Das in Deutschland verbrauchte Gas soll in Zukunft grüner werden.

Das in Deutschland verbrauchte Gas soll in Zukunft grüner werden.

Bild: © KI-generiert

Die Eckpunkte des neuen Heizungsgesetzes sorgten für ein regelrechtes Beben in der Branche. Viel diskutiert wurde der Wegfall der 65-Prozent-Vorgabe bei neu eingebauten Heizungen. Der zukünftige Weg in Richtung Klimaneutralität soll wohl über die Beimischung von grünen Gasen führen. Dafür haben die Fraktionsspitzen der Regierungskoalition Grüngasquote und Biotreppe angekündigt. Wir haben bei Gerald Linke vom Gasverband DVGW eine Einschätzung der Schritte erfragt.

Herr Linke, sind grüne Gase die Heizlösung der Zukunft?  

Wir müssen uns dem Riesen zuwenden, den Molekülen, und für sie eine Dekarbonisierungsstrategie entwickeln. Los werden wir sie nicht. Der Technologiemix ist eine riesige Chance für die deutsche Wirtschaft, für den Wärmemarkt und für den Individualverbraucher. 

Sie erwähnten den hohen Wirkungsgrad beim Einsatz grüner Gase in Heizungsanlagen. Wie groß ist die Differenz zur dezentralen Verstromung, wie sie heute bei vielen Biogasanlagen praktiziert wird? 

Wenn man zuerst Gas verbrennen muss, um Strom zu erzeugen, der dann wiederum zur Wärmegewinnung genutzt wird, entstehen dort erhebliche Wirkungsgradverluste. Sinnvoll ist daher, immer mehr Strom direkt aus erneuerbaren Primärenergien zu gewinnen, um ihn verlustarm einzusetzen. Aber so weit sind wir noch nicht. 

Bei Wärme aus Gas braucht es keine Zwischenwandlung, die Energie kann direkt genutzt werden. Wir holen damit schlicht mehr aus dem Biomethan heraus. Der Wärmemarkt insgesamt ist der absolut größte Energieverbraucher Deutschlands, rund ein Drittel unserer Energie fließt in Wärme. Der Heizungssektor allein verbraucht mehr als 600 Terawattstunden pro Jahr. Das lässt sich nicht allein durch Elektrifizierung decken. An einem kalten Wintertag ziehen alle Gasheizungen in Deutschland zusammen eine Leistung von 300 Gigawatt. Im Stromsektor haben wir aber nur 70 bis 80 Gigawatt. Das zeigt die enorme Netzbelastung, die auf uns zukäme, wenn wir den rein elektrischen Weg einschlügen. 

Die Eckpunkte lassen die konkrete Ausgestaltung der Biotreppe noch offen. Kritiker warnen aber bereits davor, dass man zu wenig grüne Gase habe. 

Heute sind im Netz bereits rund elf Terawattstunden aufbereitetes Biomethan verfügbar, chemisch identisch mit Erdgas. Zehnmal so viel haben wir insgesamt als Biogas, aber verteilt in bäuerlichen Anlagen, die derzeit nicht effizient eingesetzt werden. Wenn wir annehmen, dass pro Jahr 400.000 neue Gasheizungen eingebaut werden und diese zehn Prozent Biomethan erhalten sollen, ergibt das einen Bedarf von 0,6 Terawattstunden pro Jahr. Mit den elf Terawattstunden, die uns heute schon zur Verfügung stehen, hätten wir eine Reichweite von 18 Jahren. Bezieht man das gesamte verfügbare Biogas ein, ließe sich jede neue Heizung der nächsten 20 Jahre klimaneutral stellen.  

Gerald Linke, Vorstandsvorsitzender des DVGWBild: © DVGW

Gerald Linke

Vorstandsvorsitzender des DVGW

Wie sieht es mit den Bestandsanlagen aus? Am Ende geht es um Klimaneutralität im gesamten Wärmesektor. 

Mit weiteren Anstrengungen – Biogas aus Abfällen, synthetische Gase aus biogenem CO₂ und Wasserstoff, dazu Lieferpartnerschaften mit Dänemark und der Ukraine – sehe ich ein Potenzial von über 300 Terawattstunden. Das würde reichen, um den gesamten heutigen Wärmesektor auf Gasbasis klimaneutral umzustellen. 

Wäre es nicht mit extremen Kosten verbunden, die bäuerlichen Anlagen ans Gasnetz anzuschließen?  

