Klaus Müller ist Präsident der Bundesnetzagentur. Die Bonner Behörde hat am Mittwoch die Szenariorahmen für die Strom- und Gasnetze für die Jahre 2037 und 2045 vorgestellt.

Klaus Müller ist Präsident der Bundesnetzagentur. Die Bonner Behörde hat am Mittwoch die Szenariorahmen für die Strom- und Gasnetze für die Jahre 2037 und 2045 vorgestellt.

Bild: © Wolf von Dewitz/dpa-Zentralbild/dpa

Von Julian Korb

Die Bundesnetzagentur hat am Mittwoch den Szenariorahmen Strom und den Szenariorahmen Gas/Wasserstoff für die kommenden Netzentwicklungspläne 2025-2037/2045 genehmigt. Die Szenariorahmen erscheinen alle zwei Jahre und setzen Leitplanken für die Entwicklung des Energiesystems und den Netzausbau. Nun sind die Netzbetreiber am Zug: In einem nächsten Schritt stellen sie ihre Netzentwicklungspläne für das Stromübertragungsnetz sowie das Gasfernleitungs- und Wasserstofftransportnetz vor.

Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur, betonte bei einer Pressevorstellung, dass die Szenariorahmen ausdrücklich keine Vorfestlegung seiner Behörde bedeuteten. Ziel der Szenarien sei es, einen breitgefächerten Rahmen von Lösungen für politische Entscheidungen zu schaffen. "Die Bundesnetzagentur trifft selbst keine politischen Entscheidungen", so der Behördenchef. Zuletzt waren aus der Energiewirtschaft kritische Stimmen an der neuen Rolle der Bonner Regulierungsbehörde zu hören gewesen.

Netzagentur rechnet mit wirtschaftlichem Aufschwung

Für die neuen Szenariorahmen hat die Netzagentur Entwürfe konsultiert, die die Stromübertragungs- und Gasfernleitungsnetzbetreiber im Sommer 2024 vorgelegt hatten. Beide Szenariorahmen betrachten für die Jahre 2037 und 2045 jeweils drei Szenarien. Im Szenariorahmen Gas/Wasserstoff bezieht sich ein zusätzliches Szenario noch auf das Jahr 2030 – als Stützjahr auf dem Weg hin zum Erdgasausstieg.

Wie Müller ausführte, sei die Behörde dabei von zwei Annahmen fest ausgegangen: Dass die Klimaneutralität im Jahr 2045 erreicht wird und, dass sich die wirtschaftliche Konjunktur in Deutschland erholt.

"Manche Studien, die in letzter Zeit erschienen sind, unterstellen ein Verfehlen der Klimaziele und eine Deindustrialisierung Deutschlands", sagte der Behördenchef. "Die Bundesnetzagentur unterstellt derartige Annahmen nicht. Wir gehen von einer erfolgreichen Umsetzung des Koalitionsvertrages und einem wirtschaftlichen Aufschwung aus."

Die Szenariorahmen enthalten zudem erstmals gemeinsame, übergreifende Annahmen zum Infrastrukturbedarf für das Gas-/Wasserstoff- und Stromnetz. Damit können die Netzentwicklungsplanungen beispielsweise anhand von Standorten für Kraftwerke und Elektrolyseure aufeinander abgestimmt erfolgen.

Weniger Stromverbrauch

Der Szenariorahmen Strom unterscheidet sich in den Szenarien deutlich, sowohl bei der Dynamik des Erneuerbaren-Ausbaus als auch beim Stromverbrauch. Die Unterschiede zwischen den Szenarien sind sogar deutlicher ausgeprägt als im zurückliegenden Prozess. Dies gilt insbesondere für die Annahmen zum Stromverbrauch.

So nimmt das Szenario A für das Jahr 2037 einen Nettostromverbrauch von knapp 780 Terawattstunden (TWh) an, im Szenario C sind es hingegen knapp 1000 TWh. Im zurückliegenden Prozess war in einem Szenario noch von einem Verbrauch von über 1200 TWh die Rede. Zuletzt hatten mehrere Studien dabei von einem deutlich zu hoch angesetzten Stromverbrauch gesprochen.

Auch beim Ausbau von erneuerbaren Energien unterscheiden sich die Szenarien teils erheblich. Während Szenario A für das Jahr 2045 eine installierte Photovoltaik-Leistung von 315 Gigawatt (GW) annimmt, rechnet das Szenario C im selben Jahr mit 440 GW. In mehreren Studien waren die bisherigen PV-Ausbauziele als zu hoch, weil kostenintensiv, kritisiert worden. Aus der Erneuerbaren-Branche kamen aber auch Gegenstimmen.

Die Szenarien sollen laut Netzagentur eine breite Kulisse dessen abbilden, "wie und in welcher Geschwindigkeit" sich der weitere Umbau des Stromsystems vollziehen könne. Dies soll es ermöglichen, den zusätzlichen Ausbaubedarf im Übertragungsnetz gegebenenfalls anzupassen.

