Christian Kuhlmann, Baubürgermeister in Biberach/Riß, sieht in einer attraktiven Nahwärmeversorgung einen wichtigen Baustein im kommunalen Klimaschutz.

Christian Kuhlmann, Baubürgermeister in Biberach/Riß, sieht in einer attraktiven Nahwärmeversorgung einen wichtigen Baustein im kommunalen Klimaschutz.

Bild: © Stadt Biberach

Herr Kuhlmann, Biberach ist nicht nur eine der reichsten Kommunen Deutschlands, sondern schon seit vielen Jahren im Klimaschutz aktiv, seit 1993 Mitglied im Klimabündnis europäischer Städte. Wo sehen Sie denn die größten Erfolge?

Ich halte es für einen wesentlichen Erfolg, dass wir schon früh damit begonnen haben, beispielsweise über Lokale Agenda 21 Gruppen, ein Bewusstsein in der Bevölkerung und der Kommunalpolitik für die Bedeutung nachhaltiger Entwicklung, Umwelt- und Klimaschutz zu schaffen und entsprechende Maßnahmen auf den Weg zu bringen. Und zwar nicht erst seit zwei oder drei Jahren, als der Klimawandel massiv ins Zentrum der öffentlichen Diskussion rückte. Wichtig ist mir hierbei eine integrierte, ganzheitliche Betrachtungsweise, also nicht nur Gebäude oder Mobilität, sondern auch Siedlungs- und Stadtentwicklung, Versorgung und Entsorgung sowie Naturschutz und Biodiversität. Und man muss auch immer sehen, dass wir in einer politischen Realität leben, das heißt man könnte noch viel ehrgeizigere Ziele verfolgen, das muss aber auch vom Gemeinderat mitgetragen werden.

Können Sie hierfür ein Beispiel nennen?

Wir bauen sehr viel als Stadt, wir realisieren sehr viele energetische Gebäudesanierungen und Neubauten im Bereich Bildung und Betreuung. Da könnte ich natürlich noch eine Schippe drauflegen und nur noch Passivhäuser bauen.  Wir legen einen hohen energetischen Standard zu Grunde, schauen aber auch auf die Wirtschaftlichkeit. Es macht aus unserer Sicht mehr Sinn, statt eines Leuchtturmprojektes mehrere Projekte, dann auf etwas niedrigerem Level, energetisch zu optimieren. In der Gesamtbilanz sind wir hier erfolgreicher. Wenn man dem Klimaschutz in diesem Kontext einen höheren Stellenwert geben möchte und bewusst über die Grenzen der Wirtschaftlichkeit hinausgeht, ist das letztlich eine politische Zielvorgabe Aber das ist jeweils eine politische Abwägung, die sich im Lauf der Jahre natürlich verändern kann.

Und hierbei hat sich in der Kommunalpolitik und der Stadtgesellschaft in den vergangenen Jahren vieles Richtung mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz bewegt? Immerhin stellen ja die Grünen mittlerweile eine der zwei größten Gemeinderatsfraktionen in Biberach.

Es hat sich viel getan. Nehmen Sie das Beispiel Stadtentwicklungskonzept. Hier hat der Gemeinderat bei der zweiten Fortschreibung im Jahre 2015/2016 eine integrierte Betrachtungsweise der Stadtentwicklung unter dem Aspekt Klimaschutz verankert. Das ist etwas Besonderes, dass wir also nicht nur ein Klimaschutzkonzept aufstellen, wie das viele Kommunen machen. Sondern dass wir uns an den Zielen für ein integriertes Stadtentwicklungs- und Klimaschutzkonzept orientieren, welche der Gemeinderat vor fünf Jahren beschlossen hat.

Welche konkreten Maßnahmen leiten sich hieraus ab?

