Sind Russland-Abkehr sowie Strom- und Heizungswende für Deutschland eigentlich eher Qual oder Chance? Nach Monaten erbitterten Streits um das Gebäudeenergiegesetz und angesichts des Umfragehochs der AfD dürfte da zuletzt doch so mancher ins Grübeln gekommen sein.
Dabei scheint weiterhin eine breite Mehrheit der Deutschen hinter dem Wandel weg von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien zu stehen, wie eine frisch veröffentlichte Eurobarometer-Umfrage zeigt.
Russland-Abkehr findet große Mehrheit
Demnach stimmten 82 Prozent der Befragten hierzulande der These zu, dass die Europäische Union so schnell wie möglich ihre Abhängigkeit von russischen Energiequellen reduzieren solle. 13 Prozent lehnten dies ab.
Immerhin noch 74 Prozent der Befragten waren der Meinung, dass erneuerbare Energien langfristig die Energieverbrauchskosten einhegen würden. 18 Prozent sahen dies anders.
Bieberbach: Wärmewende "absolute Chance"
Klar positioniert sich Florian Bieberbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Stadtwerke München. Er sieht die Wärmewende für die deutsche Wirtschaft als "absolute Chance", wie er der ZfK im Rahmen eines schriftlich geführten Interviews antwortete.
Jeder Euro, der in die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung investiert würde, zahle sich dabei doppelt aus, "da er uns nicht nur unabhängiger macht, sondern auch in Zukunft vor dem teuren Erwerb von Emissionsberechtigungen beim Verfehlen der Klimaziele [...] schützt."
"Wenn ich Klima höre, sehe ich Jobs"
"Wir müssen hier amerikanischer denken", schreibt Bieberbach und erinnert an einen Wahlspruch des US-Präsidenten Joe Biden, den auch Olaf Scholz' Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt gern zitiert: "Wenn ich Klima höre, denke ich an Jobs." Genau da müsse auch Deutschland hinkommen, findet der Stadtwerkechef.
Klimaschutz und Dekarbonisierung seien der einzige Weg in einen zukunftssicheren Wirtschaftsstandort. "Klimaschutz muss in unserer Volkswirtschaft als Grundhaltung verankert werden."
Blick zu den Niederlanden
Wie heftig in Deutschland derzeit die Heizungswende debattiert wird, ist auch im europäischen Ausland mit Interesse verfolgt worden. Dabei ist die Bundesrepublik bei weitem nicht das einzige Land, wo es mithin knirscht und knackt.
"In den Niederlanden wurde zum Beispiel vor zwei Jahren der Gasausstieg beschlossen und die Kommunen stellen aktuell fest, dass die Umsetzung gar nicht so einfach ist", schildert Bieberbach, der auch Präsident des europäischen Stadtwerkeverbands Cedec ist. "Hier fehlt es auch an Fernwärmenetzen und alles über die Wärmepumpe zu ersetzen, ist technisch für die Netze nicht möglich."
"Wärmewende keine deutsche Erfindung"
Grundsätzlich könne man feststellen, dass die Diskussionen in den meisten europäischen Ländern ähnlich wie in Deutschland geführt würden, schreibt der Manager. "Die Wärmewende ist keine deutsche Erfindung und andere Länder sind dabei schon weiter."
Bemerkenswert übrigens: Der Anteil der EU-Bürger, die so schnell wie möglich Importe von russischen Energiequellen reduzieren wollen und daran glauben, dass erneuerbare Energien langfristig die Energiekosten einschränken können, ist laut Barometer sogar etwas höher als der deutsche.
Habeck im Umfragetief
Im jüngsten ZDF-Politbarometer sanken die Zufriedenheitswerte mit der Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP auf einen neuen Tiefpunkt. Der frühere Umfragenkaiser Robert Habeck (Grüne) lag im Beliebtheitsranking der zehn wichtigsten Politiker des Landes noch hinter dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) und FDP-Chef Christian Lindner auf Platz sieben. Waren die energiepolitischen Ambitionen seines Wirtschaftsministeriums am Ende doch zu ideologisch und realitätsfern?
Bieberbach, selbst SPD-Mitglied, antwortet nicht direkt auf diese Frage, erinnert aber daran, dass gerade die Grünen im vergangenen Jahr mit dem Rückholen alter Braunkohlekraftwerke und der Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken "schmerzliche Kompromisse" mitgetragen hätten. Und: "Nicht vergessen werden darf, dass die aktuelle Regierungskoalition mit diesen Entscheidungen, bedingt durch die fossile Energiekrise, vor allem auch den Versäumnissen der letzten Jahrzehnte entgegenwirken musste."
"Sind weiter, als wir es vorher waren"
Deutschland sei noch lange nicht da, wo es zum Erreichen seiner Klimaschutzziele hin müsse, schreibt Bieberbach. "Aber wir sind mit den aktuellen regulatorischen Rahmenbedingungen schon weiter, als wir es vorher waren. Das ist gut so, allerdings dürfen wir uns jetzt nicht ausruhen, sondern müssen weiter an der Beschleunigung arbeiten." (aba/hil)
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