Woher rührt es, dass die Energiewende in Ostdeutschland tendenziell kritischer gesehen wird als in Westdeutschland? Warum mag die Energiepolitik der Ampel die Sorgen noch vergrößert haben? Und was heißt das für die Wärmewende in Deutschland? Vielleicht ist die Gemeinde Amtsberg im sächsischen Erzgebirgskreis genau der richtige Ort, um dies besser zu verstehen. Amtsberg entstand 1994 aus dem Zusammenschluss drei eigenständiger Gemeinden. Seitdem ist Sylvio Krause von der CDU hier Bürgermeister.
Bei der vergangenen Bürgermeisterwahl im Jahr 2022 erhielt Krause 93 Prozent der Stimmen. Nicht einmal zwei Jahre später gaben 38 Prozent der Amtsberger ihre Zweitstimme der AfD. Ein Gespräch mit Bürgermeister Krause, der zugleich im Aufsichtsrat des Energieversorgers Eins Energie in Sachsen sitzt, über Gasnetze, Wärmeplanung und das Klimaneutralitätsziel 2045.
Herr Krause, wie wird Ihre gut 3600 Einwohner starke Gemeinde Amtsberg im sächsischen Erzgebirgskreis derzeit mit Wärme versorgt?
Im Wesentlichen mit Erdgas und Heizöl.
Erzählen Sie gern mehr über die Erdgasversorgung.
Schon vor der Wende gab es einen geringen Anteil, der mit aus Kohle gewonnenem Stadtgas versorgt wurde. In den Jahren nach der Wiedervereinigung wurde das Gasnetz dann deutlich ausgebaut und die Versorgung auf Erdgas umgestellt. 90 Prozent unserer Gasleitungen sind nicht älter als 25 Jahre. Manche sind sogar deutlich jünger, weil Einwohner, die Anfang der 1990er-Jahre noch von Braunkohle- auf Ölheizungen umgestiegen waren, später ebenfalls zu Erdgas gewechselt sind.
Welche Wärmelösungen gibt es in Amtsberg sonst noch?
Wir haben einen Landwirt, der eine Biogasanlage betreibt. Dessen Abwärme nutzen wir seit 15 Jahren, um etwa unsere Sporthalle oder unser Feuerwehrhaus zu versorgen. Das ist aber eine Insellösung. Das lässt sich nicht allzu groß erweitern. Und dann gibt es gerade im Neubau auch Wärmepumpen, oft in Kombination mit Gas.
Auch Amtsberg muss klimaneutral werden. Wie könnte der Amtsberger Weg zur klimaneutralen Wärmeversorgung aussehen?
Das ist aus heutiger Sicht relativ schwierig zu sagen. Als das Wärmeplanungsgesetz verabschiedet wurde, haben wir uns im Gemeinderat frühzeitig damit beschäftigt. Wir sind aber schnell zur Auffassung gelangt, nicht vorne wegbrechen zu wollen.
Warum?
Uns ist noch nicht klar, welche bezahlbaren Alternativen es zur vollständigen Elektrifizierung der Wärmeversorgung gibt. Würden wir jetzt eine Wärmeplanung vorlegen, müssten wir uns aber festlegen, obwohl es viele Unbekannte gibt. Das wäre unseren Bürgern nur schwer zu vermitteln. Zumal wir erst vor 25 Jahren viel Geld in neue Gasleitungen gesteckt haben, die noch gar nicht abgeschrieben sind und theoretisch noch 50 Jahre betrieben werden könnten. Das ist 100 Prozent kommunales Vermögen, von dem wir da reden.
Nehmen wir an, die Gasnetze werden noch über viele Jahre weiter betrieben. Fakt ist: Fossiles Gas dürfte ziemlich bald ziemlich teuer werden. 2045 muss damit ohnehin Schluss sein. Was dann?
Das ist eben die große Frage. Grüner Wasserstoff wäre eine klimaneutrale Alternative. Da wissen wir aber nicht, wann dieser in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht und zu welchen Preisen. Bleibt der blaue Wasserstoff als Übergangslösung ...
... der umstritten ist, weil er mithilfe von Erdgas gewonnen wird.