Ein ganzes Bündel von weiteren Konzepten und Maßnahmen. So haben wir 2019 das Fußverkehrskonzept, 2020 das Radverkehrskonzept auf den Weg gebracht und beschlossen. 2017 wurde die Optimierung des Stadtlinienverkehrs gestartet, was mittlerweile das 1 Euro-Ticket und das Bürgerticket, einen 15-Minuten-Takt und das Anrufsammeltaxi abends sowie an Wochenenden beinhaltet. 600.000 Euro stellt die Stadt hierfür jedes Jahr zur Verfügung, was in 2019 zu einem 23-prozentigen Fahrgastzuwachs führte. Auch stellten wir einen Sanierungsfahrplan für alle kommunalen Gebäude auf. Aktuell werden zwei große Gymnasien energetisch saniert, wodurch jährlich etwa 1 Million Kilowattstunden eingespart werden können. Auch beziehen wir für alle kommunalen Gebäude 100 Prozent zertifizierten Ökostrom mit einer Neuanlagenquote und haben die Umsetzung eines 30Dächer-Programms für die Eigenversorgung städtischer Gebäude mit Solarstrom gestartet.

Welche Rolle spielt eine möglichst klimafreundliche Nahwärmeversorgung?

Eine sehr große! Nach mehreren kleineren Projekten gehen wir nun die erneuerbare Nahwärmeversorgung in einem Teil der Innenstadt an. Hierzu sanieren und erweitern wir ein bestehendes kleinräumiges Netz. Den Kern bilden große öffentliche und halböffentliche Wärmeabnehmer wie Schulen, Rathaus, Museum und Landratsamt, ergänzt durch private Abnehmer, seien es Inhaber von Wohn- oder von Geschäftsgebäuden. 1500 Tonnen CO2 können wir entsprechend unseren Planungen nach Fertigstellung bis Ende 2024 auf diese Art einsparen. Hierdurch ergibt sich entsprechend unserem intern verwendeten CO2-„Schattenpreis“ von 80 Euro pro Tonne eine volkswirtschaftliche Einsparung von rund 120.000 Euro jährlich.

Rechnet sich das auch für die Wärmeabnehmer?

Durch die Großabnehmer und aufgrund steigender Gaspreise und einer ansteigenden CO2-Bepreisung, haben wir jetzt eine günstige wirtschaftliche Ausgangssituation. Ein großer Vorteil ist die zugesagte Förderung des Landes im Rahmen des Programms Klimaschutz mit System. Die kalkulierten Wärmekosten über das Nahwärmenetz sind im Durchschnitt jetzt schon mehrere Prozent günstiger als über eine Gasheizung. Im Übrigen setzen wir ganz bewusst nicht auf einen Anschluss- und Benutzungszwang, denn wir wollen ja durch attraktive Angebote überzeugen.

Wer baut und betreibt denn das Netz?

Der Gemeinderat hat nun entschieden, dass die Stadt Biberach das Wärmenetz baut. Das Netz wird im Eigentum der Stadt sein, wir können damit steuern, doch gehen auch ins Risiko hierfür. Der Betrieb des Netzes wird europaweit ausgeschrieben, das heißt wir haben hier echten Wettbewerb. Auch der örtliche Wärmedienstleister sowie regionale Anbieter können sich an diesem Wettbewerb beteiligen. Dieses Vorgehen garantiert für die Anschlussnehmer wirtschaftliche Angebote.

Wie eng arbeiten Sie eigentlich in verschiedenen Bereichen mit der EWA Riss als örtlichem Energieversorger zusammen, an welchem die Stadt ja neben der EnBW zu 50 Prozent beteiligt ist?

Wir beteiligen und seit vielen Jahren am europäischen Zertifizierungssystem „European Energy Award“ sind bereits zweimal zertifiziert. In diesem Zusammenhang werden alle kommunalen Handlungsfelder mit Blick auf Klimaschutz und CO2 Ausstoß durchleuchtet. Die Ewa Riss ist hier ein sehr wichtiger Kooperationspartner, da sie gerade im Bereich Ver- und Entsorgung eine wichtige Rolle spielt. Ich habe eingangs davon gesprochen, dass wir das Thema Klimaschutz ganzheitlich angehen und dies bereits seit den 90er Jahren. Nach unseren aktuellen Berechnungen scheinen wir die im nächsten Jahr angestrebte EEA Auszeichnung in Gold zu erreichen. Dass ist ein Verdienst aller in unserer kommunalen Familie Handelnden und stimmt uns für die Zukunft zuversichtlich.

Das Interview führte Hans-Christoph Neidlein

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