
Herr Linke, kommen wir gut durch den Winter?
Wir sind für den kommenden Winter sehr optimistisch gestimmt: Unsere Speicher sind zu fünfundneunzig Prozent gefüllt, außerdem weisen wir derzeit einen Gasnettoimport von 2,5 TWh täglich auf. Legen wir diesen zugrunde und rechnen ihn auf ein Jahr hoch, kommen wir auf 910 TWh. Damit liegen wir nur leicht unter den Bezugsmengen aus dem Vorjahr. Hinzu kommen wahrscheinlich noch über 150 TWh aus LNG-Importen an den Standorten Brunsbüttel, Wilhelmshaven und Lubmin. Sollte der Import um etwa 20 Prozent sinken, müssten wir allerdings 15 Prozent Gas sparen, um problemlos bis in den April zu kommen.
Gilt das auch im Falle eines besonders harten Winters?
Dazu haben wir Simulationen durchgeführt. Mithilfe von Daten der Bundesnetzagentur haben wir durchschnittliche Temperaturen und Gasverbräuche aus den letzten vier Jahren verglichen. Auf dieser Grundlage haben wir auch den Maximalabsatz von Gas für den kommenden Winter errechnet. Hier kam heraus, dass wir auch bei einem harten Winter gut durchkommen, sofern wir 15 Prozent einsparen und der Gasnettoimport bei 2,5 TWh bleibt.

Die Bundesregierung setzt stark auf LNG-Importe. Reicht das aus Ihrer Sicht aus oder braucht es weitere Gasquellen?
Wir schätzen die Gesamtkapazität von LNG-Importen auf über 330 TWh. Zu den 150 TWh aus diesem Jahr kommen also noch weitere Lieferungen in 2023 und 2024 hinzu. Aus Russland hatten wir vor dem Krieg in der Ukraine 500 TWh jährlich bekommen. Dieser Zielmarke näheren wir uns erst mittelfristig an. Das zeigt, dass LNG-Importe das richtige Mittel sind, wobei es bei den Liefermengen noch Potenzial nach oben gibt.
In einem der Terminals in Wilhelmshaven soll vor Jahresende noch LNG eintreffen. Halten Sie das für realistisch?
Davon gehe ich fest aus. Der Baufortschritt schreitet schneller voran als geplant. Das sind gute Nachrichten. Wahrscheinlich können wir schon vor dem geplanten Termin die ersten LNG-Lieferungen ins Netz integrieren.
Sind die LNG-Terminals aus Ihrer Sicht ohne Weiteres für Wasserstoff nutzbar? Umweltschützer kritisieren, dass wir bereits neue "stranded assets" schaffen.
Die Pipelines und die sogenannten Jetties – also die Infrastruktur bis zum Schiff – können in Wilhelmshaven und Brunsbüttel bereits heute für den Import von Wasserstoff genutzt werden. In Lubmin wird eine Plattform gebaut, die auch für den Transport von reinem Wasserstoff nutzbar ist. Uniper plant außerdem, ein Ammoniak-Terminal zu bauen, wodurch Wasserstoff in gebundener Form transportiert würde. Beim flüssigen Wasserstoff sind wir noch weit davon entfernt, die nötige Infrastruktur zu bauen. Aber auch die Schiffe hierfür fehlen noch in der nötigen Größe. Ich kann mir vorstellen, dass wir aus Norwegen Druckwasserstoff mit 300 Bar bekommen. Pioniere wie Tree Energy Solutions (TES) setzen zum Beispiel darauf, Wasserstoff in synthetisches Methan umzuwandeln. Anschließend kann daraus Wasserstoff gewonnen werden.
Nord Stream 1 & 2 sind bekanntlich beschädigt worden. Fürchten Sie weitere Angriffe auf Gaspipelines?
Das kann nicht ausgeschlossen werden, auch wenn uns aktuell keine konkreten Bedrohungsszenarien bekannt sind. Hundertprozentige Sicherheit wird es nie geben, jede Form von kritischer Infrastruktur – egal ob Bahntrassen, Stromleitungen oder eben die Gasinfrastruktur – können potenzielle Ziele für vorsätzliche Beschädigungen sein. Ein veritabler Anschlag auf die Versorgungsadern jedenfalls würde die Bundesrepublik empfindlich treffen.