Blauer Wasserstoff ist kein Teufelszeug. Die Abscheidung und Verpressung von Kohlendioxid wird in anderen Ländern durchaus schon praktiziert. Allerdings ist auch bei blauem Wasserstoff fraglich, wann wie viel zu welchem Preis verfügbar sein wird. Entsprechend schwierig ist es, Wasserstoff schon jetzt in unsere Wärmeplanung einzubauen. Wir hoffen, dass es mit der geplanten Reform des Gebäudeenergiegesetzes hier ein Stück mehr Spielraum gibt.
"Dass unser Gasnetz komplett zukünftig weiterbetrieben wird, stelle auch ich infrage."
Aber ist es nicht fatal, jetzt stillzuhalten und zu hoffen, dass das komplette Gasnetz irgendwann mit Wasserstoff weiterversorgt werden kann?
Da verstehen Sie mich falsch. Dass unser Gasnetz komplett zukünftig weiterbetrieben wird, stelle auch ich infrage. Dort, wo es sinnvolle Alternativen gibt, können Gasnetze auch zügig stillgelegt werden. Die Investitionskosten in alternative Lösungen müssen aber immer im Verhältnis stehen zu dem, was in der Erde liegt.
Was spricht denn gegen eine Fernwärmelösung oder eine Elektrifizierung der Wärmeversorgung in Ihrer Gemeinde?
Wir haben hier im Erzgebirge weitestgehend Straßendörfer. Da gibt es langgezogene Straßen und rundherum viel Wald. Wir haben kaum konzentrierte Bebauung, wo man sagen könnte: Da kann man mal eine bezahlbare Fern- oder Nahwärmeversorgung aufbauen – zumindest nicht im großen Stil. Klar, wir könnten die Wärmeversorgung elektrifizieren. Dann sind wir allein in Amtsberg bei geschätzten Kosten in Höhe von mehr als 20 Millionen Euro. Das sind Größenordnungen, die in der Kürze der Zeit meines Erachtens flächendeckend nicht zu realisieren sind, weder finanziell noch bautechnisch.
Warum denn nicht? Können Sie das konkretisieren?
Brechen wir es auf die Anschlussleistung pro Eigenheim herunter. Im Altbau sind wir derzeit bei 15 Kilowatt, in Neubaugebieten bei vielleicht 20 bis 21 Kilowatt. Wollen wir die Wärmeversorgung komplett elektrifizieren, müssen wir aber pro Eigenheim auf bis zu 45 Kilowatt kommen. Wir sprechen also von einer Verdopplung bis Verdreifachung der Leistung. Dazu kommt die Frage der Netzauslastung.
Inwiefern?
Bei uns gibt es immer mehr Häuser, die sich zunehmend selbstständig mit Strom versorgen. Sie haben ihre eigenen Photovoltaikanlagen und sind zu drei Viertel des Jahres bereits autark. Das heißt, dass der Ausbau der Stromnetze gegen den Hausbedarf läuft. Die Stromnetze sind für sie also nur noch die Brandmelder für den Fall der Dunkelflaute. Dafür muss der Stromversorger dann seine 45 Kilowatt vorhalten. Kosteneffizient ist das nicht. Und gerecht auch nicht. Denn die Netzentgelte zahlen dann vor allem diejenigen, die sich keine Photovoltaikanlagen leisten oder als Mieter errichten können und ihren Strom komplett vom Netz beziehen.
Nehmen wir an, Amtsberg bleibt länger in der fossilen Welt als bundespolitisch gewünscht. Was würde das für ein Signal senden?
Ich würde es gern umdrehen. Nehmen wir an, wir legen unsere Gasnetze tatsächlich zügig still, um möglichst schnell klimaneutral zu werden. Was würde das dem globalen Klima bringen? Wir reden nicht davon, dass wir das Riesaer Stahlwerk [eines der größten Stahlwerke in Deutschland, Anm. d. Red.] von der Gasleitung trennen. Ich würde mir hier mehr Pragmatismus wünschen.
Nämlich?
Wir in Deutschland neigen gern dazu, gleich auf 100 Prozent zu gehen, koste es, was es wolle. Dabei wären wir schon sehr weit, wenn unsere Großstädte, wo Fernwärmelösungen einfacher zu verwirklichen sind, bis 2045 klimaneutral werden. Wobei auch hier gilt, dass die letzten zehn Prozent die teuersten sein werden.