Zeitpunkt des Gasausstieges

Auch die Szenarien für Gas und Wasserstoff bilden eine große Bandbreite möglicher Entwicklungen ab. Die Szenarien unterscheiden sich vor allem darin, wie schnell und wie umfangreich die Elektrifizierung voranschreitet, wann und wie viel Wasserstoff eingesetzt wird und wann der Ausstieg aus Erdgas erfolgt.

So sehen Szenario 1 und 2 für das Jahr 2045 einen vollständigen Ausstieg aus Gas vor. In den Szenarien 3 und 4 hingegen wird angenommen, dass auch im Jahr 2045 und darüber hinaus in gewissem Umfang Erdgasbedarfe fortbestehen. Um Klimaneutralität zu erreichen, müsste CO2 hier allerdings abgeschieden und eingespeichert oder anderweitig genutzt werden.

Für Stadtwerke dürfte zudem folgende Passage interessant sein: "In den von den Fernleitungsnetzbetreibern vorgeschlagenen Szenarien war kein Szenario enthalten, in dem ein relevanter Teil des Fernleitungsnetzes bis 2045 und darüber hinaus erhalten bleibt und weiter für Erdgas genutzt wird." Dies entspreche auch den Langfristszenarien, die einen nahezu vollständigen Ausstieg aus Erdgas, einen schnellen Hochlauf von Wasserstoff sowie ein hohes Maß an Elektrifizierung vorsähen.

"Die Bandbreite der Szenarien ist so angelegt, dass sowohl ein zügiger als auch ein verzögerter Wasserstoffhochlauf von den Verteilnetzbetreibern modelliert werden kann", erklärte der Netzagenturchef. Dabei werde jedoch immer auf die Versorgungssicherheit für Gas und Wasserstoff geachtet. "Auch ein verzögerter Erdgas-Ausstieg ist mit berücksichtigt", so Müller. "Kunden können sich auf eine sichere Gasversorgung verlassen."

Der Ausbaubedarf im Wasserstoffnetz und die weitere Transformation bisheriger Gasfernleitungsnetze könne demnach aus verschiedenen Perspektiven überprüft und gegebenenfalls angepasst werden, ohne bestimmte Optionen vorzeitig auszuschließen. Auch Technologien wie die Abscheidung- und Speicherung von Kohlendioxid (englisch: CCS) sind in einzelnen Szenarios berücksichtigt.

Übertragungsnetzbetreiber zufrieden

Aus der Energiewirtschaft kam vor allem Zustimmung zu den neuen Szenariorahmen. "Die EnBW begrüßt, dass sich die Bundesnetzagentur offen für eine Neubewertung wichtiger energiewirtschaftlicher Parameter wie der künftigen Stromnachfrageentwicklung gezeigt hat", wird Dirk Güsewell, Vorstand für Systemkritische Infrastruktur und Kunden der EnBW, in einer Presseaussendung zitiert. Die eingeräumte Flexibilität sei wichtig, um das System bedarfsgerecht zu dimensionieren und "Netzausbau zu geringeren Kosten zu erreichen".

Tennet-Chef Tim Meyerjürgens begrüßte die neue Flexibilität ebenfalls, sprach sich aber auch für einen raschen Perspektivwechsel bei der Entwicklung von Windkraftanlagen auf See (Offshore) aus. "Ertragsziele statt Kapazitätsziele müssen ab sofort konsequent in die Netzplanung einfließen." Weniger, dafür aber besser ausgelastete Windanlagen und Anbindungen könnten "nahezu dieselbe Strommenge liefern", gleichzeitig nach Einschätzung des Übertragungsnetzbetreibers aber "hohe zweistellige Milliardensummen einsparen".

Neues Energiewendemonitoring

Zustimmung kam sowohl von Netzbetreibern als auch der Bundesnetzagentur zum neu angekündigten Energiemonitoring. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD heißt es dazu: "Wir werden ein Monitoring in Auftrag geben, mit dem bis zur Sommerpause 2025 der zu erwartende Strombedarf sowie der Stand der Versorgungssicherheit, des Netzausbaus, des Ausbaus der erneuerbaren Energien, der Digitalisierung und des Wasserstoffhochlaufs als eine Grundlage der weiteren Arbeit überprüft werden." Die Koalition hat in dem Papier zudem eine "konsequente Ausrichtung" auf Bezahlbarkeit, Kosteneffizienz und Versorgungssicherheit angekündigt.

"Die EnBW unterstützt diese Prozesse ausdrücklich, um die Akzeptanz der Energiewende dauerhaft zu sichern", wird EnBW-Vorstand Güsewell zitiert.

Auch Netzagenturchef Müller begrüßte die Ankündigung. "Wir haben uns über die Aussage im Koalitionsvertrag gefreut. Wir verstehen das so, dass damit ein externes, wissenschaftliches Monitoring gemeint ist." Die Bundesnetzagentur wolle dem Gremium künftig beratend zur Verfügung stehen.

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