Von Carsten Liedtke, Sprecher des Vorstands des SWK-Konzerns mit Sitz in Krefeld
Durch den Ausbau der Erneuerbaren und den Rückbau konventionell steuerbarer Erzeuger verändern sich die Erfordernisse für die Versorgungssicherheit massiv. Durch die zunehmende Elektrifizierung steigt die Spitzenlast, während gleichzeitig durch den Ausstieg aus Atom- und Kohleenergie die gesicherte Leistung sinkt. Versorgungssicherheit bleibt für uns oberste Priorität. Bezahlbare Preise und Klimaneutralität ergänzen das Zieldreieck.
Unumstritten ist, dass wir diesem Ausstieg mit dem Einstieg in neue steuerbare Kraftwerke begegnen müssen. Das ist für Energieversorger eine Herausforderung. Bisher erwirtschaften Kraftwerke in der Regel nur dann Geld, wenn sie Strom produzieren. Deshalb reicht der Energy-Only-Markt nicht mehr aus. Es braucht zusätzlich einen Kapazitätsmechanismus.
Nicht nur die Produktion von Strom, sondern bereits das Vorhalten von Kraftwerkskapazitäten muss honoriert werden. Sonst fehlt der Anreiz, Kraftwerke zu errichten, die in Zeiten, in denen Sonne und Wind nicht ausreichend Energie liefern, kurzfristig einspringen können. Die Rahmenbedingungen für den Kapazitätsmarkt muss der Staat setzen. Er trägt Verantwortung für eine sichere Energieversorgung.
„In Zukunft muss sichergestellt sein, dass sowohl auf der Angebots- wie auch auf der Nachfrageseite eine Vielzahl an Marktteilnehmern in der Lage ist, sich lastflexibel zu verhalten.“
Das Gesamtsystem wird durch die Energiewende nicht einfacher. Um Versorgungssicherheit in einem dezentralen, dekarbonisierten Stromsystem zu gewährleisten, reicht es nicht mehr aus, eine bestehende, unflexible Nachfrage möglichst exakt mit einem steuerbaren Erzeugungspark auszugleichen. In Zukunft muss sichergestellt sein, dass sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite eine Vielzahl an Marktteilnehmern in der Lage ist, sich lastflexibel zu verhalten.
Damit alle Marktteilnehmer, auf der Angebots- wie auf der Nachfrageseite, diesen Anreiz haben, sprechen wir uns für einen kombinierten Kapazitätsmarkt aus, der sowohl zentrale Elemente für den Kraftwerkszubau als auch dezentrale Elemente zur Einbindung der Nachfrager enthält.
Bei dezentralen Kapazitätsmärkten wird die Kapazitätsvorsorge über eine individuelle Absicherung der Versorgungssicherheit organisiert. Die Nachfrager von Strom sind auch Nachfrager von steuerbarer Leistung. Kunden, beziehungsweise deren Energieversorger, Lieferanten, Vertriebe oder Beschaffer, decken ihren Leistungsbedarf im Voraus durch den Einkauf von Leistungszertifikaten ab. Sie können so sicher sein, jederzeit Strom in ausreichender Leistung (Stärke) beziehen zu können. Zertifikate werden zum Beispiel von Kraftwerksbetreibern angeboten und können zwischen den Versorgern gehandelt werden.
„Der Wettbewerb wird durch Innovationsvorteile und die Nutzung des „dezentralen Wissens“ zu einem effizienten System führen, das Versorgungssicherheit gewährleistet.“
Die Versorger können ihren Bedarf an Zertifikaten auch bürokratiearm über die sogenannte Selbsterfüllung reduzieren. Hier hilft ihnen ihr "dezentrales Wissen" über die Bedarfe und Flexibilitäten ihrer Kunden vor Ort. Kein Akteur kennt den Energiebedarf der Kunden besser als der Bilanzkreisverantwortliche. Er stellt bereits heute die Last- und Einspeiseprognosen für jede Viertelstunde im Jahr. Und das oftmals in der Langfristplanung bereits drei Jahre im Voraus.
So können Flexibilitätspotenziale gehoben werden, wenn beispielsweise Industrieunternehmen, mit dem Versorger vertraglich abgesichert, Teile ihrer stromintensiven Produktionszeit nicht dann einplanen, wenn alle Verbraucher viel Leistung brauchen, sondern wenn sie diese in andere Zeitfenster verschieben (Demand Side Management).
Das gilt auch für die Nutzer von Wärmepumpen und Elektroautos. Sie laden dann ihren Wärme- und Batteriespeicher, wenn viel Leistung im System zur Verfügung steht. Auf Basis der Marktnachfrage wird in diesem Zertifikate-System der Preis für die Kapazität ermittelt und sorgt so für verursachungsgerechte Kostenverteilung. Der Wettbewerb wird durch Innovationsvorteile und die Nutzung des "dezentralen Wissens" zu einem effizienten System führen, das Versorgungssicherheit gewährleistet. Davon profitieren langfristig die Stromkunden.
Weitere Vorteile: Durch die dezentralen Anlagen und die Flexibilität wird zudem die Widerstandfähigkeit des Stromsystems erhöht. Und ein dezentrales Marktsystem ermöglicht neue Geschäftsfelder.
„Entscheidend ist, dass eine hohe Komplexität vermieden wird. Nur klare Bedingungen schaffen Planungssicherheit.“
Wir gehen aber davon aus, dass ein rein zentraler Kapazitätsmechanismus weniger innovationsfördernd ist und zum Aufbau von Überkapazitäten neigt. Verbrauchsflexibilisierungs- und Lastreduktionspotenziale blieben ungenutzt, das System damit unnötig teuer zulasten der volkswirtschaftlichen Effizienz.
Aber sowohl ein dezentraler als auch ein zentraler Kapazitätsmechanismus haben Vorteile. Ein dezentraler Kapazitätsmarkt kann flexibler auf Veränderung reagieren, da er mit deutlich kürzeren Vorlaufzeiten auskommt. In der zentralen Komponente des Kapazitätsmarktes wird der Grundstein gelegt, dezentral erfolgt die notwendige Feinjustierung, die zum passgenauen Gelingen der Energiewende nötig ist. Deshalb ist eine Verknüpfung beider Optionen sinnvoll. Entscheidend ist, dass eine hohe Komplexität vermieden wird. Nur klare Bedingungen schaffen Planungssicherheit.
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Da die Koalition die finale Ausgestaltung hierzu nicht mehr in Gesetze gießen will, werden diese Entscheidungen zum Kapazitätsmarkt erst in den Koalitionsverhandlungen und im neuen Deutschen Bundestag verhandelt und entschieden werden. Das Zeitargument sollte daher zugunsten einer dem neuen System angepassten, langfristig vorteilhafteren Ausgestaltung weichen.
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In der Oktober-Ausgabe der ZfK lesen Sie auf Seite 3 ein Pro & Contra zum künftigen Kapazitätsmarktmodell mit Gastbeiträgen von Stefan Kapferer, Vorsitzender der Geschäftsführung von 50Hertz, und Carsten Liedtke, Sprecher des Vorstands des SWK-Konzerns mit Sitz in Krefeld. Zum Abo geht es hier.