Dann können wir immer noch schauen, wo es im ländlichen Raum sukzessive wirtschaftlich tragfähig ist, die nächsten Schritte zu gehen. Dort allerdings, wo noch relativ neue Gasleitungen liegen, sollte man mehr Zeit einräumen, auch wenn natürlich die Gefahr besteht, dass immer weniger Abnehmer immer höhere Kosten schultern müssen. Aber dafür sollte auch der Staat bereitstehen. Stadt und Land dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
"Ein Putin produziert nicht einen Kubikmeter weniger Gas, nur weil wir in Amtsberg kein Gas mehr abnehmen."
Sie sind also gegen eine strikte Klimaneutralität in Deutschland 2045?
Ich bin der Meinung, dass man mit einem 80-Prozent-Ziel wahrscheinlich wirtschaftlich und preislich mehr erreicht, als wenn man stur mit 100 Prozent durch das Ziel gehen will. Es wäre schön, wenn es anders wäre. Aber ein Wladimir Putin oder ein Emir von Katar produziert nicht einen Kubikmeter weniger Gas, nur weil wir in Amtsberg kein Gas mehr abnehmen. Die Frage ist eher, wer es dann verbrennt.
Was heißt das für die Amtsberger Wärmeplanung?
Ich würde mir wünschen, dass kleinere Kommunen mehr Zeit bekommen, um ihre Wärmepläne vorzulegen. Denn was bringt es, bis 2028 im letzten Erzgebirgsdorf eine Wärmeplanung zu haben, die viel zu viele Eventualitäten enthält oder sich auf etwas verengt, was sich als unrealistisch oder kurzfristig viel zu teuer herausstellt? Ein Stück mehr Flexibilität würde uns schon helfen.
Wie sehr sind Sie eigentlich bei all dem Getriebener der AfD, die bei der Bundestagswahl 38 Prozent der Stimmen in Amtsberg holte?
Wir haben in Amtsberg drei AfD-Gemeinderäte. Probleme bereiten die uns aber auf kommunaler Ebene nicht. Klar: Die AfD lehnt die Wärmewende ab. Das stößt in Teilen der Bevölkerung auch auf Zuspruch, weil man dabei erst einmal an den eigenen Geldbeutel denkt. Sie müssen sich vorstellen, dass viele Amtsberger in den vergangenen Jahren die nach der Wiedervereinigung gekauften Thermen durch neue Gas- und Ölheizungen ersetzt haben. Natürlich wollen sie diese nun auch wieder 30 Jahre betreiben. Wenn man dann aus Berlin hört, dass die Gasnetze schnell zurückgebaut werden sollen, gewinnt man damit in Amtsberg natürlich nicht viele Stimmen.
"Aus meiner Sicht ist das weniger ein Wählen für eine AfD als vielmehr ein Wählen gegen die Etablierten."
Wie stark hat die Heizungsdebatte Menschen in Amtsberg bei der vergangenen Bundestagswahl zur AfD getrieben?
Thema Nummer eins war die Migration. Aber dann kam schon das Thema Energie. Das Hin und Her beim Gebäudeenergiegesetz ist hier auf viel Widerspruch gestoßen. Da hat die AfD definitiv Wähler an sich gebunden. Aus meiner Sicht ist das aber weniger ein Wählen für eine AfD als vielmehr ein Wählen gegen die Etablierten.
Zugleich stoßen auch Ansichten, wie Sie sie darlegen, in Teilen der Energiebranche auf Unverständnis.
Ich bin durch meine Funktion in der Thüga-Gruppe in den vergangenen Jahren viel herumgekommen und war mit vielen Stadtwerke-Chefs im Austausch. In den letzten zwei Jahren habe ich dort einen Wandel festgestellt. Immer mehr Verantwortliche trauen sich, das Energiewende-Tempo und die Verengung auf Strom kritisch zu hinterfragen und mehr Technologieoffenheit zu fordern. Einiges davon hat sich nun auch im Koalitionsvertrag niedergeschlagen. Das gibt mir Hoffnung.
Wobei ich hier noch einmal betonen will: Nicht das Ziel ist unser Problem. Ein klimaneutrales Deutschland ist ein hehres Ziel, das auch ich für richtig halte. Die Frage ist das Wie. Wir müssen die Menschen bei diesem Transformationsprozess mitnehmen, wenn Energie unbezahlbar wird, wenden sich die Leute ab und wählen gegebenenfalls die, die das Ziel schnell einstampfen würden. Augenmaß ist gefordert.
Das Interview führte Andreas Baumer
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