Für Ingbert Liebing steht fest: Am Bau neuer Gaskraftwerke führt kein Weg vorbei. Je schneller der Ausbau der Erneuerbaren vorankomme und je eher der Kohleausstieg komme, desto wichtiger seien die Anlagen für die Versorgungssicherheit, machte der VKU-Hauptgeschäftsführer bei einem digitalen Pressegespräch klar. Es sei erfreulich, dass das auch die Politik erkannt habe – in Berlin wie auch in Brüssel.
Zugleich beklagte Liebing Missverständnisse in der hitzig geführten Debatte über die EU-Taxonomie. „Wer glaubt, es ginge bei der EU-Taxonomie jetzt darum, Erdgas dauerhaft als nachhaltig einzustufen, der irrt. Ziel ist, die Finanzierung neuer Kraftwerke zu ermöglichen, die zunächst noch Erdgas, künftig aber Wasserstoff bei der Strom- und Wärmeerzeugung verwenden können“, machte der Verbandschef klar. Diese Kraftwerke würden in Deutschland eine entscheidende Rolle für den Übergang in eine klimaneutrale Wirtschaft spielen und dauerhaft Bestandteil einer nachhaltigen Energieversorgung sein – auch weil sie H2-ready sein müssen. Daher sei es nur folgerichtig, diese Kraftwerke, die übergangsweise Erdgas verwenden in die Taxonomie aufzunehmen.
Hasler: Investitionsbereitschaft nach schlechten Erfahrungen gering
Josef Hasler, Vorstandsvorsitzender der N-Ergie in Nürnberg, machte deutlich, dass viele Versorger bereits seit mehreren Jahren die Energiewende aktiv vorantreiben. Die Bevölkerung habe realisiert, dass fossiles Gas ein Auslaufmodell sei, im Neubau würden Gasanschlüsse kaum noch nachgefragt. Von der Politik fordert der Manager klare Rahmenbedingungen, die es kommunalen Unternehmen möglich machen, in wasserstofftaugliche Gaskraftwerke zu investieren. Nach dem jahrelangen Streit um die Gaskraftwerke Irsching 4 und 5 sei die Bereitschaft, in neue Gaskraftwerke zu investieren, sehr gering – nicht nur bei der N-Ergie. „Wir haben uns seinerzeit auf die Politik verlassen und haben damit bitterste Erfahrungen gemacht. Und nun glaubt die Politik, dass die Stadtwerke loslaufen und neue Gaskraftwerke bauen, obwohl diese nur als Übergangslösung definiert werden. Ich bin neugierig, wie groß die Herde ist, die angesichts dieser Rahmenbedingungen in neue Anlagen investiert“, machte Hasler unmissverständlich klar.
Einer, der viel Geld in die Hand genommen hat, um ein hochmodernes Heizkraftwerk zu bauen, ist Maik Piehler, der Chef der Leipziger Stadtwerke. Vorerst soll die Anlage Fernwärme aus fossilem Erdgas erzeugen. Langfristig soll die Wärme mithilfe von grünem Wasserstoff erzeugt werden. Vom Beschluss bis zur Errichtung des Heizkraftwerks, das in diesem Jahr in Betrieb gehen soll, hat es dreieinhalb Jahre gedauert – laut Piehler ein sehr kurzer Zeitraum. „Normalerweise dauert so etwas vier bis sieben Jahre.“
Ohne gute Rahmenbedingungen keine Investitionsbereitschaft
Ist der schnelle Zubau neuer Gaskraftwerke mit einer Leistung zwischen 15 und 40 GW bis zum Jahr 2030 überhaupt realistisch? Josef Hasler ist skeptisch und das nicht nur wegen der langen Genehmigungsverfahren und des unklaren Zubaubedarfs. „Die Bauer solcher Anlagen warten nicht auf uns. Sie erhalten Aufträge aus aller Herren Länder. Und weil die Nachfrage nach Anlagen so hoch ist, werden auch die Preise steigen“, gab er zu bedenken. Mit Blick auf die Versorgungssicherheit müsse bereits heute mit dem Zubau begonnen werden. „Dazu braucht es aber verlässliche Bedingungen, um gute Investitionsentscheidungen treffen zu können. Sonst macht das niemand.“ Bereits heute müssten sich kommunale Unternehmen, die ins Gasnetz oder in ein Gaskraftwerk investieren wollen, vom Aufsichtsrat fragen lassen, ob es nicht eine sicherere Investitionsalternative gebe. „Das ist dann Windkraft oder Photovoltaik“, so Hasler. N-Ergie sei gerne bereit, sich hier weiter wirtschaftlich zu engagieren. „Aber das Problem ist: Nur mit den Erneuerbaren bekommen wir die Energiewende nicht hin.“
Ingbert Liebing bestätigte aus seinen Gesprächen mit Stadtwerke-Verantwortlichen, dass die unklaren politischen Rahmenbedingungen beim Thema Gas den kommunalen Unternehmen schon jetzt das Leben schwer machen. „Obwohl vieles noch im Fluss ist, reagieren die Finanzmärkte bereits heute.“ Konkret äußere sich das darin, das mögliche Geldgeber sich generell von der Finanzierung von Gasprojekten fernhalten oder es zumindest deutlich schwieriger werde, etwa für den Kauf eines Gasnetzes, Investoren zu finden. Das gelte selbst für hochmoderne Anlagen wie die in Leipzig, mit denen man viel CO2 einsparen könne.
Liebing fordert Nachbesserungen
Für Liebing Grund genug, sich bei der konkreten Ausgestaltung des Delegierten Rechtsaktes zur EU-Taxonomie für Nachbesserungen stark zu machen. Die im Entwurf festgelegten Grenzwerte für Treibhausgasemissionen seien so restriktiv, dass selbst die modernsten Gaskraftwerke sie nicht einhalten können. Hier müsse die EU-Kommission zu einer pragmatischen und realistischen Lösung kommen, um den Bau neuer klimafreundlicher Kraftwerke nicht zu verhindern. Darüber hinaus macht sich der VKU für einen schnellen Markthochlauf von grünem Wasserstoff stark. Dazu brauche es auch Importe aus dem Ausland, für die es wiederum klare und schnelle Perspektiven brauche. Die Verfügbarkeit von grünem Wasserstoff in ausreichenden Mengen und zu bezahlbaren Preisen sollte daher unbedingt in der EU-Taxonomie verankert werden, fordert Liebing.
Beim Thema Wasserstoff gibt es bei Josef Hasler unterdessen noch viele Fragezeichen. Er sehe nicht, dass aktuell weltweit mit dem nötigen Engagement und in großem Stil grüner Wasserstoff hergestellt werde. „Da haben wir noch eine Riesen-Aufgabe vor uns.“ Diese halte er zwar für lösbar. „Aber die Politik ist da in vielen Bereichen ein bisschen zu blauäugig unterwegs“, kritisiert der N-Ergie-Chef. (amo)