Eine Netzanbindung einzelner Höfe wäre tatsächlich teuer, aber genau deshalb setzen wir auf das Konzept der Clusterung, bei dem mehrere benachbarte Anlagen gemeinsam aufbereiten und einspeisen – so lassen sich die Investitionskosten um bis zu 80 Prozent senken. Wenn die EEG‑Förderung ausläuft, brauchen viele Betreiber ohnehin ein neues Geschäftsmodell, und Biomethan bietet hier eine wirtschaftliche Perspektive. Mit modernen Sammelleitungen, einer gemeinsamen Aufbereitungstechnik und dem stärkeren Einsatz von Reststoffen können die Kosten für Biomethan künftig deutlich sinken. In vielen Regionen – rund 70 Prozent der Landkreise – wäre dieses Modell heute schon möglich.

Was halten Sie für realistische Stufen bei der Biotreppe? 

Ich kann nur davor warnen, jetzt eine Kurve festzulegen, die exponentiell auf 100 Prozent Biogas im Jahr 2045 zuläuft. Sinnvoller ist ein moderater Zwischenschritt: 30 Prozent in zehn Jahren.  

Zögert man so nicht nur das Unvermeidbare hinaus?  

Nein, denn in zehn Jahren werden wir eine ganz andere Situation vorfinden. Dann kommt nämlich ein weiterer Player ins Spiel: der Wasserstoff. Beide Energieträger lassen sich ineinander umwandeln. In zehn Jahren können wir erst ernsthaft bewerten, wie weit wir mit dem eingeschlagenen Weg wirklich gekommen sind, und das letzte Stück mit Wasserstoff abschließen. 

Hinzu kommt: Die Häuser werden weiter modernisiert, der Wärmebedarf sinkt. Der 30-Prozent-Biogasanteil entspräche dann real vielleicht schon 50 Prozent des tatsächlichen Bedarfs. Das wäre ein guter Haltepunkt, und wir hätten noch zehn Jahre bis 2045, um das Ziel mit Wasserstoff zu erreichen. 

Die aktuelle Debatte dreht sich fast ausschließlich um Biomethan. Der Wasserstoffhochlauf scheint dabei ins Hintertreffen zu geraten. Wie sehr bedauern Sie das? 

Lassen Sie uns realistisch bleiben, der Hochlauf ist bereits Realität. Das Wasserstoffkernnetz wird in den frühen 2030er-Jahren fertig sein. Im vergangenen Jahr wurden bereits erhebliche Strecken errichtet. Ein Leitungsabschnitt von Gascade mit 400 Kilometern Länge wurde beispielsweise 2025 umgewidmet und ist schon mit Wasserstoff gefüllt. Das ist ein eindrucksvoller Schritt im Transformationsprozess.  

Aber Infrastruktur braucht ihre Zeit. Die Euphorie über das Kernnetz weckt Erwartungen, die sich an der Realität messen müssen. Am Anfang eines solchen Hochlaufs sind die Preise hoch, das Netz ist noch nicht fertig, und unsere potenziellen Lieferpartner aus sonnenreichen Ländern haben sich noch nicht ausreichend darauf eingestellt. Das drückt auf die Investitionsbereitschaft. 

Das Zusammenspiel von Biotreppe und grüner Gasquote war in den Eckpunkten noch nicht klar definiert. Was wäre das richtige Verhältnis? 

Die Quote muss die übergeordnete Größe sein: Sie darf nie kleiner sein als die Treppe, die ja nur den Wärmemarkt abbildet. Es wäre unsinnig, gleichzeitig eine Treppe und eine Quote zu fordern, die am Ende mehr als 100 Prozent des Energiebedarfs dekarbonisieren würden. Das Biogaspotenzial ist bei etwa 300 Terawattstunden gedeckelt – die Quote kann und muss darüber hinausgehen, schon deshalb, weil wir neben dem Wärmemarkt auch Gaskraftwerke bauen, die Kohlekraftwerke ersetzen.  

Ich rechne damit, dass der Gasbedarf im Jahr 2045 eher bei 1000 als bei heute 850 Terawattstunden liegt. Wenn die Quote im Zieljahr auf 100 Prozent zielt, ist das eine Selbstverpflichtung, den Wasserstoffhochlauf nach 2030 tatsächlich zu liefern. Eine niedrigere Quote anzusetzen, würde bedeuten, die Klimaziele nicht ernst zu nehmen.  

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