Stefan Kapferer ist seit Ende 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz.

Stefan Kapferer ist seit Ende 2019 Vorsitzender der Geschäftsführung des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz.

Bild: © 50Hertz

In der Analyse sind wir uns einig: Wir brauchen dringend neue Kraftwerke, die jederzeit gesicherte Leistung bereitstellen können, und wir brauchen Flexibilitäten und Lastmanagement. Über die Kraftwerksstrategie will die Bundesregierung den Zubau von 13 Gigawatt ermöglichen. Klar ist: Diese Kapazitäten werden nicht reichen. Bis Ende 2030 müssen insgesamt etwa 21 Gigawatt an gesicherter Leistung zur Verfügung stehen, um die Versorgungs- und Systemstabilität zu gewährleisten und gleichzeitig den Kohleausstieg zu ermöglichen.

Deshalb ist es richtig, dass die Bundesregierung spätestens 2028 einen Kapazitätsmechanismus starten will, der Investoren ausreichende Anreize bietet, in steuerbare Kapazitäten zu investieren. Über die Frage, wie dieser Kapazitätsmarkt ausgestaltet werden sollte, läuft derzeit eine intensive Debatte. Viele verschiedene Modelle sind denkbar, und es gibt für einige der Ansätze durchaus gute Argumente.

„Kapazitätsmärkte sollten volkswirtschaftlich effizient sein – also Überförderung möglichst vermeiden.“

Vier zentrale Punkte sollten Kapazitätsmechanismen adressieren:

Erstens: Sie sollten verlässlich das zentrale Ziel erreichen: Versorgungs- und Systemstabilität zu jedem Zeitpunkt. Besonders wichtig aus Netzsicht ist zudem, dass neue Kraftwerke an netzdienlichen Standorten gebaut werden, vor allem in Süddeutschland, aber auch in Ostdeutschland.

Zweitens: Angesichts des Zeitdrucks sollten Ansätze gewählt werden, die schnell umsetzbar sind. Dies gilt insbesondere mit Blick auf die notwendige aber zeitaufwändige beihilferechtliche Genehmigung durch die Europäische Kommission.

Drittens sollten Kapazitätsmärkte technologieoffen sein. Neben Kraftwerken sollten beispielsweise auch Flexibilitätsoptionen wie etwa Energiespeicher oder Lastmanagement eine Chance bekommen. Dies ist im Übrigen auch Voraussetzung für eine Genehmigung eines Kapazitätsmechanismus durch die Europäische Kommission.

Viertens sollten Kapazitätsmärkte volkswirtschaftlich effizient sein – also Überförderung möglichst vermeiden. Es sollte nicht mehr an gesicherter Leistung angereizt werden, als tatsächlich benötigt wird.

„Auch die Erfahrungen mit dem belgischen zentralen Kapazitätsmarkt zeigen: Flexibilitätsoptionen können auch in einem zentralen Modell zum Zuge kommen.“

Ansätze, die auf dem Prinzip eines zentralen Kapazitätsmarktes basieren, erfüllen diese Kriterien:
Eine zentrale Variante gewährleistet über Ausschreibungen, dass die benötigte Menge an gesicherter Stromerzeugungsleistung auch tatsächlich zugebaut wird und genau dann sicher zur Verfügung steht, wenn sie gebraucht wird. Ausschreibungen können langfristig Anreize für Investitionen in gesicherte Leistung im ausreichenden Ausmaß und an den systemisch sinnvollen Standorten setzen.

In einem rein dezentralen Modell hingegen wäre das Risiko höher, dass die tatsächlich benötigte Menge an gesicherter Leistung nicht erreicht wird. Dies zeigen auch Erfahrungen aus Frankreich. Dort sollten Lieferanten mit ihren eigenen Prognosen bessere Schätzungen liefern als eine zentralisierte Mengenfestlegung. In der Praxis hat dies jedoch nicht funktioniert. Es besteht eher die Gefahr der Unterdeckung. Frankreich bewegt sich daher vom dezentralen Mechanismus Richtung Zentralisierung.

Die Ausschreibungen in einer zentralen Variante lassen sich außerdem so ausgestalten, dass auch Anbieter mit ihren jeweiligen Technologien und Lösungen mitbieten können. Auch die Erfahrungen mit dem belgischen zentralen Kapazitätsmarkt zeigen: Flexibilitätsoptionen können auch in einem zentralen Modell zum Zuge kommen. Natürlich ist das belgische Modell nicht eins zu eins auf Deutschland übertragbar. Aber es enthält sehr wohl Flexibilitätsoptionen. Daran kann sich Deutschland durchaus orientieren.

„Neben Belgien und dem Vereinigten Königreich haben sich auch Italien und Polen für zentrale Kapazitätsmärkte entschieden.“

Belgien zeigt auch, wie sich einer Gefahr der Überdimensionierung eines zentralen Kapazitätsmarkte begegnen ließe: Dort wird der Bedarf durch einen Konsultationsprozess festgelegt. Auch Ansätze aus Großbritannien zeigen, dass sich Risiken der Überdimensionierung minimieren lassen.

Neben Belgien und dem Vereinigten Königreich haben sich auch Italien und Polen für zentrale Kapazitätsmärkte entschieden. Die Wahl eines Modells für Deutschland, das auf einem vergleichbaren Ansatz basiert, würde deshalb die Chance erhöhen, das beihilferechtliche Verfahren mit der EU-Kommission kompakt zu halten. Entscheidend bei der Debatte um den richtigen Kapazitätsmechanismus ist jetzt Tempo. Wir sollten aufpassen, dass ein komplexes deutsches Modell in der Umsetzung nicht zu viel Zeit kostet.

Die Bundesregierung steht angesichts des hohen Komplexitätsgrades vor der anspruchsvollen Aufgabe, einen praxistauglichen und schnell umsetzbaren Ansatz auf den Weg zu bringen.

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In der Oktober-Ausgabe der ZfK lesen Sie auf Seite 3 ein Pro & Contra zum künftigen Kapazitätsmarktmodell mit Gastbeiträgen von Stefan Kapferer, Vorsitzender der Geschäftsführung von 50Hertz, und Carsten Liedtke, Sprecher des Vorstands des SWK-Konzerns mit Sitz in Krefeld. Zum Abo geht es hier.

Der ausführliche Gastbeitrag von SWK-Chef Carsten Liedtke zum Thema Kapazitätsmarkt erscheint am Freitag (18. Oktober) auf zfk.de und am Montag (21. Oktober) im ZfK-Morning Briefing.

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