Timm Kehler bleibt Vorstand des Verbandes.

Timm Kehler bleibt Vorstand des Verbandes.

Bild: © Lotte Ostermann/Zukunft Gas

Das vergangene Jahr mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine und dem Stopp russischer Gaslieferungen war auch für die deutsche Gasbranche eine „Zeitenwende“. Man habe es aber geschafft, schnell auf die neuen Herausforderungen zu reagieren und eine sichere Gasversorgung aufrechtzuerhalten, betonte Timm Kehler, Vorstand von Zukunft Gas, bei einem Pressegespräch. Es sei gelungen, binnen kürzester Zeit, die Lieferbedingungen widerstandsfähiger zu machen.

Kehler betonte, dass Gas trotz des Wegfalls russischer Erdgaslieferungen alles andere als ein Auslaufmodell sei. Erdgas bleibe die zweitwichtigste Säule der Energieversorgung. Nur der Anteil von Mineral- und Heizöl sei größer.

Gasheizungen nach wie vor sehr beliebt

Im Wärmemarkt seien mit Gas betriebene Heizsysteme nach wie vor sehr beliebt. Mit 980.000 Geräten wurde hier im vergangenen Jahr sogar eine Rekordzahl installiert. „Die Zahl der mit Gas betriebenen Heizsysteme sank zwar um 8 Prozent, mit knapp 600.000 Systemen wurden aber doppelt so viele eingebaut wie Wärmepumpen. Gasheizungen bleiben marktbestimmend“, so Kehler. „Knapp die Hälfte der Bundesbürger heizt mit Gas. Auch wenn der Absatzsprung mit mehr als 53 Prozent plus bei Wärmepumpen beeindruckend ist, dürfen wir die absoluten Zahlen nicht aus den Augen lassen und müssen vor allem den 41 Millionen Bundesbürgern, die heute mit Gas heizen, eine bezahlbare Perspektive anbieten.“ Wichtig, so Kehler, sei daher, dass wasserstofffähige Hybrid- und reine Wasserstofflösungen auch im Wärmemarkt ihre Berechtigung erhalten und vor allem die rechtlichen Rahmenbedingungen für einen Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft endlich geschaffen werden.

Insgesamt ging der Erdgasverbrauch (minus 13,6 Prozent) deutlich stärker zurück als der Primärenergieverbrauch (minus 5 Prozent). Die Appelle der Bundesregierung, Gas zu sparen, seien also erfolgreich gewesen. „Gemeinsam haben wir uns dem Energieterrorismus von Wladimir Putin entgegengestellt. Aber wir können nicht übersehen: Der an vielen Stellen vorgenommene ‚fuel-switch‘ von Gas zu Kohle oder Öl ist keine gute Nachricht für das Klima. Gleichzeitig zwingt uns die Krise, Gas neu zu denken. Dadurch erhalten unsere Anstrengungen in Richtung Dekarbonisierung und Transformation einen neuen Schub“, führte der Chef des Branchenverbandes aus.

Potenziale von Biomethan heben

Stärker in den Blickpunkt nehmen will Kehler die Potentiale von Biomethan, das heimisch produziert wird. Die Zahl der Anlagen steige kaum, obwohl Biomethan wesentlich zur Energiewende beitragen könne.

Grundsätzlich brauche es bessere Rahmenbedingungen für die Gasbranche, betonte Kehler. Es müsse nun darum gehen, die hohe Geschwindigkeit beim Ausbau einer resilienten Infrastruktur beizubehalten und die Transformation der Branche hin zur Wasserstoffwirtschaft im Fokus zu behalten. Wichtige Meilensteine seien etwa Klimaschutzverträge mit energieintensiven Unternehmen. Kehler nannte aber auch die von Bundeskanzler Olaf Scholz angekündigte Ausschreibung für drei Gaskraftwerke, die später auch mit Wasserstoff betrieben werden können.

Kehler: Politik "muss Handbremse lösen"

Angesichts der milliardenschweren US-Subventionen für grüne Technologien, zusammengefasst im Inflationsreduzierungsgesetz (IRA), sprach sich der Verbandschef dafür aus, „in Europa die Handbremse zu lösen“. Bestehende Förderprogramme müssten beschleunigt werden. In diesem Jahr müssten endlich weitere IPCEI-Projekte in die Umsetzung gehen.

Einen Schub für die Branche erhofft sich Kehler von der angekündigten Überarbeitung und Weiterentwicklung der Nationalen Wasserstoffstrategie.

Bessere Rahmenbedingungen für Wasserstoff

Weit oben auf der Wunschliste der Branche stehen weiterhin Herkunftsnachweise für Wasserstoff und passgenaue, verbindliche Rahmenbedingungen für die Transformation des Gasnetzes. Es gebe genügend Investoren, diese bräuchten allerdings schnell einen verlässlichen Rahmen.

Auf den Vorwurf von Umweltverbänden angesprochen, dass Deutschland seine Importkapazitäten für Flüssigerdgas zu stark ausbaue, betonte Kehler, dass man nicht vorschnell von Überkapazitäten reden solle. Bei einem Thema, bei dem „nichts schiefgehen“ dürfe, sei es ganz normal, beim Aufbau der Infrastruktur „Sicherheitsreserven“ vorzuhalten. Deutschland versorge zudem nicht nur sich selbst mit LNG, sondern perspektivisch auch andere Länder ohne Meerzugang. Darüber hinaus werde von Kritikern vielfach vergessen, dass die schwimmenden LNG-Terminals schrittweise wieder aus dem Markt hinausgehen werden. Kehlers Fazit: „Unter dem Strich regelt das der Markt." (amo)

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