Mir schwirrt der Kopf: Hätten wir 2006 einen Plan für den Strombedarf 2025 aufgestellt, hätten wir die heutigen Zahlen wohl für Science-Fiction gehalten. Vor genau dieser Aufgabe sind Verteilnetzbetreiber gestellt, wenn sie die Strombedarfe bis 2045 prognostizieren sollen.
So geschehen Ende Januar. Das Ergebnis: Die Verteilnetzbetreiber erwarten bis 2045 einen Strombedarf von 1174 Terawattstunden (TWh). So lautet jedenfalls das Ergebnis der aktuellen Regionalszenarien, in denen erstmals auch kleinere Netzbetreiber ihre Prognosen abgegeben haben. Alle zwei Jahre entsteht so ein neues Bild, das zusammen mit den Netzentwicklungsplänen der Übertragungsnetzbetreiber die Grundlage für die zukünftige Netzplanung liefert.
Vervierfachung bei PV, Verdreifachung bei Wind
Die Zahlen sind beeindruckend und beängstigend zugleich: Photovoltaik soll sich auf 425 Gigawatt (GW) vervierfachen, Windenergie an Land verdreifachen, Batteriespeicher von 2 auf 68 GW explodieren. Die Anschlussleistung für Wärmepumpen verzehnfacht sich, die Ladeinfrastruktur für E-Autos wächst von 16 auf 364 GW, Rechenzentren und Elektrolyseure erreichen neue Dimensionen.
Klar ist: Ohne massiven Netzausbau und Digitalisierung geht künftig nichts mehr. Mit wachsendem Digitalisierungsgrad steigt allerdings auch die Angriffsfläche. Dafür gilt es, Planungsprozesse zu professionalisieren und flexibler zu gestalten, um auf die neuen Anforderungen reagieren zu können.
Die Anforderungen an Prognose- und Berichtswesen steigen, digitale Lösungen für Datenintegration, Analyse und Automatisierung sind gefragter denn je. Standardisierte Schnittstellen und Datenformate werden zum Schlüssel für die Zukunft und die Währung bedeutet Datenqualität. Doch wie soll es gelingen, Schritt zu halten, wenn politische und regulatorische Rahmenbedingungen in ihrer Gleichzeitigkeit für mehr Komplexität sorgen?
Finanzierung wird zur zentralen Managementaufgabe
Die Diskrepanz zwischen ambitionierten Ausbauzielen und begrenzten Investitionszusagen ist eklatant und macht die Planung zur echten Herausforderung. Und: Der Investitionsdruck steigt rasant.
Es reicht längst nicht mehr, bestehende Netze punktuell zu verstärken. Es braucht umfassende Ausbau- und Erneuerungsmaßnahmen auf allen Spannungsebenen. Engpässe bei Planung, Bau und Komponentenbeschaffung, beispielsweise bei Transformatoren, verschärfen die Lage zusätzlich. Die Finanzierung wird zur zentralen Managementaufgabe: Fördermittel, neue Finanzierungsmodelle und innovative Partnerschaften sind gefragt.
Ein weiteres Thema: Die stark steigende Zahl dezentraler Einspeiser und neuer Anwendungsfälle durch Prosumer erfordert ein Umdenken in Geschäftsmodellen und eine massentaugliche Digitalisierung. Das Potenzial von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zur Systemoptimierung wird bislang unterschätzt. Studien zeigen: Innovative Maßnahmen in Planung und Betrieb können den Ausbaubedarf um bis zu 30 Prozent senken. Flexibilitäten netzdienlich einzusetzen und Netzanschlusskapazitäten besser zu nutzen, entlastet das System und verschafft Zeit.
Auch Standardisierung und Digitalisierung von Prozessen und Genehmigungsverfahren bieten enormes Potenzial. Hier ist noch viel Luft nach oben, etwa durch Erweiterung des Rechtsrahmens für Flexibilität. Und: Die Fortführung oder der Neustart des unterbrochenen Branchendialogs zur Beschleunigung von Netzanschlüssen ist dringend nötig.
Aktive Kundenkommunikation vonnöten
Nicht zu vergessen: Die steigende Nachfrage nach Netzanschlüssen für Wärmepumpen, E-Mobilität und dezentrale Erzeuger verlangt eine aktive Kundenkommunikation. Beratung, Service und neue Geschäftsmodelle beispielsweise für neue Quartierslösungen werden keine Millionen einbringen, aber das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der kommunalen Energieversorgung widerspiegeln. Innovative Modelle zur gemeinsamen Nutzung von Anlagen, Flexibilisierung der Anschlussleistung oder Bündelung von Kapazitäten sind gefragt.
Mein Fazit: Langfristige Planung ist in einem hochdynamischen Umfeld kein Luxus, sondern Notwendigkeit, solange sie als lebendes, szenariobasiertes System verstanden wird. Die Regionalszenarien 2025 zeigen, was möglich und nötig ist. Sie machen aber auch deutlich, wie groß die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit noch ist.
Netze heute anhand der Spitzenlast so weit in die Zukunft vorauszuplanen, bei der beispielsweise Speicher als Last hinzuaddiert werden, statt als Tool eingesetzt zu werden, erscheint mir zu kurz gedacht. So verursachen Speicher dieselben Kosten wie jede andere Last, statt ihr Potenzial für Versorgungssicherheit und Resilienz beispielsweise durch netzbezogene Preissignale zu heben.
Dies erhöht die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten und gefährdet die Netzsicherheit im zunehmend volatilen Stromsystem. So wie wir 2006 nicht ahnen konnten, welche Digitalisierungstiefe wir 2025 haben würden, ist heute ein einfaches "Weiter so" zu kurzsichtig. Innovation ist nicht als Selbstzweck zu sehen, Digitalisierung kein Allheilmittel. Wie also schließen wir die Lücke zwischen Vision und Umsetzung? Zwischen Pflicht und Kür? Das bleibt der Elefant im Raum.


