Blick auf das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe, das von der Leag betrieben wird.

Blick auf das Braunkohlekraftwerk Schwarze Pumpe, das von der Leag betrieben wird.

Bild: © Patrick Pleul/dpa

Deutschlands größte Stromproduzenten haben ihre Marktmacht nach Angaben des Bundeskartellamts deutlich ausgebaut. Grund dafür ist nicht der Zubau neuer Kraftwerke, sondern vielmehr der Wegfall alter Kapazitäten, vor allem von Kohlekraftwerken, die in der Energiekrise aus der Reserve geholt wurden und nun wieder dahin zurückgekehrt oder ganz ausgeschieden sind. "Bei insgesamt knapperen Kapazitäten werden die verbleibenden Kraftwerke häufiger unverzichtbar für die Deckung der Nachfrage", teilte Bundeskartellamt-Präsident Andreas Mundt mit.

Unverzichtbar werden Deutschlands größte Stromerzeuger vor allem in kalten sowie wind- und sonnenarmen Zeiten. In sogenannten kalten Dunkelflauten ist der Stromverbrauch hoch. Wind- und Solaranlagen fallen dagegen als Massenstromerzeuger großteils aus. In diesen Zeiten setzen in der Regel Kohle- oder Gaskraftwerke die Preise. Verknappen Betreiber ihre fossilen Kapazitäten künstlich, indem sie Kraftwerke zurückhalten, können sie die Strompreise nach oben treiben.

RWE liegt deutlich über Schwelle

Das Bundeskartellamt untersucht in seinen Marktmachtberichten, wie häufig Stromerzeuger unverzichtbar für die Deckung der Stromnachfrage sind. Eine marktbeherrschende Stellung liegt demnach vor, wenn ein Stromerzeuger öfter als fünf Prozent der Jahresstunden unverzichtbar war.

Nach den Ergebnissen des neuen Marktmachtberichts, der am Donnerstag veröffentlicht wurde, liegt Deutschlands größter Stromerzeuger RWE deutlich über dieser Schwelle. Die Kontrollbehörde hatte den Essener Energiekonzern bereits 2022 als marktbeherrschend bezeichnet. Untersucht wurde diesmal der Zeitraum Mai 2024 bis April 2025.

Neuerdings liegt auch der Cottbuser Stromerzeuger Leag oberhalb der Vermutungsschwelle. Leag betreibt eine Reihe großer Braunkohlekraftwerke in Ostdeutschland, darunter Jänschwalde und Schwarze Pumpe.

EnBW in der Nähe der marktbeherrschenden Stellung

Die Werte für den Karlsruher Energiekonzern EnBW lagen nach Angaben des Kartellamts in der Nähe der Schwelle, überschritten sie jedoch nicht. Deutlich unterhalb der Schwelle blieben die Stromerzeuger Uniper und Vattenfall. Andere Unternehmen wurden nicht analysiert.

Werden Kraftwerksbetreiber als marktbeherrschend eingestuft, dürfen insbesondere keine Erzeugungskapazitäten gezielt zurückgehalten werden, um dadurch den Preis in die Höhe zu treiben. Der Marktmachtbericht selbst trifft allerdings keine förmliche Feststellung einer marktbeherrschenden Stellung. Hierfür müsste die Behörde im konkreten Einzelfall prüfen.

Der Marktmachtbericht des Bundeskartellamts dürfte Akteuren Futter geben, die vor einer zu starken Dominanz der großen Stromerzeuger warnen. Die Befürchtung ist, dass sich dieselben Energiekonzerne die geplanten neuen Kapazitäten im Zuge der Kraftwerksstrategie unter sich aufteilen könnten.

RWE hat bereits angekündigt, bis zu drei Gigawatt (GW) Gaskraftwerke bauen zu wollen. Auch EnBW und Leag haben Ambitionen. Zusammen könnte das Trio weit mehr als die Hälfte der Ausschreibungsmengen auf sich vereinen – vorausgesetzt, alle Gebote setzen sich durch. Insgesamt sollen dieses Jahr mindestens 10 GW für neue Gaskraftwerke reserviert sein.

Kraftwerksstrategie als Marktmacht-Dämpfer?

In einem Positionspapier hatte sich das Bundeskartellamt bereits dagegen ausgesprochen, Ausschreibungen faktisch auf Atom- und Kohlestandorte zu beschränken. Dies würde Bieter wie RWE, Leag und EnBW begünstigen. Es lehnte zudem Mindestkapazitäten ab. Im Kraftwerkssicherheitsgesetz des damaligen Bundeswirtschaftsministers Robert Habeck (Grüne) waren mindestens zehn Megawatt (MW) erforderlich. Noch ist offen, ob es eine solche Mindestkapazität wieder geben wird.

Am Donnerstag ermunterte Bundeskartellamt-Chef Mundt die Bundesregierung noch einmal, die kommenden Ausschreibungen gezielt dazu zu nutzen, bestehende Marktmacht abzubauen. "Um die Anbietervielfalt zu sichern, wäre es sinnvoll, den Zuschlag je Bieter auf zehn Prozent der insgesamt ausgeschriebenen Kapazität zu begrenzen", schlug er vor. Im RWE-Fall würde das bedeuten, dass nur noch ein Drittel der angestrebten Neubauten möglich wäre.

Bundeskartellamt sieht Strompreiszonen-Teilung kritisch

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Deutlich positionierte sich das Bundeskartellamt auch zur Diskussion um die Aufteilung der bundesweiten Strompreiszone. Die Behörde bewertet das kritisch, weil dies die Marktmacht großer Anbieter weiter verstärken würde. In Ostdeutschland zum Beispiel dominiert derzeit Leag, in Westdeutschland RWE und im Südwesten EnBW.

Im Marktmachtbericht untersucht das Bundeskartellamt traditionell auch die Verhältnisse auf dem Regelenergiemarkt. Regelenergie gleicht kurzfristig Schwankungen im Stromnetz aus. Dabei wird zwischen verschiedenen Arten von Regelenergie unterschieden.

Anlagen, die am Regelenergiemarkt teilnehmen, müssen strenge Kriterien erfüllen. Dabei kann sowohl Strom ins Netz eingespeist (positive Regelenergie) als auch ausgespeist werden (negative Regelenergie).

EnBW-Dominanz bei Regelenergie

Die Marktmacht einzelner Anbieter auf dem Regelenergiemarkt ist traditionell groß. Gerade Betreiber von Pumpspeicherkraftwerke können hier gut verdienen. Pumpspeicherkraftwerke eignen sich hervorragend, um kurzfristig Strom aus dem Netz zu nehmen oder aber wieder ins Netz zurückzugeben.

Im Vergleich zum vorherigen Berichtszeitraum hätten sich die Verhältnisse auf dem Regelenergiemarkt nicht wesentlich verändert, schreibt das Bundeskartellamt. Bei positiver Sekundärregelleistung beträgt demnach der Angebotsanteil des größten Anbieters EnBW im Durchschnitt mehr als 30 Prozent. Zudem übernimmt der Karlsruher Konzern die Einsatzleitung für Anlagen des zweitgrößten Anbieters, der Vorarlberger Illwerke. Im Durchschnitt entfällt mindestens die Hälfte der Zuschläge an diese beiden Unternehmen.

Weniger stark ist die EnBW-Dominanz bei negativer Sekundärregelleistung und Minutenreserve. Aus Sicht des Kartellamts erscheint zumindest bei der Vorhaltung positiver Sekundärregelleistung eine marktbeherrschende Stellung von EnBW naheliegend.

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