Nach den Landwirten bekommen nun die Kraftwerksbetreiber am Rhein und Neckar die Kehrseite des Supersommers zu spüren. In Baden-Württemberg drohte gleich mehreren Kohle- und Atomkraftwerken die Zwangsabschaltung, da das Kühlwasser schlichtweg zu warm ist, um es in die nahegelegenen Flüsse zu leiten. Eine Ausnahmegenehmigung des Umweltministeriums in Stuttgart sichert nun vorerst den Weiterbetrieb.
Kraftwerksbetreiber nutzen die umliegenden Flüsse für den Bezug ihres Kühlwassers und leiten es nach erfolgreichem Kühlprozess aufgeheizt wieder zurück. Laut europäischer Oberflächengewässerverordnung ist das nur erlaubt, solange die Gewässertemperatur nicht mehr als 28 Grad überschreitet. Bereits vergangenen Donnerstag warnte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) vor steigenden Temperaturen im Rhein und seinen Nebenflüssen.
Überschreitung gefährdet Gewässerökologie
Bevor den Versorgern die Abschaltung droht, haben sie für insgesamt sieben Standorte (Grosskraftwerk Mannheim, Kernkraftwerk Philippsburg, Rheinhafen-Dampfkraftwerk Karlsruhe, Heizkraftwerk Stuttgart-Münster, Kernkraftwerk Neckarwestheim, Kohlekraftwerk Heilbronn, Kohlekraftwerk Altbach) einen Antrag gestellt, der den Betrieb auch nach Überschreiten der 28-Grad-Marke ausnahmsweise erlaubt. „Die Lage ist zwar angespannt, nach aktuellem Stand können die zuständigen Wasserbehörden die Ausnahmen aber erteilen“, erklärte Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) am Freitag (27. Juli). Die Ausnahmen seien kurzzeitig befristet und werden von einem strengen Gewässermonitoring begleitet, um bei ökologischen Risiken sofort reagieren zu können.
Holger Sticht, BUND-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen dürfte, die Ausnahme kritisch sehen: „Spätestens ab 28 Grad ist mit Schädigungen der Gewässerbiologie zu rechnen“. Die Kombination aus Niedrigwasser im Rhein und der anhaltenden Hitze stören Fische in ihrem Paarungs- und Ablaichverhalten. Werde das Temperaturniveau erreicht oder überschritten, müssten die vorbereiteten Managementpläne zum Herunterfahren der Kraftwerke aus den Schubladen der Länderbehörden und Energieversorger geholt werden, so Sticht.
RWE und Steag schalteten kurzfristrig ab
Die ersten Kraftwerke in NRW gingen bereits vergangene Woche vom Netz. Der RWE-Standort Hamm wurde über das Wochenende heruntergefahren, denn durch den geringen Wasserpegel im Rhein konnten die Transportschiffe nicht für Kohlenachschub sorgen. Im benachbarten Bergkamen musste das Steag-Kraftwerk abgeschaltet werden, da die Wassertemperatur in den Kühltürmen zu hoch gewesen war.
Ein erfreuliches hat die Hitzewelle allerdings: In Baden-Württemberg kann der Strombedarf in diesen Tagen bis zu 40 Prozent über Photovoltaik gedeckt werden. „Die aktuelle Hitzeperiode liefert daher einen weiteren Beleg dafür, wie wichtig es ist, dass wir uns von den konventionellen Kraftwerken unabhängiger machen und die erneuerbaren Energien weiter ausbauen. Schließlich benötigen Windkraft- und Photovoltaikanlagen keine Flusskühlung“, sagte Untersteller. (ls/dpa)



