Die Stadt Konstanz und ihre Stadtwerke gehen in die Offensive gegen die Berliner Hängepartie in der Wärmepolitik. Oberbürgermeister Uli Burchardt (CDU) hat sich mit einem Schreiben direkt an die Bundesregierung und an Vertreter:innen der Regierungsfraktionen gewendet. Burchardt befürchtet, dass die Wärmewende vor Ort durch unklare Rahmenbedingungen ausgebremst wird.
Auf Anfrage bestätigte die Stadt, dass der Brief bereits verschickt wurde. Da man den Empfänger:innen Zeit zum Antworten geben wolle, könne der Brief der Presse noch nicht zur Verfügung gestellt werden.
Konkret sorgt sich die Stadt vor allem um das neue Heizungsgesetz, das sich aktuell im parlamentarischen Verfahren befindet. Aus Sicht der Stadtspitze drohe das Gebäudemodernisierungsgesetz "neue Verunsicherung" zu schaffen und damit "stark kontraproduktiv auf die gerade erfolgreich anlaufende Wärmewende" zu wirken, heißt es in der Pressemitteilung der Stadt Konstanz. Die Stadtwerke Konstanz sind eine hundertprozentige Tochter der Stadt.
Konstanz hält an Kurs fest
Trotz der bundespolitischen Unsicherheit will Konstanz an seinem Kurs festhalten. "Diese Grundlage ist stark und daran ändert auch eine bundespolitische Hängepartie nichts. Wir nutzen die Zeit und arbeiten weiter", wird Philipp Baumgartner, Leiter des Amts für Klimaschutz, in derselben Mitteilung zitiert.
Der Gemeinderat hatte bereits 2024 die kommunale Wärmeplanung für Konstanz beschlossen. Demnach soll die Hälfte des Wärmebedarfs künftig über erneuerbar betriebene Wärmenetze gedeckt werden. Für die übrigen Gebäude sind dezentrale Lösungen wie Wärmepumpen vorgesehen.
Bereits in der Vergangenheit hat Burchardt immer wieder gefordert, die Kommunen mehr selbst entscheiden zu lasen. "Es macht keinen Sinn, dass mir jemand in Berlin oder Stuttgart erzählt, wie ich Konstanz beheizen soll", sagte er etwa in einem Interview mit dem Energiekonzern Orsted. "Ich hoffe, dass die neue Bundesregierung die Kraft hat, ganze Gesetze einfach abzuschaffen und die Verantwortung in kommunale Hand zu geben."
Auch die Stadtwerke Konstanz stellen sich hinter Burchardt. Co-Geschäftsführer Gordon Appel mahnt eine stärkere Orientierung an "realistischen und kosteneffizienten Wegen zur Wärmewende" an. Statt in einem insgesamt rückläufigen Wärmemarkt überall alle Optionen offenzuhalten, müsse man "Gebiet für Gebiet und mit den notwendigen Übergangsfristen Entscheidungen (…) treffen und diese auch gemeinsam verlässlich umsetzen". Regionale Wärmequellen wie der Bodensee böten "beste Voraussetzungen für eine sichere und zukunftsfähige Wärmeversorgung".
Stadtwerkechef: "keine ausreichende Planungssicherheit"
Bereits kurz nach Bekanntwerden der Eckpunkte des neuen Heizungsgesetzes hatte sich Appel kritisch dazu positioniert. Neben steigender Unsicherheit sei aus seiner Sicht die notwendige Wirksamkeit für den Klimaschutz nicht gegeben, sagte er im Gespräch mit der ZFK.
Nun legt er auf ZFK-Anfrage nach: Das Gebäudemodernisierungsgesetz schaffe "keine ausreichende Planungssicherheit für langfristige Investitionen in Wärmenetze". Wärmenetze würden über 30 bis 40 Jahre abgeschrieben, dafür bräuchten Stadtwerke "verlässliche und langfristige Rahmenbedingungen, auch zur Stilllegung beziehungsweise dem Rückbau von Gasnetzen im gleichen Gebiet".
Appel zeichnet ein konkretes Worst-Case-Szenario: Wenn der Bund signalisiere, dass Gas- und Ölheizungen auf unbestimmte Zeit weiterbetrieben werden können, würden viele Eigentümer:innen abwarten und bestehende Heizungen länger nutzen oder erneut in fossile Technologien investieren. Die Folge wäre eine "Doppelstruktur": ein Gasnetz mit sinkender Auslastung, das dennoch weiterbetrieben werden müsse, und ein neues Wärmenetz, das mangels Anschlussquoten wirtschaftlich unter Druck gerate. "Unter diesen Rahmenbedingungen können wir in Konstanz die notwendigen Investitionen kaum verantwortungsvoll eingehen", sagt Appel.
Wärmewende vor Ort: Sechs Netze, 550 Millionen Euro
Während in Berlin um die Architektur der Wärmegesetzgebung gerungen wird, schafft man in Konstanz Fakten. Die Stadtwerke planen perspektivisch den Aufbau von sechs erneuerbar betriebenen Wärmenetzen. Zentrale Wärmequellen sind dabei die Seethermie aus dem Bodensee und die Abwärme der Kehrrichtverbrennungsanlage Kreuzlingen. Insgesamt benötigt Konstanz Investitionen in Höhe von 550 Millionen Euro für die Wärmewende.
Im April 2026 hat der Gemeinderat Unterstützung für die Stadtwerke in Aussicht gestellt. Zwischen 2027 und 2041 sollen diese mit insgesamt 30 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt gestärkt werden, je zur Hälfte als Gesellschafterdarlehen und als Kapitalzuführung. Ein zentraler Baustein der Gesamtfinanzierung ist zudem die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze (BEW).
Oberbürgermeister Burchardt ordnet das Investment wie folgt ein: "Wärmenetze sind das Geschäftsmodell der Zukunft in der Wärmeversorgung. Wir geben also nicht einfach nur Geld für den Klimaschutz aus – wir investieren in unser Unternehmen und in ein Geschäftsmodell, mit dem unsere Kinder Geld verdienen werden." Appel ergänzt: "Der Gemeinderatsbeschluss ist ein starkes Signal an die Bürgerinnen und Bürger: Die Wärmewende in Konstanz ist finanzierbar und kommt bei den Menschen vor Ort an."



