Der Iran und die USA einigten sich kurz vor Ablauf eines Ultimatums von US-Präsident Donald Trump auf eine zweiwöchige Waffenruhe und die Öffnung der Straße von Hormus. Teheran erklärte, eine sichere Passage durch die Straße von Hormus sei durch Koordination mit den Streitkräften des Landes möglich. Details des Abkommens wurden jedoch nicht bekannt gegeben. Trump hatte zuvor gedroht "eine ganze Zivilisation auszulöschen".
Die Märkte reagierten prompt auf den Verhandlungserfolg. Die europäischen Erdgas-Futures am Handelspunkt TTF fielen am Mittwoch um mehr als 15 Prozent auf rund 45 Euro pro Megawattstunde (MWh) und erreichten damit den niedrigsten Stand seit fünf Wochen. Seit dem Beginn der Angriffe der USA und Israels gegen den Iran vor mehr als fünf Wochen war der Gaspreis auf bis zu 74 Euro geklettert.
EWE Trading: Preis kann sehr schnell wieder anziehen
"Die jüngste Preisbewegung an den europäischen Gasmärkten ist vor allem Ausdruck einer gesunkenen kurzfristigen Risikoprämie infolge der Entspannungssignale rund um die Straße von Hormus", ordnet Thomas Rupp, Managing Director von EWE Trading ein. "Grundsätzlich ist dies ein positives Signal." Gleichzeitig bleibe das Marktumfeld weiterhin sehr volatil, von einer nachhaltigen Beruhigung könne daher aktuell noch nicht ausgegangen werden. Eine Verschärfung der Lage würde sehr schnell wieder zu hohen Preisen führen.

Auch nach der Einigung auf eine Feuerpause bleibt die Unsicherheit im Markt hoch.
Thomas Rupp
Managing Director von EWE Trading
"Auch nach der Einigung auf eine Feuerpause bleibt die Unsicherheit im Markt hoch", so der Risikoexperte. "Entscheidend wird sein, wie stabil diese Vereinbarung ist und ob zentrale Transportwege sowie Energieinfrastruktur in der Region dauerhaft gesichert werden können." Entsprechend reagierten die Märkte weiterhin sensibel auf neue Entwicklungen. Doch selbst bei einer langfristigen Entspannung dürften Risikoprämien und ein verknapptes Angebot im Markt verbleiben.
Wood Mackenzie: Wiederinbetriebnahme von LNG-Hub entscheidend
Grundsätzlich habe sich bisher wenig geändert, betonte Tom Marzec-Manser, Europa-Direktor für Gas und Flüssiggas (LNG) beim Beratungsunternehmen Wood Mackenzie. "Abgesehen von den im Golf festsitzenden, beladenen LNG-Tankern - die möglicherweise immer noch Schwierigkeiten haben werden, abzufahren, wenn die Straße nicht wirklich geöffnet ist - ist die Wiederinbetriebnahme von Katars Ras Laffan das Entscheidende", sagte er. Marzec-Manser bezieht sich auf den weltgrößten LNG-Hub, der durch Angriffe beschädigt wurde.
Der Markt dürfte nun genau beobachten, welche Schiffe die Durchfahrt durch die Straße von Hormus wagen und wie sie sich dabei schlagen. Anfang dieser Woche brachen zwei katarische LNG-Tanker ihre Versuche ab, die Wasserstraße zu passieren, nachdem sie keine Genehmigung von iranischen Beamten erhalten hatten.

Ähnliche Schlüsse zieht auch EWE-Experte Rupp: "Beschädigungen an der LNG-Infrastruktur, insbesondere in Katar, bleiben ein relevanter Risikofaktor". Katar sei ein wichtiger Akteur im globalen LNG-Markt, sodass mögliche Einschränkungen Auswirkungen auf Preisbildung und Handelsströme haben können. "Der Markt bewegt sich derzeit zwischen Szenarien einer schrittweisen Normalisierung bei stabiler Lage und anhaltenden Einschränkungen bei fortbestehenden Risiken."
Die Normalisierung der physischen Versorgung benötige Zeit, bis Schäden behoben sowie Schiffe wieder versichert seien und Lieferketten wieder effizient funktionieren. Der finanzielle Markt sei hier deutlich schneller in der Anpassung. "Wir beobachten die Entwicklungen weiterhin sehr genau", so Rupp.
Die Folge für Stadtwerke
"Für Stadtwerke und andere Marktteilnehmer unterstreicht die derzeitige Entwicklung einmal mehr die Bedeutung einer langfristigen Beschaffungsstrategie mit der Möglichkeit Preise und Bedarfe risikooptimal zu strukturieren", heißt es von der VNG, die EnBW-Tochter ist Importeur und ein europaweiter Großhändler von Erdgas.
Kurzfristige Preisrückgänge böten zwar taktische Chancen, ersetzen aber keine nachhaltige strukturierte Risikostreuung über Zeiträume, Produkte und Lieferquellen hinweg. "Der Markt bleibt daher aktuell von hoher Volatilität geprägt", warnt der Leipziger Händler. Nach Einschätzung der VNG-Expertinnen und -Experten preist der Markt derzeit weniger eine dauerhafte politische Lösung ein, sondern eher eine temporäre Deeskalation.
Politik: Energiepreis-Entlastungen trotz Waffenruhe nötig
Im Fokus der deutschen Politik steht momentan vor allem der Spritpreis. Union und SPD wollen auch bei einer Waffenruhe im Nahen Osten und einer Öffnung der Straße von Hormus über eine Entlastung der Bürger angesichts der hohen Spritpreise verhandeln, denn eine schnelle Entwarnung an der Tankstelle erwartet die Bundesregierung nicht. Ein Tanker brauche drei bis sechs Wochen von der Meerenge von Hormus nach Europa, sagte ein Regierungssprecher. "Dementsprechend wird es auch dauern, bis deutliche Preissenkungen bei uns ankommen."
Ein Zwischenfall reicht aus.
Sepp Müller
Ein einzelner Zwischenfall wie etwa ein Angriff auf einen Tanker könne ausreichen, um die mühsam erreichte Stabilität zu kippen, warnte Unionsfraktionsvize Sepp Müller in der Deutschen Presse-Agentur. Beim Ölpreis seien jederzeit Ausschläge nach oben möglich. Außerdem werde der Markt die Schäden an Raffinerien und Hafenanlagen wahrscheinlich einpreisen - und auch die Bedingungen für die Schiffspassage durch die Straße von Hormus seien noch völlig unklar.

SPD und CDU sind gespalten
SPD-Fraktionsvize Armand Zorn, der mit Müller zusammen die Taskforce leitet, betonte, die Preise seien bislang nicht auf Vorkrisenniveau gefallen. "Wir müssen auf alle Szenarien vorbereitet sein." Wie eine Entlastung und weitere Maßnahmen gegen die Krise aussehen könnten, ist zwischen Union und SPD aber umstritten.
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat fast alle auch von Experten in den Raum geworfenen Vorschläge abgelehnt: einen Tankrabatt und eine Senkung der Kfz-Steuer genauso wie ein Tempolimit zum Spritsparen und autofreie Sonntage, wie es sie während der Ölkrise der 1970er-Jahre gab.
Die von Reiche befürwortete Erhöhung der Pendlerpauschale dagegen findet die SPD nicht zielführend. Sie bringe den Bürgern erst mit der Steuererklärung im Jahr 2027 Entlastung, kritisierte der Koalitionspartner.



