlich sei ja noch mehr möglich und eigentlich gehe es ja bei der Energiewende als dem "großen Projekt des Jahrhunderts" um 100 Prozent Erneuerbare.
Um dies zu ermöglichen, sieht Dotzenrath vor allem die Politik in der Pflicht, beispielsweise durch eine Aufhebung des Deckels für den Ausbau der Offshore-Windkraft, den Verzicht auf große Abstandsregelungen für die Onshore-Windkraft von Siedlungen, die massive Beschleunigung des Netzausbaus und das Setzen von Anreizen für die Nutzung von Flexibilität. Zudem müsse es gelingen, die Akzeptanz vor allem für die Windkraft bei den Bürgern zu erhöhen, unter anderem durch einen verstärkten Dialog auf kommunaler Ebene.
Flächenbeschränkungen aufheben
"Wir haben die Flächen, doch wir müssen diese auch zur Verfügung stellen", sagte Müller mit Bezug auf die Windkraft. Hier brauche es mehr Dialog und auch mehr wirtschaftliche Beteiligung der Betroffenen vor Ort und im letzten Fall auch Ordnungsrecht. "Wer Abstände von 2000 Metern zu Windrädern festschreibt macht die Windkraft Onshore tot", unterstrich er mit Bezug zur 10-H Regelung in Bayern und anderen Bundesländern, die in diese Richtung nachziehen wollen. Auch bei der Photovoltaik plädierte Müller für die Aufhebung von Flächenbeschränkungen für Solarparks und die Abschaffung des Ausbaudeckels von 52 Gigawatt, der voraussichtlich schon im kommenden Jahr erreicht wird.
"Ich würde mir wünschen, dass bei Bürgerdialogen vor Ort künftig auch mehr Bundestagsabgeordnete dabei sind, die zu ihren Entscheidungen stehen", sagte Klaus Kleinekorte, Mitglied der Geschäftsführung von Amprion in punkto Windkraftausbau und bereits beschlossenen Klimaschutzverpflichtungen. Letztlich müsse es darum gehen, dass möglichst viele von der Energiewende profitierten, nicht nur bezahlten, sagte Hans-Joachim Polk, Vorstand Infrastruktur und Technik bei VNG.
EEG weiterentwickeln – Strom- und Gasnetze zusammen denken
Polk brach auch eine Lanze für eine verbesserte gemeinsame Planung und Nutzung von Strom- und Gasnetzen, im Sinne einer echten Sektorenkopplung sowie die Bedeutung von Biomethan, Biogas und synthetischer grüner Gase. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) müsse entsprechend weiterentwickelt werden, um dem Rechnung zu tragen. Auch Müller plädierte für eine Weiterentwicklung des EEG, unter anderem mit mehr Ausschreibungen und auch einer Weiterführung der Förderung der Erneuerbaren, damit diese nicht selbst am Markt zerstörten.
"Wir sollten nicht so weitermachen wie bisher beim EEG, wir sollten dies auch einem Review unterziehen", sagte Kleinekorte. Ein zu 100 Prozent gefördertes Energiesystem könne nicht die Zukunft sein, sagte er mit Bezug auf 100 Prozent Erneuerbare. Dotzenrath warnte vor einem zu starken "Innehalten und Anhalten" auch beim EEG. Doch müsse es darum gehen, auch von intelligenten Lösungen im Ausland zu lernen, beispielsweise beim Design von Ausschreibungen oder bei Power-Purchase-Agreements (PPAs), denen sie eine große Zukunft vorhersagt. Müller sieht dies etwas skeptischer, zumindest solange eine Absicherung über das EEG besteht.
Energiewirtschaft war noch nie rein marktlich
Doch Einigkeit bestand in der Runde darüber, dass man die Energieversorgung auch künftig nicht rein dem Markt überlassen sollte, um den Dreiklang von Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit zu gewährleisten. "Ich bin der Meinung, dass wir auch den Markt hinterfragen müssen, gerade wenn wir Klimaschutz ernst nehmen", sagte Kleinekorte. "Wir haben verschiedene Ziele, die teils in Konkurrenz zueinander stehen. Wenn wir diese Ziele erreichen wollen, geht das nicht nur über den freien Markt, das ist ja klar wie Kloßbrühe", sagte Müller. Im Übrigen sei ja die Energiewirtschaft noch nie rein marktlich gewesen. (hcn)