Das Territorium, in dem sich die Anschläge auf Nord Stream 1 und 2 abgespielt haben, fällt nicht unter deutsches Hoheitsgebiet. Man könnte also argumentieren, dass wir hier im eigenen Land Herr der Dinge sind. Aber ich bin skeptisch, denn wir haben auch Anschläge auf das Leitsystem der Deutschen Bahn gesehen, auch wenn hier offenbar noch Unklarheit darüber herrscht, wer dafür verantwortlich ist. Die Transportnetzbetreiber und die Unternehmen in der deutschen Energiewirtschaft haben aufgrund der Nord Stream-Attacken ihren Objektschutz nochmals verstärkt. Zentrale Anlagen wie Verdichter- und Regelstationen sind entweder mit Sicherheitspersonal besetzt oder sie sind durch Zäune oder Detektionsanlagen geschützt. Die Transportleitungen sind in unserem Land durchgängig erdverlegt. Hier müssten Angreifer zunächst die Leitungen finden und eine Mindesterdüberdeckung von einem Meter abtragen und dann schließlich Stahl einer Stärke von ein bis zwei Zentimetern durchdringen. Die Leitungen sind für enorme Kräfte ausgelegt, denken Sie an den Innendruck von 100 Bar.
Aber die Infrastruktur ist natürlich exponiert. Sie zieht sich durch die gesamte Bundesrepublik und wir wissen nicht, wo ein Gegner angreifen könnte. Aus meiner Sicht muss die Bundesregierung solchen Gefahren mit nachrichtendienstlichen Aktivitäten begegnen. Andere Länder machen uns das vor, beispielsweise Israel. Auch die Infrastruktur Israels ist einer permanenten Gefahr ausgesetzt. Die Regierung dort ist besser informiert, um Anschläge zu verhindern.
Unlängst wurde bekannt, dass die Polizei den Schutz des Flüssiggasterminals in Wilhelmshaven verstärkt. Hintergrund ist eine "abstrakte Gefährdungslage". Bereitet Ihnen das Sorgen?
In Wilhelmshaven sprechen wir hier von FSRUs, die offshore verankert sind. Die Lieferungen werden mit einzelnen Cargos angeliefert. Diese Einheiten sind mobil und deshalb schwerer zu attackieren. Wenn ein Cargo zerstört wird, finden wir im globalen Markt außerdem schnell ein zweites. Die stationären FSRUs müssen natürlich verstärkt geschützt werden. Wir müssen auf alles vorbereitet sein. Am Ende befinden wir uns in einem Wirtschaftskrieg mit Russland und der kann auch absurde Züge annehmen, die wir bisher nicht erwarten. Wir sind in den letzten Monaten häufiger überrascht worden.
Wie sicher sind die bestehenden Gasnetze innerhalb von Deutschland? Sind Ihnen ähnliche Sicherheitsmaßnahmen wie zum LNG-Terminal in Wilhelmshaven bekannt? Müssten die Sicherheitsbehörden aus Ihrer Sicht mehr tun, um die Infrastruktur zu schützen?
Die größte Chance sehe ich hier, prophylaktisch zu agieren. Man muss früher an Informationen gelangen, ob Anschläge geplant sind. Wir haben natürlich auch immer die Möglichkeit zu reagieren. Bei Pipelines ist es vergleichsweise einfach, ein Stück auszutauschen. Offshore sind der hohe Druck und die Wassertiefe jedoch das Problem. Onshore werden bei Bedarf defekte Leitungsarmaturen oder ältere Sektionen ausgetauscht, das passiert sogar im laufenden Betrieb.
Nimmt die Politik den Schutz der Gasinfrastruktur in Deutschland aktuell ernst genug?
Das ist eine Frage, die Sie an das zuständige Ministerium richten müssen. Ich muss selbstverständlich davon ausgehen, dass sich die Sicherheitsbehörden der Lage bewusst sind und alles tun, was in ihrer Möglichkeit steht, um Deutschland und die Versorgungsadern zu schützen. Aber die Kommunikation könnte zweifelsohne besser sein. Und ich wundere mich schon, dass es keine Konsequenzen zu den Androhungen der Initiative "Fridays for Sabotage" vor einem Jahr gab. Diese Gruppierung hatte erklärt, Öl- oder Gas-Pipelines attackieren zu wollen. Sie haben auch dazu aufgefordert, ihnen nachzueifern.
Ich kenne keine Maßnahme der Bundesregierung, die darauf in irgendeiner Form reagiert hat. Bis auf die Ankündigung, diese Angriffe mit härtesten Mitteln verfolgen zu wollen. Jetzt geht es aber um mehr: Nicht nur darum, dass Privat- beziehungsweise Unternehmenseigentum zerstört wird, sondern um unser aller Wohl und unsere Versorgungssicherheit. Jedem sollte klar sein, dass solche Attacken nicht darauf abzielen, einem Unternehmen zu schaden, sondern tatsächlich Angst und Schrecken in die einzelnen Häuser zu tragen und die Bevölkerung zu verunsichern. Und das sollte eine Bundesregierung sehr ernst nehmen und die Nachrichtendienste zur Aufklärung stärker einsetzen.
Die Fragen stellte Julian Korb.
Hinweis: Auf Seite 16 der November-Ausgabe der ZfK finden Sie einen Beitrag mit Herrn Linke zu aktuellen Hürden des Wasserstoffhochlaufes. Zum E-Paper geht es hier.



